21.10.2020 17:47

MinskBotschafter konnte Schweizerin in weissrussischem Gefängnis besuchen

Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natalie Hersche sitzt bereits seit einem Monat in Minsk hinter Gittern. Nun konnte der Schweizer Botschafter in Belarus persönlich vorbeigehen.

von
Nathan Keusch
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Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen die Polizei» verhaftet. 

Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen die Polizei» verhaftet.

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Natalie keine 24 Stunden bevor sie eingesperrt wurde.

Natalie keine 24 Stunden bevor sie eingesperrt wurde.

zvg
Seit der Verhaftung hat der Natalies Partner Robert Stäheli nur über Dritte kontakt zu seiner Freundlin gehabt.

Seit der Verhaftung hat der Natalies Partner Robert Stäheli nur über Dritte kontakt zu seiner Freundlin gehabt.

zVg

Darum gehts

  • Natalie Hersche wurde am 19. September in Minsk an einer Demonstration verhaftet.

  • Die Menschenrechtsorganisation Libereco stuft Hersche als politische Gefangene ein.

  • Mit mehreren Aktionen versuchen Aktivisten und Politiker ihre Freilassung zu erwirken.

  • Der Schweizer Botschafter in Belarus konnte Hersche am Dienstag besuchen.

Seit über einem Monat sitzt Natalie Hersche (51) aus St. Gallen in einem weissrussischen Gefängnis. Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin wurde am 19. September während eines Frauenrechtsprotests in Minsk festgenommen.

Ihr Lebensgefährte Robert Stäheli hoffte, dass Hersche nach ihrem Gerichtstermin am 6. Oktober wieder aus der Haft entlassen werde – doch stattdessen wurde ihre Untersuchungshaft um zwei Monate verlängert. Sie sei zudem in ein anderes Gefängnis verlegt worden, sagt Stäheli zu 20 Minuten.

«Im Gefängnis ist es sehr kalt»

Seit der Festnahme hatte Stäheli keinen direkten Kontakt mehr mit seiner Partnerin. Hersches Anwältin konnte sie bislang zweimal im Gefängnis besuchen. «Ich weiss, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht. Weil es im Gefängnis sehr kalt ist, haben wir ihr warme Kleider geschickt», sagt der Ostschweizer.

Die Verhaftung seiner Partnerin sei für ihn und die Familie sehr schwer, sagt Stäheli. «Wir sind der Willkür des Regimes ausgesetzt. Ich muss mich auf alles gefasst machen.» Hersche drohen bis zu fünf Jahre Haft. Nach der Verhaftung habe er die Situation zunächst gar nicht wahrhaben wollen, dann sei er niedergeschmettert gewesen und wütend geworden. «Langsam habe ich die Situation akzeptiert. Wir tun, was wir können für Natalies Freiheit», sagt Stäheli.

«Die Gewalt geht von der Polizei aus»

Nachdem der Fall publik geworden war, hat sich auch die Menschenrechtsorganisation Libereco mit der Inhaftierung auseinandergesetzt. «Natalie ist eine politische Gefangene», sagt Lars Bünger, Präsident von Libereco Schweiz. Die meisten Aktivisten würden nach zwei Wochen Haft wieder freikommen – bei Hersche sei das nun aber nicht der Fall. Wieso ausgerechnet Hersche länger festgehalten wird, kann Bünger nicht sagen: «Es kann einfach Pech sein.»

Hersche werde vorgeworfen, dass sie bei ihrer Verhaftung einem Sicherheitspolizisten die Sturmhaube abgerissen habe. «Sie beteuert jedoch ihre Unschuld», sagt Bünger. «Aber auch wenn dies der Fall sein soll, ist eine Gefängnisstrafe absolut unverhältnismässig.» Hersche sei bei einem friedlichen Protest verhaftet worden. «Die Gewalt geht bei den Demonstrationen von der Polizei aus», sagt Bünger.

Libereco habe nun verschiedene Aktionen organisiert, um Hersches Freilassung zu bewirken. Am Dienstag wurde in Zürich für die inhaftierte St. Gallerin eine Mahnwache abgehalten – an ihrem 51. Geburtstag. «Wir wollen damit auch ein Zeichen an die weissrussische Bevölkerung schicken, dass wir an ihrer Seite stehen», sagt Initiant Bünger. Weiter ist ein offener Brief an die weissrussischen Behörden geplant, der die Freilassung Hersches fordert. Zahlreiche Politiker hätten diesen bereits unterschrieben.

Die Mahnwache auf der Zürcher Bahnhofsbrücke.

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SP-Politikerin verlangt Freilassung

Nicht an der Mahnwache teilnehmen konnte die SP-Nationalrätin Barbara Gysi. In Zusammenarbeit mit Libereco hat sie aber die Patenschaft für Hersche übernommen. «Es ist verheerend, wenn friedliche Protestanten verhaftet werden. Das geht einfach nicht», sagt die St. Gallerin.

Mit der Patenschaft wollen Gysi und Libereco auch Druck auf die Schweizer Behörden aufbauen, sich der Sache anzunehmen. Libereco hat neben der Mahnwache und der Patenschaft auch eine Petition lanciert. Sie fordert Aussenminister Ignazio Cassis auf, umgehend mit dem weissrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko in Verbindung zu treten und eine bedingungslose Freilassung Hersches zu verhandeln.

Botschafter konnte Hersche besuchen

Es sei sehr schwierig, mit der Inhaftierten in Kontakt zu kommen, weil es sich bei Hersche um eine Doppelbürgerin handle, sagt das Eidgenössische Departement für äussere Angelegenheiten (EDA). Deshalb würden sie die lokalen Behörden wie eine Weissrussin behandeln.

«Das EDA leistet im Rahmen des konsularischen Schutzes Hilfe für die in Belarus inhaftierte Doppelbürgerin», sagt Elisa Raggi vom EDA. « In diesem Zusammenhang konnte der Schweizer Botschafter in Belarus sie am Dienstag besuchen. In Anbetracht der Umstände ist ihr Gesundheitszustand gut.» Die Kontakte zwischen der Schweiz und den lokalen Behörden sowie mit der Familie der betroffenen Person werde fortgesetzt. Nähere Angaben könne sie aus Daten- und Persönlichkeitsschutzgründen nicht machen.

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