Vor der Küste Louisianas: Bohrinsel gesunken - Öl strömt ins Meer
Aktualisiert

Vor der Küste LouisianasBohrinsel gesunken - Öl strömt ins Meer

Im Golf von Mexiko droht eine Ölkatastrophe: Zwei Tage, nachdem eine brennende Bohrinsel des Schweizer Unternehmens Transocean explodiert ist, fliesst Öl ins Meer.

Im Golf von Mexiko droht eine Ölkatastrophe: Zwei Tage nach einer schweren Explosion ist die brennende Bohrinsel des Schweizer Unternehmens Transocean vor der US- Küste gesunken. Experten sprechen vom schwersten Unfall dieser Art seit drei Jahrzehnten.

Transocean bestätigte das Unglück am Donnerstagabend. Der Grund für das Feuer sei nach wie vor unbekannt. Es brach ausgerechnet am «Tag der Erde» aus. Nach der Explosion brannte die Plattform zwei Tage lang wie eine riesige Fackel, über hundert Meter stachen die Flammen in den Himmel. Alle Löschversuche scheiterten.

Dann versank die Plattform «Deepwater Horizon», auf der über 120 Männer rund um die Uhr gearbeitet hatten, in den blauen Fluten des Golfs von Mexiko. Für elf vermisste Arbeiter des Ölkonzerns British Patrol BP besteht kaum noch Hoffnung. Und wenn aus dem Bohrloch in über 1500 Meter Tiefe weiter Öl sprudelt, droht auch eine Katastrophe für den Golf von Mexiko.

Am Freitag war das ganze Ausmass des Schadens noch nicht abzuschätzen. Zwar sagte eine Sprecherin der US-Küstenwache: «Im Augenblick kommt kein Rohöl aus dem Bohrkopf.»

Ölteppich ausgebreitet

Doch allein bisher habe sich ein langer Ölteppich ausgebreitet, der eine Fläche von 8 mal 1,5 Kilometer bedeckt. Die Gefahr einer schweren Ölverschmutzung sei nicht gebannt.

Noch am Donnerstagabend hatte der TV-Sender MSNBC gemeldet, es bestehe das Risiko, dass täglich rund 330 000 Gallonen Öl ins Wasser gespült würden, das sind etwa 1,2 Millionen Liter pro Tag.

Hinzu kommen mehr als 2,5 Millionen Liter (2100 Tonnen) Rohöl, die aus der Plattform selbst in den Golf gelangen könnten. Zum Vergleich: Bei der schweren Katastrophe des Tankers «Exxon Valdez» im März 1989 vor der Küste Alaskas flossen 42 000 Tonnen aus.

Doch das eigentliche Horrorszenario wäre, wenn ein solcher Ölteppich im Golf von Mexiko die rund 80 Kilometer entfernte Küste von Louisiana erreichen würde. Schon warnen Umweltschützer, die Brutstätten für Vögel seien gefährdet, ebenfalls Garnelenkulturen.

Es sei eine massive Räumungs- und Säuberungsaktion in Gang gesetzt worden, damit das Öl nicht an die Küste der Bundesstaaten Louisiana, Alabama und Mississippi gelange, hiess es weiter.

Hilfe aus dem Weissen Haus

US-Präsident Barack Obama kündigte an, alles zu tun, um eine mögliche Umweltkatastrophe abzuwenden. In einer Erklärung des Weissen Hauses hiess es, Obama habe «jede erforderliche Hilfe» der Bundesregierung für die Rettungs- und Katastrophenschutzmassnahmen zugesagt.

Transocean verfügt über rund 140 bewegliche Bohranlagen und die grösste Flotte in der Branche. Die ursprüngliche US-Firma hat seit 2008 ihren Sitz im Kanton Zug. Seit Dienstag ist sie an der Schweizer Börse SIX kotiert, ihre Aktien werden zudem weiterhin an der New Yorker Börse NYSE gehandelt.

Die Plattform «Deepwater Horizon» wurde im Jahr 2001 gebaut. Analysten zufolge würde ein Wiederaufbau rund 600 Millionen Dollar kosten, schreibt das «Wall Street Journal». Der Ölkonzern BP sei zudem kurz davor gewesen, einen grossen Ölfund an der Stelle der Plattform bekanntzugeben.

Das Unglück ereignete sich rund drei Wochen nachdem US-Präsident Barack Obama angekündigt hatte, Öl- und Gasbohrungen vor der US- Atlantikküste zuzulassen. Seine Pläne stossen insbesondere bei Umweltschützern auf Widerstand.

(sda)

Bohrinsel-Katastrophen

Das Unglück auf der «Deepwater Horizon» ist nicht das erste seiner Art. Die bislang grösste Katastrophe ereignete sich am 6. Juli 1988 auf der US-Ölplattform «Piper Alpha» vor der schottischen Nordseeküste: Bei einer Explosion starben 167 Menschen.

Weitere schwere Unglücke:

23. Oktober 2007: In schwerer See stossen zwei Ölplattformen im Golf von Mexiko zusammen. 22 Menschen werden getötet, 63 können gerettet werden. Betroffen sind die Plattform «Usumacinta» und der kleinere Bohrturm «Kab 101». Das Unglück rund 30 Kilometer vor dem Hafen von Dos Bocas im mexikanischen Bundesstaat Campeche ereignet sich bei Sturmböen mit Geschwindigkeiten von 130 Stundenkilometern und bis zu acht Meter hohen Wellen.

27. Juli 2005: Vor der indischen Küste etwa 160 Kilometer westlich von Bombay prallt ein Versorgungsschiff bei schwerer See gegen die Ölbohrinsel «Mumbai High North». Die Plattform gerät in Brand. Elf Menschen kommen ums Leben, zwölf weitere bleiben vermisst.

15. März 2001: Explosionen beschädigen einen Schwimmpfeiler der damals weltgrössten Ölplattform P-36, die etwa 120 Kilometer vor der Atlantikküste Brasiliens liegt. Elf Männer werden getötet. Die 120 Meter hohe Anlage mit 1,2 Millionen Liter Diesel und 300'000 Liter Rohöl in ihren Tanks gerät in Schräglage und sinkt fünf Tage später.

18. Januar 1995: Im Atlantik vor der Küste Nigerias sterben bei einer Explosion auf einer Erdölplattform sechs Menschen, vier bleiben vermisst.

25. März 1993: Eine Explosion auf einer Erdölplattform im Maracaibo-See im Westen von Venezuela kostet mehr als 20 Menschen das Leben.

16. August 1984: Nach einer Gasexplosion auf der Atlantik- Bohrinsel «Enchova» vor Rio de Janeiro (Brasilien) entsteht ein Brand. 37 Arbeiter sterben, 5 bleiben vermisst.

15. Februar 1982: Im Atlantik vor Neufundland (Kanada) kentert die in den USA registrierte Bohrinsel «Ocean Ranger». Alle 84 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Wegen eines Defekts war über die vorderen Ballasttanks bei stürmischer See Wasser eingedrungen.

27. März 1980: Im Sturm bricht einer der fünf schwimmenden Ponton- Pfeiler der norwegischen Versorgungsinsel «Alexander Kielland» im Ekofisk-Feld in der Nordsee. Die Insel diente als schwimmendes Hotel für die Mannschaft der Bohrinsel «Edda». Von den 212 Mann an Bord können 123 nicht gerettet werden. 75 werden tot geborgen, 48 bleiben vermisst. (sda)

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