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MorddrohungenBösartige Internet-Hetze –Schweiz-Türke sieht rot

Er hetzt gegen Schweizer Gülen-Anhänger im Internet und verschickt Morddrohungen: 20 Minuten hat einen Schweiz-Türken gefragt, warum er das tut.

von
T. Bircher
Seit dem Putschversuch in der Türkei werden Gülen-Anhänger auch in der Schweiz verfolgt.

Seit dem Putschversuch in der Türkei werden Gülen-Anhänger auch in der Schweiz verfolgt.

Keystone/AP/Petros Giannakouris

Eine junge Türkin wurde letzte Woche mit Hasskommentaren eingedeckt, weil sie auf Facebook den Basketballer Enes Kanter likte. Dieser hatte sich vorgängig auf Twitter kritisch gegenüber Erdogan geäussert. Unter den Nachrichten war auch eine Morddrohung, die sich gegen ihre Eltern richtete. «Deine Eltern, deine Mutter und deinen Vater werden wir aufschneiden, warte nur», stand da.

20 Minuten hat den Mann, der diese Nachricht verfasst und verschickt hatte, via Facebook kontaktiert und ihn zu seinen Beweggründen befragt.

24. Juli 2016:

Herr H.*, auf Facebook äussern Sie sich negativ gegenüber Gülen-Anhängern.

Ich werde mich nach den Ferien melden. Bin momentan in der Türkei. Geht das klar?

Ja, natürlich.

Sag es schon jetzt, nichts wird ausgeschnitten. Sonst mache ich es nicht. Ich hab den Putsch hier live erlebt, hab zwei Verwandte verloren ... hatte selber Glück. War in Istanbul, als die Kampfjets Tiefflüge gemacht haben und die Panzer auf uns rollten, konnte mich in letzter Sekunde retten. Ich hab einiges zu erzählen.

02.08.2016:

Sehr geehrter Herr H. Ich würde Sie heute gern kontaktieren bezüglich des Interviews. Könnten Sie mir bitte Ihre Mail-Adresse oder Ihre Telefonnummer schicken?

Ich bin immer noch in der Türkei.

Alles klar. Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, mir ein paar Fragen schriftlich zu beantworten?

Haha, ja klar.

Wie ich Ihnen geschrieben habe, versuche ich herauszufinden, was Erdogan-Anhänger dazu bringt, über Facebook und andere soziale Netzwerke Menschen zu bedrohen und zu jagen. Sie haben ebenfalls Drohungen an Menschen geschickt. Was versuchen Sie damit zu erreichen? Wie finden Sie die Leute überhaupt, die sich aus Ihrer Sicht falsch verhalten? Wer sind diese Menschen? Geht es darum, Gülen-Anhänger einzuschüchtern? Was ist Ihr Ziel?

Hahaha ... wen hab ich denn bedroht? Lächerlich.

Ich habe Screenshots erhalten von Facebook-Mails, in denen Sie jemanden bedrohen. Ich kann Ihnen die Person aufgrund des Quellenschutzes nicht nennen. Aber wenn Sie sich dazu nicht äussern möchten, dann ist das selbstverständlich Ihre Entscheidung. Erzählen Sie mir doch einfach das, was Sie mir in Ihrer letzten Nachricht angekündigt haben.

1. Die Gülen-Bewegung wird von der Schweiz auch unterstützt, das heisst, die Schweiz unterstützt Terroristen.

2. Die Gülen-Anhänger haben ihre Internet-Seiten, wo sie sich in Gruppen aufhalten.

3. Die USA, Schweiz und Deutschland profitieren von den Schulen der Gülen-Bewegung.

4. Ich war nie ein Erdogan-Fan und werde es auch nie sein. Da gibt es Dinge, die du als Schweizer gar nicht verstehen kannst. Wenn es um unser Vaterland geht, stehen wir alle hinter dem demokratisch gewählten Staatspräsidenten, der mit mehr als 54 Prozent gewählt wurde. Ich habe meine Stimme der SP gegeben, nur so nebenbei, anscheinend Erdogan-Fan.

5. Du betreibst nur Hetze und dein Arbeitgeber auch. Türkenphobie betreibt ihr, das Interview kannst du vergessen.

Ciao. Ne, ich rede nicht mit Ihnen. Ihr unterstützt Terroristen, die in der Türkei Terror verbreiten, unschuldige Leute töten, die PKK beispielsweise – angeblich die Arbeiterpartei. Ich bedrohe diese Leute und diese Leute verdienen es. Mal schauen, ob die noch in die Türkei gehen können.

Ich habe Sie nach Ihrer Meinung gefragt und Ihnen eine Möglichkeit geben wollen, Ihren Standpunkt darzulegen. Ich will Sie zu überhaupt nichts zwingen, es wäre nur interessant gewesen und hätte vielleicht auch dazu beigetragen, dass die Schweizer die Situation in Ihrer Heimat besser verstehen. Ich unterstütze ganz bestimmt keine Terroristen. Ich bin Journalistin und versuche, die Wahrheit zu erfahren, das ist alles. Danke für Ihre Zeit und Informationen.

Dein Staat unterstützt Terroristen: PKK. Egal, ihr müsst es nicht verstehen. Das ist unser Kampf und juckt niemanden. Ich werde die Schweiz sowieso verlassen – dank den Hetzern, den Medien und Zeitungen. Ich werde im Winter in die Polizei-Akademie aufgenommen und dann, wenn du in die Türkei kommst, können wir ein Interview machen, aber in der Schweiz nicht.

Ich hab nichts gegen dich, aber Europa verhält sich einfach nur kindisch. All die Staaten. Gülen-Bewegung wollte ganz Türkei auslöschen. Daher ist es ja klar, dass die Bürger zu Erdogan stehen. Sogar Kurden oder Oppositionsgegner. Jeder war auf der Strasse. Gülen-Bewegung ist ein Staat im Staat, seit 40 Jahren haben sie überall in jedem Bereich ihre Leute eingepflanzt: Richter, Polizei, Anwälte, Militär, Lehrer. Sie hatten fast mehr als 40 Prozent der Bildungsinstitutionen in der Hand: Privatschulen, Militärschulen. Und dieser parallele Staat wird jetzt vernichtet.

Ich hab so reagiert, weil Sie sagten, ich hätte Leute bedroht. Hab nur Gülen-Anhänger angeflucht und glaub mir, wenn die in die Türkei kommen und ich so einen auf offener Strasse erschiesse, gibt es keine Strafe, weil das Landesverräter sind. Von dem her ist es mir egal. So ist die Lage. Noch Fragen?

Ja, erklären Sie mir bitte noch, was Ihr Ziel ist, wenn Sie Gülen-Anhänger bedrohen? Was bringt das? Inwiefern hilft das Ihrem Land?

Ich bedrohe sie nicht. Ich gebe ihre Namen den türkischen Behörden und dann, wenn sie in die Türkei kommen, werden sie verhaftet und das hilft sehr viel. Einer weniger heisst weniger Geld für die Bewegung. Das ist eine Sekte, schlimmer als Al-Qaida. Die Schweiz sollte die Schulen schliessen, sonst werdet ihr auch einen Putsch erleben.

Aber Sie haben doch auch gewissen Leuten geschrieben, sie bedroht, das haben Sie doch vorher selbst gesagt.

Ja, weil sie Blut an den Händen haben. Sie haben diese Putschisten mit Geld unterstützt, über 40 Jahre.

Woher wissen Sie das?

Ihre eigenen Leute haben sie in den USA gewarnt und gesagt, geht diesen Sommer nicht in die Türkei. Und ich versteh nicht, auch wenn ich diese Leute bedroht habe, was ist jetzt? Diese Leute haben mich auch bedroht.

Unter diesen Leuten, die Sie bedroht haben, sind völlig apolitische Menschen. Die interessieren sich weder für Erdogan noch für Gülen. Ich habe mit ihnen gesprochen. Einige trauen sich nicht mehr aus dem Haus, seit sie Ihre Nachricht bekommen haben. Sie haben bei der Polizei Anzeige erstattet und haben Angst um sich und ihre Familie. Ich möchte verstehen, was Sie dazu bringt, jemandem, der ein Like am – aus Ihrer Sicht – falschen Ort gesetzt hat, mit dem Tod der Eltern zu drohen. Was bringt Ihnen das?

Mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten, ok? Ich habe zwei Verwandte verloren, und wenn ich sehe, dass solche Hurenkinder solche Sachen posten und immer wieder gegen mein Land Sachen posten, da platzt mir der Kragen, ok? Wer hat mich angezeigt? Erzähl mal.

Ich kann Ihnen das aufgrund des Quellenschutzes nicht sagen. Nur so viel: Sie haben diesen Personen Angst gemacht.

Einfach nur lächerlich. Sehe ich aus wie ein Terrorist? Ich war in dem Moment einfach nur wütend. Sie können diesen Leuten sagen, dass sie keine Angst haben müssen, ich schade niemandem. Aber jeder sollte für seine Sachen schauen. Ich hab zwei Verwandte verloren. Ich würde nie jemandem etwas tun. Sagen Sie das diesen Leuten, dass sie keine Angst haben müssen.

Das werde ich. Was muss man denn als Schweizer über Erdogan und Gülen Ihrer Meinung nach wissen?

Gülen ist ein Terroristen-Führer, ein islamischer, hoch intelligenter Typ, der eine gewisse Masse manipuliert hat und durch die Geld verdient. Er wird von der CIA beschützt, meine Schwester lebt in den USA und sie hat es mit ihren eigenen Augen gesehen. Dieser Mann ist sehr gefährlich, deswegen sollte auch die Schweiz seine Schulen schliessen. Dieser Gülen war an jedem Putsch in der Türkei dabei, er hat sich immer auf die Gewinner-Seite gestellt. Und Erdogan, seit er da ist, wächst die Türkei, auch die Kurden-Frage hat er gut beantwortet, die Türkei wächst immer mehr, von Tag zu Tag. Wäre Erdogan so ein Mörder, wie die Medien das darstellen, gäbe es keinen Gülen und PKK-Anhänger in der Türkei. Das stört mich an ihm, er ist zu weich vorgegangen. Gülen ist ein pädophiler Terroristen-Führer. Er hat eine Villa in der Grösse eines Schlosses.

Woher haben Sie diese Informationen über Gülen? Ist das nicht einfach das, was Erdogan über ihn sagt? Woher wissen Sie, dass das stimmt?

Ich weiss es, war selber an seiner Schule mit 12 Jahren. Und nicht nur Erdogan, der Sportverein Fenerbahce wurde als erstes Ziel ausgewählt von Gülen, der Präsident wurde sogar in den Knast gesteckt. Gülen-Richter, Gülen-Polizisten. Jetzt sind sie alle weg, auf einmal. Geflüchtet. Wenn diese keine Schuld haben, wollen sie zurück in die Türkei kommen. Die Beweise liegen offen auf dem Tisch: Das sind gekaufte Leute von den USA, sie dienen der US-Regierung. Aber eben, das ist nicht Ägypten, Irak oder Libyen. Das türkische Volk ist nicht zurückgeblieben.

Wenn Sie sagen, Sie haben das selbst erlebt in Gülens Schule, war das in der Türkei? Wie haben Sie dort gemerkt, dass er ein Terrorist ist?

Nein, in der Schweiz. Sie haben mir gute Noten gegeben, obwohl ich schlecht war. Auch vor den Tests haben sie mir die Antworten gegeben. In der Türkei ist es dasselbe, in grösserer Form. Militärschulen, dies und das.

Welche Schule war das? Und mit welchem Ziel haben sie Ihnen geholfen?

Ich hab ihnen gar nicht geholfen. Die Schule in Zürich. Keine Ahnung wie sie heisst.

Nein, die Schule hat Ihnen geholfen, sagen Sie. Mit Antworten usw.

Ja, indem sie mir gute Noten gaben.

Aber wieso?

Ich habe ein Diplom erhalten. Ja weil sie die Leute so gewinnen ...

Damit Sie sich der Gülen-Bewegung anschliessen?

Und bis zu einem gewissen Niveau so weitertragen und danach sagen: «Wir haben dich bis hierher gebracht und jetzt musst du uns gehorchen.» Ich sage ja, das ist eine Sekte, die über Macht verfügt.

Werden Sie auch in Zukunft Morddrohungen verschicken?

Haha, ist das Ihr Ernst? Nein.

Gut. Da bin ich froh.

Die Leute haben mehr Angst vor Ufos als vor mir.

Vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihre Zeit. Ich werde unser Gespräch veröffentlichen. Möchten Sie, dass ich Ihren Namen anonymisiere?

Ja, gerne. Sonst bekomme ich selber Drohungen. Haha. Habe keine Angst, aber will nicht unnötig Leute zusammenschlagen.

Alles klar.

Danke dir. Schneide bitte nichts aus, ok? Und bitte sag diesen Leuten, dass ich sie nie mehr bedrohen werde und dass ich nicht so ein Mensch bin.

*Name der Redaktion bekannt

«Anzeige erstatten und sich einen Anwalt nehmen»

Männer wie H. seien derzeit leider keine Ausnahme, sagt Kazim Erdogan, Vorsitzender des Vereins Neuköln, Integrationsexperte und Psychologe. «Das sind junge Typen, die in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland leben, sich nicht zugehörig fühlen, eine schlechte Ausbildung genossen haben, aus der Unterschicht stammen und nun die Chance beim Schopf packen, ihren Patriotismus auszuleben und ihr Bedürfnis nach Macht zu befriedigen. Dabei kennen sie die Türkei meist nur aus den Ferien und wissen nicht wirklich, was in diesem Land überhaupt los ist.»

Menschen ohne Wissen und Kenntnisse würden schnell zu Mitläufern, so Kazim Erdogan. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, mit der türkischen Flagge in der Hand auf die Strasse zu gehen, könne ein vorübergehendes Erfolgserlebnis auslösen. In der Gruppe fühlten sich solche Männer stark.

«Die primitive Wortwahl, die H. in seiner Facebook-Nachricht verwendet, lässt darauf schliessen, dass er wohl in Kreisen verkehrt, in denen hauptsächlich mit Schimpfwörtern kommuniziert wird. Da geht es nur um Ficken und Schlampen», sagt Kazim Erdogan. Oft hätten diese Männer keine Vorbilder, lebten in einer kleinen Wohnung, hätten einen schlechten Job, getrennte Eltern, von Normen und Werten wüssten sie nichts und auch türkische Umgangsformen seien ihnen fremd.

H.s Aussagen dürfe man nicht ernst nehmen. «Ich glaube, das sind leere Worte, die einfach von sehr viel Unwissenheit und Respektlosigkeit zeugen.» Viele Türken sähen sich derzeit damit konfrontiert. «Wer nicht gerade mit der türkischen Fahne durch die Strassen zieht, wird derzeit beschimpft, verfolgt, attackiert und abgestempelt.» Dennoch gebe es nur eines in solchen Situationen: Anzeige erstatten und sich einen Anwalt nehmen.

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