Aktualisiert 16.06.2017 18:25

Thriller über Attentat

«‹Boston›-Mitwirkende sollten sich schämen»

Vor vier Jahren explodierten am Boston-Marathon zwei Sprengsätze. Im Film «Boston» jagt die Polizei die Bombenleger. Dafür ernten die Macher Kritik.

von
Viviane Bischoff

«Boston» läuft ab dem 23. Februar 2017 in den Schweizer Kinos. (Quelle: Kinocheck)

Die beiden Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew verübten am 15. April 2013 einen Anschlag. Innerhalb von nur 13 Sekunden brachten sie am Boston-Marathon zwei Sprengsätze zum Explodieren.

Knapp vier Jahre nach dem Terroranschlag kommt der Thriller «Boston» mit Mark Wahlberg in die Schweizer Kinos. Für den Bostoner Filmkritiker Sean Burns ist klar: «Alle, die bei diesem Film mitgewirkt haben, sollten sich schämen.»

«Ich finde es nicht okay»

Der Film sei eine Ausbeutung einer realen Tragödie, schrieb Burns in seiner Kritik. Mit seiner Meinung ist er nicht allein. Gemäss «Daily Mail» äusserten sich auch einige Opfer des Terrorangriffs und deren Familien kritisch über das Hollywood-Konstrukt.

Etwa Marc Fucarile, der beim Bombenanschlag ein Bein verlor. Im vergangenen November, kurz bevor der Film in die amerikanischen Kinos kam, sagte er: «Ich finde es nicht okay, jetzt schon einen Film über den Anschlag zu machen.» Niemand von der Produktionsfirma hätte ihn vorher kontaktiert.

Familie wollte nicht, dass toter Junge im Film genannt wird

Auch Jessica Kensky, die beide Beine durch die Bombensplitter verlor, sagte, dass sie nicht sicher sei, ob sie den Film sehen wolle. «Ich kann nicht beurteilen, ob der Film das Attentat richtig wiedergibt, denn was mir passiert ist, war nicht richtig.» Wie Kensky wurden damals 264 Zuschauer und Teilnehmer des Marathons durch Bombensplitter verletzt – drei Zuschauer starben.

Neben der damals 29-jährigen Krystle Campbell und der 23-jährigen Austauschstudentin Lü Lingzi starb am 15. April 2013 auch der achtjährige Martin Richard. Wie seine Familie sagt, hätten die Produzenten seinen Namen für den Film verwenden wollen. Doch die Familie lehnte ab.

«Überraschenderweise ist der Film wirklich gut»

Doch nicht alle sehen die Verfilmung der Bombenanschläge kritisch. Dem Regisseur Peter Berg sei es gelungen, die Ereignisse tiefgründig und ohne unnötige Action darzustellen, sind sich mehrere amerikanische Film-Seiten einig.

Verdächtige Rucksäcke in Boston gesprengt

Wie die Online-Seite «History vs. Hollywood» schreibt, habe auch Fucarile seine Meinung angepasst, nachdem er «Boston» zum ersten Mal sah. «Überraschenderweise ist der Film wirklich gut», wird er zitiert.

«Berichterstattung kann Nachahmer auf den Plan rufen»

Der Terrorismus-Experte Stephan Humer sagt zu 20 Minuten, dass er kein Problem darin sieht, einen Anschlag wie denjenigen in Boston zu verfilmen. «Ein gut gemachter Film kann ganz im Gegenteil auch eine positive Wirkung haben und Betroffenen oder Zeitzeugen bei der Verarbeitung des Erlebten helfen.»

Die Plattform, die den beiden Brüdern durch den Film gegeben werde, sei allerdings vergleichbar mit der Präsenz, die sie während des Anschlags auf Social Media erhalten hätten. «Jede Berichterstattung kann Nachahmer auf den Plan rufen.»

«Niemand darf mit Trauer allein bleiben»

«Das Phänomen bleibt jedoch nicht konkret. Man kann später nicht sagen, dass es ausschliesslich am Film lag, wenn jemand zu einem Amoklauf aufbricht. Da spielen in aller Regel viele Faktoren eine Rolle», so Humer.

«Wer die beiden Brüder für Helden hält, wird dies wohl auch ohne den Film tun», sagt der Terrorexperte. Wichtig sei es, dass Gesellschaften mit Terroranschlägen professionell und zugleich individuell umgehen. «Reden, Hilfe suchen, kommunizieren, Profis konsultieren, Hilfe anbieten – niemand darf mit Trauer oder Schmerz allein bleiben», ist Humer überzeugt.

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Am 15. April 2014 jährte sich die Terrorattacke auf den Boston Marathon zum ersten Mal. Links: Eine Gedenkstätte für die Opfer (7.5.13), rechts: der Copley-Platz im Stadtzentrum heute.

Am 15. April 2014 jährte sich die Terrorattacke auf den Boston Marathon zum ersten Mal. Links: Eine Gedenkstätte für die Opfer (7.5.13), rechts: der Copley-Platz im Stadtzentrum heute.

Keystone/AP/Steven Senne
Oben: Kurz nach dem Anschlag bei der Ziellinie auf der Boylston-Strasse, unten: dieselbe Strasse ein Jahr danach.

Oben: Kurz nach dem Anschlag bei der Ziellinie auf der Boylston-Strasse, unten: dieselbe Strasse ein Jahr danach.

Keystone/bob Leonard; Elise Amendola
Oben: Verletzte auf der Boylston-Strasse, unten: Passanten beim Bummeln.

Oben: Verletzte auf der Boylston-Strasse, unten: Passanten beim Bummeln.

Keystone/AP/ken Mcgagh; Elise Amendola

«Boston» (Originaltitel: «Patriots Day») ist ein amerikanischer Thriller. Hauptperson ist der verheiratete Polizist Tommy Saunders. Am 15. April 2013 überwacht er mit seinen Kollegen die Strecke des Boston Marathons, als mehrere Sprengsätze explodieren. Die Suche nach den Tatverdächtigen beginnt. Für den Film wurden auch Originalaufnahmen vom 15. April 2013 verwendet.

Stephan Humer ist im Vorstand des Netzwerkes Terrorismusforschung in Deutschland.

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