Fachleute im Live-Chat: Darum sind Medikamente in der Schweiz so teuer

Fachleute im Live-ChatDarum sind Medikamente in der Schweiz so teuer

Die Prämien steigen sprunghaft an, doch mit einem Wechsel zu einer günstigeren Kasse lässt sich viel Geld sparen. Felix Schneuwly von Comparis und Verena Nold von Santésuisse stellen sich den Community-Fragen.

von
Fabian Pöschl
Sandro Spaeth

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Donnerstag, 03.11.2022

Ende

Damit ist der Talk vorbei. Schön, dass du dabei warst. Verena Nold von Santésuisse und Felix Schneuwly von Comparis gaben Tipps zur Krankenkasse. Einen hohen Einfluss auf die Prämien haben laut den Fachleuten die Ärztelöhne, vor allem bei den Spezialistinnen und Spezialisten. Ein Problem gebe es auch mit den hohen Medikamentenpreisen, vor allem bei Generika. Sie fordern Sparmassnahmen, damit die Kosten nicht jedes Jahr weiter steigen. Eine Einheitskasse würde laut Nold aber die Kosten nicht senken. Schneuwly wäre zumindest für einen Testversuch. Bei Feedback, Kritik und Vorschläge für weitere Interviews freuen wir uns über ein Mail an wirtschaft@20minuten.ch Morgen findest du übrigens eine Zusammenfassung des Talks in der Zeitung.

20min/Taddeo Cerletti

Teures Versicherungssystem

Wenn unser Versicherungssystem ein Patient mit einer Krankheit wäre, hätte er dann einfach eine Grippe oder entspricht es eher einem Patienten, der unheilbar krank auf der Intensivstation liegt?

Nold: «Wir haben ein gutes System, von dem alle profitieren. Alle haben Zugang zum gleich guten Gesundheitswesen. Das ist nicht selbstverständlich.»

Schneuwly: «Wir wissen viel über die Kosten, wir haben ein teures System. Aber wir wissen wenig über die Qualität. In den letzten zehn Jahren hat sich Bundesbern mehr verschlechtert als verbessert.»

Verschuldung

Karl fragt: Weshalb ist es nicht möglich, bei Verschuldung die Krankenkasse zu wechseln?

Schneuwly: «Wenn ich wechsle, muss ich alle offenen Rechnungen beim alten Versicherer bis Ende Jahr bezahlt haben.»

Nold: «Da gehts um Solidarität. Man soll Schulden nicht der Solidargemeinschaft überlassen.»

Kündigung der Grundversicherung

Fabian fragt: Wieso muss man für die Kündigung der Grundversicherung einen eingeschriebenen Brief senden? Mit dem Online-Log-in wäre ja die Authentifizierung sichergestellt. Sieht nach einer Extrahürde aus, um einen Wechsel zu erschweren.

Nold: «Es gibt Rechtssicherheit, dass man sicher ist, dass der Brief ankommt.»

Schneuwly: «Wichtig ist eine schriftliche Bestätigung, auch wenn ich per Mail kündige, damit es beim Versicherer ankam.»

Hohe Löhne der Ärzteschaft

Esther fragt: Welchen Einfluss haben die hohen Löhne der Ärztinnen und Ärzte auf unsere Prämien?

Nold: «Einen sehr hohen. Das wirkt sich direkt auf die Prämien aus, wenn ihre Löhne steigen. In der Schweiz haben wir überdurchschnittlich viele Ärzte

Schneuwly: «Die Einkommen der Ärzteschaft sind je nach Fachgebiet sehr unterschiedlich. Am wenigsten verdienen die Grundversorger wie Haus- und Kinderärzte sowie Psychiaterinnen, am meisten die Spezialistinnen in der Chirurgie, Kardiologie und Onkologie. Nicht die Höhe der Einkommen ist das Problem, sondern die Tatsache, dass es in der weniger gut bezahlten Grundversorgung eher zu wenig und in den gut bezahlten Spezialgebieten eher zu viele Ärztinnen hat.»

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Krankenkasse pausieren?

Fla fragt: Kann ich die Krankenkasse im Ausland pausieren?

Nold: «Ja, das ist wie beim Militär, dann kann man die Krankenkasse sistieren. Aber bei Ferienreisen muss ich weiterzahlen.»

Teure Medikamente

Charlie fragt: Warum sind die Medikamente in der Schweiz immer noch mehr als doppelt so teuer? Und wieso übernimmt die Kasse diese günstigeren Ausland-Preise nicht?

Nold: «Da haben wir ein Problem, Generika sind in der Schweiz doppelt so teuer. Aber die Krankenkassen dürfen die Preise nicht selber bestimmen. Das BAG legt diese fest. Die Kassen würden gerne, dürfen aber nicht. Die Pharmaindustrie macht den Leuten Angst, dass es dann gewisse Medikamente nicht mehr gäbe. Das Parlament hat dann Angst, etwas zu Gunsten der Prämienzahlenden zu entscheiden.»

Schneuwly: «Die Preise der patentgeschützten Medikamente sind in der Schweiz nicht wesentlich höher als etwa in Deutschland. Handlungsbedarf besteht bei den Generika, wo die Marktanteile kleiner und die Preise wesentliche höher als in den Nachbarländern sind. Die Preise setzt das BAG fest. Werden die Preise zu tief festgesetzt, verschwinden die Produkte vom Markt, weil es sich für die Hersteller nicht lohnt. Die regelmässigen Auslandpreisvergleiche und Preissenkungen des BAG führen dazu, dass immer mehr preisgünstige Medikamente fehlen und durch teurere ersetzt werden. Weil die Pharmaindustrie ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, der attraktive Arbeitsplätze anbietet und Steuern bezahlt, ist die Politik zurückhaltend mit harter Regulierung.»

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Wer bezahlt meine Schönheitsoperation

Marta fragt: Bezahlt eine Grund- oder eine Zusatzversicherung bei einer Schönheitsoperation?

Schneuwly: «Rein kosmetisches ist nicht in der Grundversicherung abgedeckt. Wer eine Schönheitsoperation nicht selber bezahlen will, braucht eine Zusatzversicherung. Einzig plastische Rekonstruktionschirurgie nach Krankheiten oder Unfällen ist durch die Grundversicherung gedeckt. Komplikationen nach selber bezahlten Schönheitsoperationen werden durch die Grundversicherung bezahlt, wenn der Arzt nicht haftbar gemacht werden kann.»

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Hohe Prämien in Basel-Stadt

Adrian fragt: Weshalb ist in Basel-Stadt die Prämie viel höher als im Rest der Schweiz? Warum gibt es da keinen Finanzausgleich?

Nold: «In Basel gibt es sehr viele Ärzte und Spitäler. Deshalb gibt es so viele Prämien. Dafür haben sie ein sehr grosses gesundheitliches Angebot. Ländliche Kantone sind deshalb günstiger, weil sie weniger Ärzte haben. In Appenzell gibt es kein Spital mehr.»

Schneuwly: «Die Prämien sind in den Kantonen höher, wo die Bevölkerung mehr medizinische Leistungen konsumiert als anderswo. Das ist in der Regel in städtischen Gebieten, in der Romandie und im Tessin so. In ländlichen Kantonen der Deutschschweiz ist der Konsum geringer und die Prämien sind tiefer. Das hat auch mit der Mentalität zu tun. Die Schwelle medizinische Leistungen ist in Städten und in der Agglo niedriger. Aber Zurückhaltung ist nicht immer gut, wenn man ein medizinisches Problem hat.»

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Prämienverbilligung

Julie fragt: Ich kann die Prämien nicht mehr bezahlen. Wo muss ich mich melden, um Prämienverbilligung zu erhalten?

Schneuwly: «Das handhaben die Kantone unterschiedlich. Massgebend für Prämienverbilligungen ist immer die Steuerveranlagung. Manche Kantone bezahlen die Prämienverbilligungen den Kassen, ohne Antrag der Versicherten. Andere Kantone schicken den antragsberechtigen Versicherten das Formular. Dann gibt es noch Kantone, in denen müssen die Versicherten selber herausfinden, ob sie Anrecht auf Prämienverbilligungen haben und diese beantragen müssen.»

Nold: «Das ist schade, wir sind ein Land mit einem Krankenversicherungsgesetz. Es wäre wichtig, dass die Kantone gleich viel an die Prämie zahlen.»

Imago

5000 Franken Franchise?

Renato fragt: Weshalb gibt es keine höhere Franchise als 2500 Franken? Ich bin für eine Variante mit 4000 oder 5000 Franken. Es wäre ja freiwillig für jene, die dieses Risiko tragen wollen.

Nold: «Dann würde man das Solidaritätsprinzip unterwandern. Es sind zum Glück wenig Leute, die so hohe Kosten haben.»

Schneuwly: «Der Grund ist das Solidaritätsprinzip der Grundversicherung. Gäbe es höhere Franchisen ohne höhere Rabatte, würden diese wohl kaum gewählt, weil das zusätzliche finanzielle Risiko nicht durch günstigere Prämien belohnt würde. Wären höhere Franchisen und höhere Rabatte erlaubt, würden sich nur Reiche die tieferen Prämien leisten können. Aber periodische Anpassungen wären sicher zu überlegen.»

Uvorhergesehene Ausgaben

Lisa fragt: Wieviel Geld sollte ich für unvorhergesehene Krankheitsausgaben auf der Seite haben? Bei einigen Kassen muss man ja zuerst selbst bezahlen.

Schneuwly: «So viel Geld, dass ich die zu erwartenden Rechnungen bezahlen kann. Denn beim System Tiers garant muss ich alle ambulanten Leistungen wie Arzt, Therapien, Medikamente etc. zuerst selber bezahlen und bekomme von der Kasse abzüglich Franchise und Selbstbehalt das Geld zurück.»

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Unterschiede in der Grundversicherung?

Vera fragt: Bringen alle Krankenkassen in der Grundversicherung genau die gleiche Leistung? Oder wo gibt es Fallstricke?

Nold: «Nein, es sind grundsätzlich die gleichen Leistungen. Die Unterschiede bestehen vielleicht darin zuerst anzurufen oder zum Hausarzt zu gehen, statt direkt zum Spezialisten.»

Schneuwly: «In der Grundversicherung ist die Versicherungsdeckung bei allen Kassen identisch. Die Kassen unterscheiden sich bei den Prämien und bei der Servicequalität. Wer teure Medizin braucht, sollte sich erkundigen, ob die Krankenkasse die ambulanten Leistungen nach dem System Tiers garant oder Tiers payant abrechnet. Beim Tiers garant bezahlt die Patientin die Rechnungen und bekommt abzüglich Franchise und Selbstbehalt das Geld für die versicherten Leistungen von der Kasse zurück. Beim Tiers payant bezahlt die Kasse die Rechnungen und schickt dem Patienten die Abrechnung und kassiert die Kostenbeteiligung ein. Stationäre Leistungen werden immer nach Tiers payant abgerechnet.»

Spezielle Versicherung für Bergsport?

Daniel fragt: Ich betreibe Kletter- und Bergsport, brauche ich eine spezielle Versicherung?

Nold: «Es kommt darauf an, ob man arbeitstätig ist. Bei einem Unfall eines Angestellten zahlt die Unfallversicherung

Schneuwly: «Wer mehr als acht Stunden pro Woche arbeitet, ist automatisch über den Arbeitgeber versichert.»

Höhe der Franchise

Elisabeth fragt: Ich habe Krankenkosten von rund 2000 Franken im Jahr. Welche Franchise soll ich wählen? 300 oder 2500 Franken?

Schneuwly: «Die Faustregel ist ganz einfach. Unter 2000 Franken lohnt sich die Höchstfranchise von 2500 Franken, bei jährlichen Kosten für medizinische Leistungen von über 2000 Franken, lohnt sich die Mindestfranchise von 300 Franken. Die Franchisen dazwischen lohnen sich nicht, weil die Rabatte im Vergleich zum zusätzlichen finanziellen Risiko zu klein sind.»

Vergleichbarkeit der Angebote

Felix fragt: Gefühlt steigt die Komplexität der Krankenkassen-Produkte analog zu den Krankenkassenprämien. Warum schaffen es die Versicherungen nicht, vergleichbare Produkte zu erstellen? Oder will man das gar nicht?

Nold: «Das gibt es schon. In der Grundversicherung hat man die Standardversicherung mit den gleichen Leistungen. Aber es gibt immer mehr individuelle Pakete, was es auch komplizierter macht. Wer Zweifel hat, kann beim BAG auf priminfo.ch alle Alternativen vergleichen.»

Schneuwly: «Im Wettbewerb will jeder Anbieter primär einzigartig und nicht vergleichbar sein. In der Grundversicherung ist aber die Versicherungsdeckung bei allen Kassen und Produkten identisch. Insofern ist die Vergleichbarkeit gegeben. Man muss einfach wissen, welches zusätzliche Risiko man mit einer Wahlfranchise übernimmt und welches im Krankheitsfall die Erstanlaufstelle beim gewählten alternativen Versicherungsmodell ist, das Telefon, die Hausarztpraxis, das ambulante medizinische Zentrum oder die Apotheke.»

Das deckt die Grundversicherung

Thomas fragt: Welche Zusatzversicherungen sind wirklich sinnvoll?

Schneuwly: «Die Grundversicherung deckt alles, was medizinisch notwendig ist, Zusatzversicherungen alles, was darüber hinausgeht. Es geht also um mehr Komfort, Flexibilität und Wahlfreiheit im Spital. Zusatzversicherungen in den Bereichen Kranken- und Rettungstransporte sowie Zahnmedizin decken Lücken der Grundversicherung. Die Hälfte der Kinder braucht Zahnkorrekturen, das kostet 10'000 Franken oder mehr. Da ist es eine Entscheidung wert.»

Nold: «Wer mehr Alternativmedizin will als die fünf in der Grundversicherung, braucht auch Zusatzversicherungen.»

Krankenkassenkarten

Krankenkassenkarten

20 Minuten

Zwang zum Versichern

Björn fragt: Warum bin ich verpflichtet, eine Versicherung abzuschliessen, welche ich sowieso nicht brauche? Ich kann meinen Spitalaufenthalt im Notfall auch selbst bezahlen.

Schneuwly: «So privilegiert ist nur eine Minderheit. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung verhindert, dass eine schwere Krankheit und teure medizinische Behandlungen nicht zum wirtschaftlichen Ruin führen. Ich fände es sinnvoll, dass die Franchise den steigenden Kosten angepasst wird, damit sie ihre Wirkung behält und wir mit Kleinigkeiten nicht das Versicherungssystem belasten.»

Nold: «Das ist eine Frage der Solidarität. Die Krankenkasse ist eine Sozialversicherung, damit jeder diese Leistungen in Anspruch nehmen kann und wir keine Zweiklassenmedizin haben.»

Spitalaufenthalt

Spitalaufenthalt

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Sparmöglichkeiten für Familien

Astrid schreibt: Kann der Bundesrat nicht rechnen? Bei uns steigen die Prämien zwischen zehn und 20 Prozent. Wie sollen wir als Familie eine Prämienlast von über 1000 Franken pro Monat bezahlen können? Welche Sparmöglichkeiten hat Astrid? Und bis wann hat man noch Zeit?

Schneuwly: «Nur, wer zuerst auf Comparis oder auf einer anderen Vergleichsplattform vergleicht, weiss, wie gross das persönliche Sparpotenzial ist. Sparen kann man mit einem Kassenwechsel, mit einer höheren Franchise oder mit einem alternativen Versicherungsmodell wie Telmed oder mit allen drei Sparmöglichkeiten zusammen.»

Nold: «Telmed ist eine gute Sache gerade für jüngere Leute, weil es schnell geht und jederzeit verfügbar ist.»

Sparschwein

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