Gesichter der Zuwanderung: «Bräuchte guten Grund, um hier alles aufzugeben»
Aktualisiert

Gesichter der Zuwanderung«Bräuchte guten Grund, um hier alles aufzugeben»

Der Deutsche Jan Lichtenberg hat in der Schweiz ein Biotech-Unternehmen gegründet. Dem 41-Jährigen gefällt es hier – nur manchmal bekommt er zu spüren, dass er Ausländer ist.

von
Camilla Alabor
Jan Lichtenberg lebt gerne in der Schweiz. Dass es immer wieder mal zu Konflikten kommt, «liegt wohl in der Natur des Menschen», sagt der 41-Jährige.

Jan Lichtenberg lebt gerne in der Schweiz. Dass es immer wieder mal zu Konflikten kommt, «liegt wohl in der Natur des Menschen», sagt der 41-Jährige.

Herr, Lichtenberg, warum sind Sie in die Schweiz gekommen?

Ich bin 1998 in die Schweiz gezogen, um meine Promotion zu machen. Ich studierte Mikrotechnologie und hatte an der Uni Neuenburg ein spannendes Projekt gefunden.

Sind Sie mit Ihrer Familie gekommen?

Nein, damals war ich noch allein. Meine Freundin kam nach Zürich, wohin ich später auch gezogen bin.

Wo arbeiten Sie?

Ich habe vor fünf Jahren meine eigene Biotech-Firma gegründet, InSphero. Heute haben wir dreissig Angestellte, die aus der Schweiz kommen, aber auch aus Kanada, Frankreich oder Deutschland. Die Umgangssprache ist Englisch.

Wo wohnen Sie?

In Unterengstringen, Zürich.

Pendeln Sie zum Arbeitsort?

Weil die Firma nur zehn Minuten von zu Hause entfernt ist, nehme ich das Fahrrad.

Was würden Sie machen, wenn Sie Ihren Job verlieren würden?

Wir würden in der Schweiz bleiben. Meine Frau und ich leben seit 15 Jahren hier, unsere Freunde und unser Lebensmittelpunkt sind hier: Wir haben in der Schweiz ein Zuhause gefunden.

Unter welchen Umständen würden Sie nach Deutschland zurückkehren?

Es müsste schon einen sehr guten Grund geben, damit wir hier alles aufgeben. Zwar gefällt mir Deutschland sehr gut, zudem wohnt meine Familie dort. Aber wenn ich die Schweiz verlassen würde, wäre es genauso gut möglich, dass wir der Arbeit wegen in die USA ziehen.

Was würden Sie in Deutschland arbeiten?

In meinem Herzen bin ich Unternehmer. Von daher würde ich auch in Deutschland wieder eine eigene Firma aufbauen.

Fühlen Sie sich in der Schweiz willkommen?

Ja, absolut. Mir gefällt auch die kulturelle Vielfalt, das ist eine Stärke der Schweiz. Hier wohnen Leute aus der ganzen Welt, dasselbe gilt für unsere Firma – und für unsere Kunden. Natürlich gibt es ab und zu Situationen, wo ich zu fühlen bekomme, dass ich Ausländer bin. Aber das ist nicht typisch für die Schweiz, das geschieht überall.

Was für Situationen sind das?

Das sind kleine Sachen. Zum Beispiel, wenn man mit jemandem auf dem Trottoir zusammenstösst. Und der andere, der gemerkt hat, dass ich aus Deutschland bin, dann sagt: «Hier ist das Trottoir schmaler als in Deutschland, da muss man halt aufpassen.» Es sind diese kleinen Spitzen, die nicht nötig wären. Aber dass es zwischen Fremden und Einheimischen immer wieder mal zum Konflikt kommen kann, liegt wohl in der Natur des Menschen.

Verstehen Sie, dass viele Leute denken, die Schweiz stosse bei der Zuwanderung an ihre Grenzen?

Ich verstehe, dass es ein Thema ist. Ich finde es aber unglücklich, wie stark die Zuwanderung politisch instrumentalisiert wird. Denn die Einwanderer kommen ja nicht von alleine, sondern weil die Wirtschaft stark ist und Talente rekrutieren muss. Ich habe den Eindruck, die Parteien profilieren sich damit, wenn ihnen die Themen ausgegangen sind. Aber auch hier ist die Schweiz kein Spezialfall.

Das sind die Einwanderer

Im Hinblick auf die Abstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP stellt 20 Minuten in einer Serie die Menschen vor, die hinter der Zuwanderung stehen. Wir portätieren Einwanderer aus verschiedenen Herkunftsländern, die in ganz unterschiedlichen Berufen arbeiten.

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