Urbaniok zu Brandserie: «Brandstiftung kann ein Ventil sein – wie der Ausgang am Wochenende»
Aktualisiert

Urbaniok zu Brandserie«Brandstiftung kann ein Ventil sein – wie der Ausgang am Wochenende»

Seit Anfang April wütet im solothurnischen Wasseramt ein Brandstifter. In der Nacht auf Samstag zündete er einen Bauernhof an. Der bekannte Gerichtspsychiater Frank Urbaniok ordnet ein.

von
Lukas Hausendorf
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In der Nacht auf Samstag brannte in Kriegstetten ein Bauernhof. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Im Solothurner Wasseramt wütet seit Wochen ein Pyromane.

In der Nacht auf Samstag brannte in Kriegstetten ein Bauernhof. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Im Solothurner Wasseramt wütet seit Wochen ein Pyromane.

Kapo SO
In Halten wurde am 8. Mai eine Waldhütte des Natur- und Vogelschutzvereins in Brand gesetzt.

In Halten wurde am 8. Mai eine Waldhütte des Natur- und Vogelschutzvereins in Brand gesetzt.

Kapo Solothurn
«Aufgrund des eng begrenzten Gebiets sowie der Parallelen bei Brandzeiten müssen wir davon ausgehen, dass zwischen den einzelnen Bränden ein Zusammenhang besteht», sagte Kapo-Sprecher Bruno Gribi. 

«Aufgrund des eng begrenzten Gebiets sowie der Parallelen bei Brandzeiten müssen wir davon ausgehen, dass zwischen den einzelnen Bränden ein Zusammenhang besteht», sagte Kapo-Sprecher Bruno Gribi. 

Kapo Solothurn 

Seit Anfang April hält ein Pyromane die Bevölkerung im solothurnischen Wasseramt in Atem. Insgesamt acht Brände sollen schon auf sein Konto gehen. Zuletzt brannte es in der Nacht auf Samstag in Kriegstetten, wo bei einem Bauernhof Feuer gelegt wurde. Ein Taxichauffeur meldete den Brand an der Hauptstrasse einer Polizeipatrouille. Personen wurden bei der Brandserie bisher nicht verletzt, der Sachschaden dürfte jedoch bereits die Millionengrenze überschritten haben. Die Polizei geht davon aus, dass die Brände im Wasseramt in Zusammenhang zueinander stehen.

Was könnte den Täter antreiben? Der bekannte Gerichtspsychiater Frank Urbaniok (59) sagt, dass es bei Brandstiftern ein breites Spektrum von Motiven gebe. Grob liessen sich aber drei Typen unterscheiden. «Der klassische Pyromane ist von Feuer fasziniert und findet es erregend oder stimulierend.» Anders verhält es sich bei impulsgesteuerten Tätern. Hier sei die Handlung ein Ventil für aufgestauten Frust. «So wie andere am Wochenende in den Ausgang gehen, um Dampf abzulassen», so Urbaniok. Beide Typen kämen im vorliegenden Fall wohl infrage. Eher unwahrscheinlich sei ein spezifischer Konflikt, etwa mit einem Rache-Motiv, das sich gegen bestimmte Personen oder Gruppen richte, denen jemand schaden wolle. Eher sei hier das Handlungsmotiv grundsätzlich in der Persönlichkeit verankert.

«Es ist ähnlich wie bei Gewaltdelikten, bei denen die Täter scheinbar wahllos einfach irgendwo zuschlagen.»

Frank Urbaniok, Gerichtspsychiater

Beim Wasseramt-Pyromanen könnte auch Selbstinszenierung eine Rolle spielen. Die Aufmerksamkeit, die der Täter durch seine Taten erhält, nennt Urbaniok einen «sekundären Gewinn». Immerhin, der ganze Bezirk redet seit Wochen über ihn. Oder sie? Die Statistik spricht für einen männlichen Täter. Männer seien bei Gewalt- und Sexualstraftaten stark überrepräsentiert und machten rund 95 Prozent der Täter aus, das gelte in ähnlicher Weise auch für Brandstifter, so Urbaniok.

Droht im Wasseramt womöglich eine Eskalation, dass sich der Täter selbst noch toppen möchte, oder reisst die Serie plötzlich ab? Das sei Kaffeesatzlesen, sagt Urbaniok. Er sagt aber: «Wiederholungstaten nach einem bestimmten Muster sprechen tendenziell eher dafür, dass es erst einmal weitergeht.» Dass Brandserien  urplötzlich abreissen, kommt jedoch immer wieder vor. Jahrelang jagten die Basler Ermittler einen Feuerteufel, der in Riehen und Umgebung zwischen 2004 und 2010 rund 60 Brände gelegt haben soll. Vorwiegend zündete er Gartenhäuser an. Ein Phantombild und 20’000 Franken Belohnung brachten keine heisse Spur. Bis jetzt ist der Täter ein Phantom geblieben. «Eine Änderung im Leben der Person, ein Umzug, vieles ist möglich», sagt Urbaniok.

Für die Ermittler ist die Jagd nach dem Täter nicht leicht. «Es ist ähnlich wie bei Gewaltdelikten, bei denen die Täter scheinbar wahllos einfach irgendwo zuschlagen», sagt Urbaniok. Auch im Wasseramt weiss man nicht, wann und wo der nächste Brand gelegt werden wird.

Revolutionär des Justizvollzugs

Frank Urbaniok war 25 Jahre lang Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich.

Frank Urbaniok war 25 Jahre lang Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich.

SRF

Frank Urbaniok ist der wohl bekannteste und einflussreichste Gerichtspsychiater der Schweiz. Geboren in Köln (1962), wurde der forensische Psychiater 1997 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich. Der Mord am Zollikerberg 1993 durch den Sexualmörder Erich Hauert machte Urbaniok national bekannt. Er verlangte, dass Täter professionell therapiert werden müssten, um das Risiko von Rückfällen zu senken. Notfalls müssten hochgefährliche Täter für immer weggesperrt werden. Eine individuelle Risikobeurteilung wurde bei Straftätern damals noch nicht gemacht. Der junge Deutsche prangerte diesen Systemfehler an und verlangte, dass der Justizvollzug umgebaut werden müsse. Das Präventionsprinzip ist heute in der Strafjustiz verankert, nicht zuletzt durch die Annahme der Verwahrungsinitiative 2004, die den von Urbaniok geforderten Paradigmenwechsel beschleunigte. Urbaniok entwickelte mit dem FOTRES (Forensisch Operationalisiertes Therapie- und Risiko-Evaluations-System) ein eigenes Instrument für Risikobeurteilungen bei Straftätern, das mittlerweile in verschiedenen Ländern zum Einsatz kommt. Sein Amt als Chefarzt der PPD gab er 2018 infolge einer Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung ab. Er ist heute als selbstständiger Gutachter und Supervisor tätig. 

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