Umweltschutz am WEF: «BP sucht man an Klima-Meetings vergeblich»

Aktualisiert

Umweltschutz am WEF«BP sucht man an Klima-Meetings vergeblich»

Renat Heuberger ist der einzige deutschsprachige Social Entrepreneur, der offiziell ans WEF eingeladen wurde. Im Interview sagt er, wie seine Umweltanliegen bei den Mächtigen ankommen.

von
Sven Zaugg
«Ich will den Klimaschutz zurück auf die Agenda multinationaler Konzerne hieven»: Renate Heuberger, CEO  South Pole Carbon.

«Ich will den Klimaschutz zurück auf die Agenda multinationaler Konzerne hieven»: Renate Heuberger, CEO South Pole Carbon.

Herr Heuberger, wie sind nach Davos gereist?

Renat Heuberger: Mit dem Zug natürlich. Autofahren ist für mich reine Zeitverschwendung.

Wie ist die Stimmung am WEF?

Es ist sehr hektisch. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist an mir vorbeigehuscht. Ich habe UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mit seinen Bodyguards gesehen. Das WEF hat noch immer eine immense Strahlkraft. Vor allem in Zeiten, in denen sich Gesellschaften und Nationen stark isolieren, Mauern hochziehen und kein Verständnis mehr für ihre Nachbarn aufbringen, ist das WEF ein Ort, an dem Menschen wieder zueinander finden.

Was wollen Sie in Davos bewirken?

Ich setze mich hier für den Klimaschutz ein. Das Thema ist in den Medien kaum mehr präsent. Ich will es zurück auf die Agenda multinationaler Konzerne hieven. Ich will die Leute hier mit Lösungen überzeugen. Das Hauptprodukt von South Pole Carbon ist die CO2-Kompensation. Firmen, die eine glaubwürdige Strategie haben, können sich an Klimaprojekten beteiligen, die CO2 einsparen und auf erneuerbare Energie setzen.

Wen konnten Sie bis jetzt davon überzeugen?

Ich hatte bereits intensive Gespräche mit dem Getränkehersteller Pepsi, dem Elektronikkonzern Philips, mit dem Ölmulti BP.

Und, waren Sie erfolgreich?

Das ist schwierig zu sagen. Am WEF kann man sehr gute Gespräche führen. Doch es bleibt die Frage: Was passiert nach diesen visionären Momenten, wenn alle wieder Zuhause sind? Der Alltag kommt zurück, vielleicht geschieht nichts. Meine Hoffnung besteht darin, dass die am WEF geführten Diskussionen nachhallen.

Das klingt sehr bescheiden?

Das ist so. Es ist sehr schwierig zu sagen, was das am Ende alles bringt. Wichtig ist, dass ich die Menschen für das Thema Klimaschutz begeistern kann.

Ihre Strategie?

Ich gehe nicht mit der Moralkeule auf Menschen los! Ich sage den Leuten nicht: «Hey, ich bin Klimaschützer!» Vielmehr erkläre ich, dass sie ein Geschäft verpassen, wenn der Klimaschutz nicht Bestandteil ihres Businessmodells ist.

Finden Sie Gehör bei den relevanten WEF-Teilnehmern?

Mit wirtschaftlicher Argumentation findet man immer Gehör. Das Problem ist: Die Finanz- und Schuldenkrise hat der globalen Wirtschaft arg zugesetzt. Der Klimaschutz steht bei den Untenehmen nicht mehr zuoberst auf der Agenda. Andere Probleme sind drängender. Aber man merkt, dass die Zahl der Firmen, die sich freiwillig einem ökologischen Modell verpflichten, gewachsen ist. Leider ist die Politik nicht fähig, tragbare Lösungen zu entwickeln.

Räumt das WEF dem Klimaschutz auch den Platz ein, den es verdient?

Es ist nie genug! Natürlich könnte es noch mehr Panels, noch mehr Sessions zu diesem Thema geben. Aber es wird kontrovers diskutiert. Ein Beispiel: An einem Workshop habe ich gesagt: «Umweltverschmutzung hat einen Preis.» Woraufhin sich unsere Arbeitsgruppen ein Preismodell ausgedacht hat, wie man die Umweltbilanz eines Unternehmens in Zahlen fassen kann. Quasi eine Ergänzung zur Bilanz. Ein sehr spannender Ansatz, wie ich finde.

Kommen Konzern wie BP, dessen Umweltbilanz eher mager ausfällt, auch an diese Workshops?

Teilweise. Philips und Unilever waren da. Die nehmen meine Anliegen auch ernst. Aber klar, Ölmultis sucht man vergebens. Man sollte aber auch realistisch bleiben. Ich hoffe einfach auf die kritische Masse, die etwas bewirken kann. Es braucht immer Pioniere, die vorangehen. Mein Ziel ist es, Unternehmen zu erreichen, die noch nicht so weit sind. Wir konnten kürzlich Kunden aus Brasilien und China gewinnen. Das ist doch ein Fortschritt, oder?

Wie sieht es bei den Politikern aus? Kommen Themen wie Klima, Energie und Ressourcen an?

Beeindruckt war ich von IWF-Chefin Christine Lagarde. Sie sagte: «Wenn wir die Klimaerwärmung nicht in den Griff kriegen, werden wir ‹toasted and roasted›. Ebenfalls viel zitiert am WEF wurde die Antrittsrede Obamas, dessen Kernbotschaft es war, sich für den Klimaschutz einzusetzen.

Worin liegt eigentlich der ökonomische Vorteil der CO2-Reduktion?

CO2-Emission ist immer eine Konsequenz von Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Das kostet und bringt niemandem etwas.

Allerdings steckt das europäische System tief in der Krise. Die Verschmutzungsrechte sind wegen zu vieler Zertifikate so billig wie nie.

So funktioniert die Marktwirtschaft. Die europäische Industrie steckt tatsächlich tief in der Krise. Deshalb werden auch weniger Güter produziert. Folglich gibt es auch weniger CO2-Emissionen. Deshalb sinken die Preise für Verschmutzungsrechte. Aber genau das ist ein klares Zeichen dafür, dass das System funktioniert.

Das heisst?

Der Emissionshandel funktioniert offenbar antizyklisch. In einer Boom-Phase sind die Preise für die CO2-Emissionen hoch, in einer Krise fallen sie. Einer Steuer hingegen ist es egal, ob es eine Krise gibt oder nicht.

Die EU-Kommission will den Handel reformieren. Das System scheint defekt.

Die EU-Kommission will Zertifikate vom Markt nehmen und wie eine Art Zentralbank agieren. Die Meinungen gehen da auseinander. Die Polen blockierten das Ansinnen der EU, weil das Land stark von Kohle abhängt. Denen kann es nur recht sein, wenn die Zertifikate so tief sind.

Was müsste geschehen?

Die Ambitionen, das Klima zu schützen, sind derzeit noch viel zu klein. Bis 2050 müssen wir 80 Prozent der Emissionen reduzieren, um die Klimaerwärmung in den Griff zu kriegen. Wenn wir das schaffen wollen, muss der Preis von CO2 viel höher sein – und dann werden sich Investitionen in umweltfreundliche Technologien noch viel mehr lohnen.

South Pole Carbon

Fachmagazins Environmental Finance zum «Best Project Developer» gewählt. CEO Renat Heuberger wurde 2011 von der Schwab Foundation/WEF als Swiss Social Entrepreneur of the Year ausgezeichnet. (sza)

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