Aktualisiert 19.09.2013 10:29

«Oral oder anal?»Bortoluzzi kämpft gegen Aufklärungs-Comic

«Obszön und unwissenschaftlich»: SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi will verhindern, dass das Bundesamt für Gesundheit weiter den Aufklärungs-Comic «Hotnights» finanziert.

von
D. Pomper

In der Reiterstellung hat ein junges Paar Sex in einem Zelt an einem Openair. Doch dann wird es mit einem Handy fotografiert, ein Streit eskaliert, ein Punk-Mädchen droht der Ertappten ihr eine «zu schmieren», sollte sie ihr das Handy nicht zurückgeben. Auf der nächsten Seite übergibt sich ein Jugendlicher in einen Abfalleimer. Eine Seite weiter beisst ein Mädchen in einen Hotdog. Der Untertitel lautet: «Oral oder anal?»

Die beschriebenen Szenen sind Auszüge aus dem Comic «Hotnights», der sich an Jugendliche ab 13 Jahren richtet und in der Schweiz seit letztem Jahr als Lehrmittel eingesetzt wird. Ziel des Comics ist es, «zentrale Aspekte der Jugendsexualität» zu thematisieren, damit die Jungen «Verantwortung für sich selbst übernehmen». Verantwortlich für den Inhalt der Broschüre ist die Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz. Diese wird massgeblich vom Bundesamt für Gesundheit subventioniert. Die Migros ist als Sponsor aufgeführt.

Für SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi ist das ungeheuerlich: «Der Bund unterstützt mit Steuergeldern diese Broschüre, in der Sexualität als Konsumgut dargestellt wird.» Ausserdem sei die Sprache voller fragwürdiger, teils «perverser Ausdrücke und Obszönitäten». Auch enthalte die Broschüre unwissenschaftliche und lückenhafte Aussagen, sexuelle Krankheiten würden eher gefördert als gehemmt.

Weiter stösst sich Bortoluzzi an der «Produkteplatzier-Werbung» für Sony, Coca Cola, Facebook, Ceylor, Selecta oder Duff Bier. Weil der Gesundheitspolitiker nicht will, dass «die Öffentlichkeit mit Steuergeldern eine Missachtung der guten Erziehung» unterstützt, hat Bortoluzzi nun einen Vorstoss mit kritischen Fragen an den Bundesrat eingereicht. Unterstützung erhält er vom Bündnis Christliche Schweiz BCS. Dieses bemängelt, dass die Broschüre einen «tendenziösen sexuellen Lebensstil als gute Norm» propagiere.

«Päpstlicher als der Papst»

CVP-Gesundheitspolitiker Christian Lohr bestreitet hingegen, dass der Comic die christlichen Werte tangiere. Die Sexualität würde in einem würdigen Rahmen «ohne Gewalt und Zwang» abgebildet. Lohr findet es wichtig, Teenager in einer modernen Form anzusprechen. «Es ist realitätsfremd, von einer heilen Welt auszugehen.»

Auch Kommissionskollegin Bea Heim (SP) findet: «Herr Bortoluzzi soll nicht päpstlicher tun als der Papst.» An jedem Kiosk sehe man Bilder, die schlimmer seien als dieser Comic. In einem Punkt aber gibt sie Bortoluzzi recht. «Es ist tatsächlich fragwürdig, dass das BAG Millionen für Präventionsmassnahmen gegen das Rauchen und Trinken ausgibt und dann ausgerechnet eine Broschüre subventioniert, in der dafür Werbung gemacht wird.»

BAG steht hinter Sexuelle Gesundheit Schweiz

Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es: «Aus Sicht des Bundesrats spricht nichts gegen ein Lehrmittel wie ‹Hotnights›; auch wenn dieses aus moralischen oder weltanschaulichen Gründen nicht von allen gutgeheissen wird.» Basierend auf dem Epidemiengesetz sei es vielmehr Aufgabe des Bundes, die Menschen darin zu unterstützen, sich bei sexuellen Begegnungen vor sexuell übertragbaren Infektionen zu schützen. Die Subvention an die Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGS) sei konform mit dem Nationalen Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen. Für den Inhalt der Produkte sei der Bund nicht verantwortlich.

Auf die Antwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass das BAG solche Broschüren unterstützt, ohne für deren Inhalt verantwortlich zu sein, muss Toni Bortoluzzi noch warten.

Vor dem Sex-Comic war der Sex-Koffer

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die SVP gegen die Aufklärungspolitik an Schulen starkmacht. Für Aufsehen sorgte der Sexkoffer, mit dem Basler Schüler mittels Holzpenis und Plüschvagina aufgeklärt werden sollen. Der frühere SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer lancierte darauf eine «Petition gegen die Sexualisierung der Volksschule». Auch die Junge SVP des Kantons Luzern machte mobil und reichte eine Petition gegen den Sexualunterricht im Kindergarten ein. Schliesslich lancierte ein Komitee aus rechtsbürgerlichen Kreisen eine eidgenössische Volksinitiative zum «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule».

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