Acht Vermisste nach Bergsturz: Bondo bleibt evakuiert

Aktualisiert

Acht Vermisste nach BergsturzBondo bleibt evakuiert

Nach dem Felssturz im Bergell ist die Zahl der Vermissten womöglich gestiegen. Knapp 20 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt.

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fal/rub
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Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter  könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.

Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.

AFP
Musste Bergung abbrechen: Einsatzleiter Andrea Mittner informiert die Medien. (26. August 2017) Bild: Thomas Egli

Musste Bergung abbrechen: Einsatzleiter Andrea Mittner informiert die Medien. (26. August 2017) Bild: Thomas Egli

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Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)

Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)

AFP/Miguel Medina

Nach dem grössten Bergsturz in Graubünden seit Jahrzehnten werden bei Bondo im Bergell mindestens acht Personen vermisst. Eine Gruppe von weiteren fünf bis sechs Menschen wird ebenfalls gesucht. Es ist aber unklar, ob sie sich im Bergsturzgebiet aufhielt.

Bei acht Personen geht die Polizei davon aus, dass sie sich im Val Bondasca aufhielten, als die Felsmassen ins Seitental hinter dem Bergdorf Bondo krachten.

Suche am Boden und aus der Luft

Sechs dieser Personen wurden von Angehörigen als vermisst gemeldet, wie Andrea Mittner, Gesamteinsatzleiter der Kantonspolizei Graubünden, am Donnerstagnachmittag vor Ort an einer Medienkonferenz sagte. Die Anwesenheit der beiden anderen ermittelte die Polizei.

Es handelt sich um erwachsene Wanderer und Berggänger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die unabhängig voneinander in Zweiergruppen im Gebiet unterwegs waren. Einheimische sind keine darunter.

Nach den Vermissten wird am Boden und aus der Luft gesucht. Im Einsatz stehen zwei Helikopter, Suchmanschaften mit Hunden, Wärmebildkameras und Geräte zur Ortung von Handystrahlen. Bisher verlief die Suche aber ohne Erfolg.

Nachstürze nicht ausgeschlossen

Die 100 evakuierten Einwohner von Bondo und weitere 32 Personen aus der nähren Umgebung dürfen bis mindestens Freitag um 10 Uhr nicht in ihre Häuser zurückkehren. Dann wird die Lage neu beurteilt. Der ganze Ort bleibt evakuiert. Experten schliessen Nachstürze nicht aus. Die Evakuierten sind bei Verwandten, Freunden und beim Zivilschutz untergekommen. Die Gefahr vor Ort wird laufend evaluiert.

Nach ersten Schätzungen waren am Mittwochmorgen am Piz Cengalo zuhinterst im Val Bondasca vier Millionen Kubikmeter Gestein zu Tal gedonnert, wie Martin Keiser vom kantonalen Amt für Wald und Naturgefahren an der Medienkonferenz erklärte. Eine weitere Million Kubikmeter ist am Berg in Bewegung und kann ebenfalls abstürzen.

Das Volumen der weggebrochenen Felsmassen entspricht dem von etwa 4'000 Einfamilienhäusern. Damit handelt es sich um den grössten Bergsturz im Alpenkanton seit Jahrzehnten. Der letzte grosse Bergsturz am Piz Cengalo im 2011 wurde um das Dreifache übertroffen.

Gewaltiger Murgang

Im Tal wurden die Felsmassen vom Bach Bondasca talauswärts bis nach Bondo geschoben. Das Dorf wurde vom gewaltigen Murgang gestreift, ein halbes Dutzend Gebäude beschädigt. Und im Val Bondasca walzten die Gesteinsmassen zwölf Maiensässe nieder.

Später spülte Wasser Geröll um das Dorf und bis zur Strasse im Tal. Die Fahrbahn wurde sowohl unter- als auch überspült. Die Bergeller Hauptverbindung ist beschädigt und stellenweise verschüttet. Eine einspurige Umfahrung wurde eingerichtet. Diese ist aber nur am Tag offen.

Im Katastrophengebiet wurde eine Spezialeinheit gebildet. Insgesamt stehen 120 Personen von Feuerwehr, Polizei, Militär, Zivilschutz und Gemeinde im Einsatz.

Die Bündner Regierungspräsidentin Barbara Janom Steiner verschaffte sich am Donnerstag vor Ort einen Überblick über das Ausmass der Zerstörung. Sie besuchte die evakuierte Bevölkerung und sicherte ihr und der Gemeinde die volle Solidarität und die grösstmögliche Unterstützung des Kantons zu.

Gefahr war bekannt – Zugangsverbot für Maiensässe

Die Bergsturzgefahr am Piz Cengalo ist seit langem bekannt. Im Val Bondasca ist ein automatisches Murgang-Alarmsystem eingerichtet. Dieses trat am Mittwoch in Aktion, alarmierte Einsatzkräfte und sperrte mittels Verkehrsampeln Strassen.

Das Bergsturzgebiet am Piz Cengalo wird seit Jahren vom kantonalen Amt für Wald- und Naturgefahren überwacht. Bei einer Messung Ende Juli hatten Geologen gemäss einem Bericht der Zeitung «Südostschweiz» massiv erhöhte Felsbewegungen festgestellt. Letzte Woche war dann offenbar ein Zugangsverbot für einzelne Maiensässe im gefährdeten Gebiet ausgesprochen worden.

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