Aktualisiert 28.02.2012 20:58

Neulich auf dem Zweiten

Boulevardesker Ausflug ins Ungefähre

Verschwörungstheorien als Unterhaltungsthema? Das ZDF beschäftigte sich zur besten Sendezeit mit abstrusen Theorien über die Mondlandung, den Tod von Prinzessin Diana und 9/11 – im Plauderton.

von
P. Dahm

Die Zeiten sind vorbei, in der Verschwörungstheorien das Metier von weltfremden Spinnern aus dem Internet sind. Wie verbreitet derartige Thesen sind, bewies die ZDF-Reportage «Vorsicht Verschwörung!», die am 28. Februar zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde. Der Film will nicht weniger, als den Wahrheitsgehalt der spekulativen Aussagen herausfinden.

Wer kennt sie die Gerüchte nicht, die in der ganzen Welt kursieren? Sie reichen von der falschen Mondlandung über einen Mordkomplott gegen Prinzessin Diana bis hin zur Behauptung, 9/11 sei von George Bush & Co. höchstpersönlich inszeniert worden. «Wusste die US-Regierung Bescheid? Und liess sie die Terroristen gewähren?», beginnt das ZDF seinen boulevardeskuen Ausflug in die Welt des Ungefähren.

9/11-Verschwörung als Unterhaltungsthema

«Man hätte die Anschläge verhindern können», sagt etwa Dylan Avery, der sein Leben der 9/11-Verschöwrungstheorie gewidmet und den Film «Loose Change» realisiert hat.

Wo sind die Trümmer von Flug 93, der als viertes Flugzeug in Pennsylvania abstürzte? Warum ist im Pentagon nur ein 27 Meter breites Loch zu sehen, obwohl das dritte Flugzeug, eine Boeing 757, 35 Meter Spannweite hat? «Wir prüfen genauer», verspricht das Zweite und präsentiert Fotos, die eben jene Wrackteile zeigen.

Trotz der Beweise glauben 38 Prozent der Deutschen unter 40 Jahren nicht an einen Terroranschlag. Der renommierte Hamburger Journalist Stefan Aust erklärt als «Experte für Verschwörungstheorien», warum das so ist: «Die Menschen wollen unterhalten werden», sinniert der Ex-«Spiegel»-Chef. «Es ist das kollektive Erlebnis eines real stattfindenden Kriminalfalls.» Die USA kommen den Leuten nicht wie Opfer, sondern wie die Bösen vor, ergänzt Dr. Guido Steinberg. Der Grund dafür sei ein «weit verbreiteter Antiamerikanismus». Die Fakten hätten die Zweifel beseitigt, freut sich das ZDF.

Diana: «sehr gewagte Vorwürfe»

Für jede Menge Spekulationen sorgte auch der Tod von Prinzessin Diana in Paris 1997. «Es brodelt im Internet», weiss der Mainzer Sender zu berichten und verweist auf Vorwürfe von Mohammad al-Fayed. Der Vater von Dianas Freund Dodi al-Fayed sagt über den Unfall: «Sie wurden ermordet.» Er beschuldigt Prinz Philip, einen Anschlag in Auftrag gegeben zu haben. Zweifler der Unfall-Theorie führen ins Feld, dass die Blutprobe des angetrunkenen Fahrers angeblich vertauscht worden sei.

Das ZDF orakelt: «sehr gewagte Vorwürfe, doch sie wollen nicht enden.» Unter Berufung auf französische und britische Ermittlungen werden diese ausgeräumt. Die Bremsspur belege, dass der Fahrer die Kontrolle über sein Auto verloren habe und DNA-Proben belegten, dass seine Blutprobe auch wirklich von ihm stammt.

Warum dennoch 43 Prozent der deutschen an eine Verschwörung glauben, erklärt wieder Stefan Aust: «Ein Verkehrsunfall ist ja nicht spektakulär. Manchmal ist ein Anlass so banal, dass man es nicht glauben will. So einfach darf das nicht gewesen sein.» Die Stimme aus dem Off schliesst die Wahrheitsfindung im Unterhaltungskorsett ab: «Manche Geschichten sind zu traurig, um wahr zu sein.»

Mondlandung seit 2009 bewiesen

Seit Buzz Aldrin 1969 seinen Fuss auf den Mond gesetzt hat, wird bezweifelt, dass die Amerikaner mit Apollo 11 wirklich erfolgreich waren. Als Beweis dienen die Bilder: Warum sind darauf keine Sterne zu sehen? Und warum weht die US-Flagge im Wind, obwohl der Mond keine Atmosphäre hat?

Hier widerlegt das ZDF die Kritiker eindeutig: Ein deutscher Forscher hat Bilder des 2009 gestarteten «Lunar Reconnaissance Orbiter» ausgewertet, der hochauflösende Fotos des Erdtrabantengeschossen hat. Sie zeigen von Fussabdrücken bis zum Mondmobil alle Hinterlassenschaften der Astronauten. Die Fahne wehe demnach wegen Erschütterungen beim Hineinstecken in den Boden. Und Sterne könne man nicht sehen, weil die Oberfäche selbst zu hell scheine.

Käfer-Attentat und Barschel-Tod

Während die Mondlandung verifiziert wird, überrascht die TV-Reportage mit einer Verschwörungstheorie aus der DDR: Ende der 40er Jahre wurde Ostdeutschland von einer Kartoffelkäfer-Plage heimgesucht, die in Zusammenhang mit amerikanischen Flugzeugen gebracht wurde. «Die guten Früchte der Arbeit unserer Bauern sollte zunichte gemacht werden», rasselte die DDR-Wochenschau, obwohl der Westen damit nichts zu tun hatte. Für diesen Propagandafeldzug zeigt Aust beinahe Verständnis: «Die konnten natürlich der Bevölkerung nicht sagen, dass es am System liegt, das nicht funktioniert.»

Der einzige Fall, der ungelöst bleibt, hat sich ausgerechnet in der Schweiz zugetragen. Es geht um den früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, der am 11. Oktober 1987 in der Badewanne des Genfer Hotels «Beau Rivage» tot aufgefunden wurde. Offiziell ist von Selbstmord die Rede: Der 43-Jährige hatte jede Menge Medikamente im Blut, doch viele Indizien sprechen gegen die Freitod-Theorie.

«Ich bin der Überzeugung, dass er ermordet wurde»

Der CDU-Politiker hatte nach seiner Ankunft in der Schweiz Rotwein und zwei Gläser auf sein Zimmer bestellt. Es fanden sich Spuren einer weitern Person in dem Raum, die aber nicht zugeordnet werden konnten. Spuren wie ein abgerissener Knopf und die ausgezogenen, aber noch zugeschnürten Schuhe deuten nicht darauf hin, dass Barschel freiwillig aus dem leben geschieden ist. Auf der Badewannen-Armatur sind überhaupt keine Fingerabdrücke – auch nicht die des Opfers, das am Abend noch neue Termine gemacht und mit seiner Familie telefoniert hat

Die Verpackungen der Medikamente fand die Polizei nicht Dafür aber einen Lappen, der mit einem Lösungsmittel getränkt war, mit dem Pharmaka durch die Haut ins Blut gelangen können. «Ich bin der Überzeugung, dass er ermordet wurde», sagt Heinrich Wille im ZDF, der als Staatsanwalt den Barschel-Fall bearbeitet hatte. Warum sollte der Deutsche beispielsweise eine Whiskey-Flasche mit Wasser durchgespühlt haben, bevor er sie in den Mülleimer des Hotelzimmers tat?

Der Freitod als Unfall

Gründe für ein Verbrechen könnten möglicherweise illegale Waffengeschäfte sein. Dirk Stoffberg, ein ehemaliger Waffenschieber kommt zu Wort. «Barschel wollte auspacken. Auch über die Verwicklungen der Bundesregierung in solche Geschäfte», sagte der Südafrikaner, bevor er kurze Zeit später angeblich wegen Selbstmordes starb.

Ein weiteres Indiz für eine Verschwörung haben die ZDF-Reporter übersehen: Im November 2011 wurde bekannt, dass ein Beweisstück aus Genf bei den deutschen Polizei verloren ging. Es handelt sich um ein Haar aus dem Hotelzimmer.

Fazit: Abgesehen von der Käfer-Invasion hat das ZDF wenig Neues anzubieten. Möglichweise ist die ganze Reportage aber auch nur ein Produkt des CIA, der auf – schon wieder! – versucht, deutschsprachige Europäer zu blenden. Entscheiden Sie selbst!

«Vorsicht Verschwörung!» lief am 28. Februar um 20.15 Uhr auf dem ZDF und wird am 29. Februar um 1.20 Uhr wiederholt.

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