Bolivien im Autonomie-Rausch
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Bolivien im Autonomie-Rausch

Die rohstoffreiche bolivianische Region Santa Cruz hat sich in einer Abstimmung klar für mehr Autonomie von der Zentralregierung ausgesprochen. Präsident Evo Morales, der das Votum als illegal bezeichnete, will den Dialog suchen.

Teilergebnissen zufolge sprachen sich in Santa Cruz etwa 82 Prozent für mehr Autonomie aus. Während in der gleichnamigen Regionalhauptstadt tausende Menschen ausgelassen ihren Sieg feierten, bezeichnete der linksgerichtete Präsident Evo Morales die Abstimmung als «völligen Misserfolg».

Morales sprach in einer landesweit übertragenen Radiorede von einer hohen Zahl von Stimmenthaltungen. Die «illegale und verfassungswidrige Abstimmung» habe deshalb nicht den Erfolg gehabt, den sich «bestimmte Familien» erhofft hätten, sagte er.

Morales will Dialog

Damit sprach er indirekt die Unternehmer und Grossgrundbesitzer in der östlichen Region an. Gleichzeitig forderte Morales die Gouverneure von Santa Cruz und der anderen nach mehr Autonomie strebenden Regionen zu einem Dialog auf.

Er wolle «von morgen an» mit ihnen an einer «echten Autonomie» arbeiten, die sich auf die neue Verfassung stütze, sagte er. Es solle eine Autonomie für «alle Völker» und nicht nur einzelner Gruppen sein.

Das Referendum in Santa Cruz war eine Reaktion auf einen gescheiterten Verfassungsentwurf von Morales, der den Ureinwohnern mehr Autonomie zugestehen und dem Präsidenten mehr Vollmachten einräumen sollte.

Die von Grossgrundbesitzern dominierte Region Santa Cruz wehrt sich hingegen gegen den zunehmenden Zugriff der Zentrale auf seine Wirtschaft.

Weitere Abstimmungen

Im kommenden Monat wollen die drei wohlhabenden Provinzen Tarija, Beni und Pando ebenfalls über ihre Autonomie abstimmen. Zusammen mit Santa Cruz erwirtschaften sie rund 65 Prozent des Bruttoinlandprodukts des Landes.

Sollte die Autonomiebewegung auch dort gewinnen, dürfte es der Regierung nach Einschätzung von Beobachtern in La Paz schwer fallen, die Ergebnisse zu ignorieren.

Die Armee warnte vor der Abstimmung in Santa Cruz vor einem Auseinanderbrechen des Andenstaats in arme und reiche Regionen. Bolivien ist das ärmste Land in Südamerika.

Ein Toter und Verletzte

Die Abstimmung sei von Gewalt und Berichten über Wahlfälschung überschattet worden, sagte Morales in seiner Rede. Im Vorfeld des Urnengangs wurden laut Spital- und Regierungsangaben ein Mensch getötet und rund 20 verletzt.

Der Präfekt von Santa Cruz, Ruben Costas, sprach hingegen von einem Triumph der Demokratie. «Der Marxismus ist gescheitert», sagte er unter Anspielung auf das sozialistische Gesellschaftsmodell, das Morales verfolgt.

Das Autonomie-Referendum ist Teil des seit dem Wahlsieg von Morales Ende 2005 ausgefochtenen Machtkampfes um eine Neuverteilung des nationalen Reichtums zwischen der verarmten Indio-Mehrheit im Westen des Landes und den reicheren, von europäischstämmigen Einwanderern dominierten Landesteilen im Osten.

(sda)

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