Aktualisiert 25.05.2010 06:46

Verrückte Kursverläufe

Börsianer werden immer hektischer

Anfangs Monat brachte ein US-Fonds die Wall Street nahe an den Abgrund und der Euro-Kurs reagiert auf die absurdesten Gerüchte. Warum spielen die Märkte verrückt?

von
Sandro Spaeth

Die Börse gleicht derzeit einer Wundertüte. Die neuste Überraschung: In der Nacht auf Freitag ist der Euro vorübergehend auf fast 1.46 Franken gestiegen – ein Wert so hoch wie vor der Griechenland-Krise. Die Probleme der Hellenen haben sich über Nacht aber mitnichten gelöst. Ein möglicher Grund: Investoren mussten sich wegen Terminkontrakten plötzlich mit Euro eindecken. Ein anderer: Spekulationen von Politikern, Griechenland wolle aus der EU austreten. Das «Euro-Hoch» dauert aber nicht lang. Einige Stunden später sank der Kurs wieder auf 1.43 Franken.

Ein weiteres Beispiel für die Unberechenbarkeit der Märkte: Am 6. Mai erlebte der Dow Jones Industrial innerhalb weniger Minuten einen Absturz um über 1000 Punkte. Seither rätseln Börsianer und Aufsichtsbehörden über den Grund. Anfangs ging man von einem Tippfehler eines Händlers aus. Mittlerweile schieben die Börsianer dem konservativen US-Investmentfonds Waddel & Reed die Schuld zu. Er habe riesige Mengen Terminkontrakte verkauft, was eine Kettenreaktion ausgelöst habe. Noch ist aber einzig klar, dass gar nichts klar ist. Es läuft eine Untersuchung der Börsenaufsicht.

Der Lemming Effekt

«Die Märkte reagieren tatsächlich nervöser als früher, weil mehr Leute engagiert sind und die Medien heute viel mehr darüber berichten», sagt Cash-Guru Fredi Herbert. Es komme zum Lemming-Effekt: zittert einer, zittern alle! Ins selbe Horn bläst ein von 20 Minuten Online befragter Börsenhändler: «Es ist alles viel volatiler als früher». Die Währungen spielten verrückt und nicht nur der Schuldenberg Griechenlands sei gigantisch.

Auch für ZKB-Ökonom Beat Schumacher sind die Börsenbewegungen derzeit überdurchschnittlich nervös: «Die Anleger sind gebrannte Kinder.» Die Weltkonjunktur komme aus einer grossen Krise und der Aufschwung sei noch fragil. Das Hauptproblem sieht auch Schumacher in den enormen Schuldenbergen der südeuropäischen Länder und den ökonomischen Ungleichgewichten in der Eurozone. Ob deren Abbau gelingen wird, ist jedoch sehr fraglich. Daher ist es für den Ökonomen nachvollziehbar, dass die Anleger nervös reagieren. «Von gewissen Seiten wird sogar ein Double-Dip befürchtet», sprich ein zweites «Abtauchen» der Weltkonjunktur.

«Die Politik versteht nichts von Märkten»

Ein Grund für das hektische Treiben an den Märkten ist auch das Mitmischen der Politik. So hat Angela Merkel in dieser Woche das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen in Deutschland verkündet und international wird ständig über schärfere Regeln für den Bankensektor diskutiert. «Bei dem Märkten sorgt das für Nervosität. Es besteht eine Angst vor Überregulierungen», sagt Schumacher. Der Cash Guru meint über Politiker lapidar: «Von Politik verstehen sie wenig, von den Märkten gar nichts – und trotzdem wollen die sie schärfere Regulierungen durchsetzen.» Für den Cash Guru verdeutlicht der deutsche Alleingang, dass allen das eigene Hemd am nächsten ist. Die vielgelobte EU-Einigkeit sei zur Farce geworden.

Der Einfluss der Computer

Möglicherweise sind die enormen Ausschläge an den Börsen auch auf die automatischen Computersysteme zurückzuführen, welche blitzschnell minimale Kursveränderungen registrieren und darauf regieren: «Dieser Einfluss ist schwierig abzuschätzen. Die Bewegungen können durch diese Art von Trading aber noch verstärkt werden», sagt Schumacher. Ein Verkauf löse den nächsten aus, der klassische Domino-Effekt. An eine gewisse Wirkung der «Flash-Trader» glaubt auch der Cash Guru Alfred P. Herbert: «Die Computer haben sicher einen Einfluss. Dieser ist aber beschränkt. Alleine können sie keinen Trend bestimmen.»

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