Impfkampagne in Indien stockt - «Brauchen riesige Mengen – und die haben wir nicht»
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Impfkampagne in Indien stockt«Brauchen riesige Mengen – und die haben wir nicht»

Im Land werden gleich mehrere Impfstoffe hergestellt, trotzdem stehen Indien zu wenige Dosen zur Verfügung. Das führt zu immer heftigeren Konflikten.

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Bisher sind nur wenige Menschen in Indien geimpft. Trotz mehrerer Produktionsanlagen im eigenen Land, konnte die indische Regierung zu wenig Stoff einkaufen. 

Bisher sind nur wenige Menschen in Indien geimpft. Trotz mehrerer Produktionsanlagen im eigenen Land, konnte die indische Regierung zu wenig Stoff einkaufen.

AFP
Indien ist zurzeit der weltweiter Corona-Hotspot. 3700 Personen sterben pro Tag am Virus.

Indien ist zurzeit der weltweiter Corona-Hotspot. 3700 Personen sterben pro Tag am Virus.

REUTERS
Man ist aber auch auf die Hilfe aus dem Ausland angewiesen. So sind vor kurzem erste Lieferungen des russischen Vakzins Sputnik V im Land angekommen.

Man ist aber auch auf die Hilfe aus dem Ausland angewiesen. So sind vor kurzem erste Lieferungen des russischen Vakzins Sputnik V im Land angekommen.

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Darum gehts

  • Nirgendwo stecken sich derzeit so viele Menschen mit dem Coronavirus an wie in Indien. 400’000 sind es pro Tag.

  • Das Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen. Es mangelt an Sauerstoff, vor allem aber sind im Land noch viel zu wenige Menschen geimpft.

  • Dies will die Regierung mit einer Strategie ändern. Doch es fehlen die Impfdosen, und die Menschen bekommen keine Termine.

Vor einem Krankenhaus in Neu Delhi stehen schon am Morgen hundert Menschen und warten. Es ist eines der wenigen Krankenhäuser in der indischen Hauptstadt, das Corona-Impfungen für Jüngere anbietet. Seit Samstag stehen die Impfungen theoretisch allen Erwachsenen offen. Doch kommt die Kampagne nur schleppend voran, es mangelt an Impfstoff.

Indien hat sich in den vergangenen Wochen zum neuen Epizentrum der Corona-Pandemie entwickelt. Seit Tagen meldet das südasiatische Land Rekordzahlen bei den Neuinfektionen, am Samstag und Sonntag wurden jeweils rund 400’000 Fälle pro Tag registriert. Mit fast 3700 Todesfällen binnen 24 Stunden verzeichnete das Land am Sonntag so viele Corona-Opfer wie noch nie.

Dutzende sterben, weil der Sauerstoff fehlt

Viele Krankenhäuser können den Ansturm von Covid-19-Patienten nicht mehr bewältigen. Nach örtlichen Medienberichten starben rund ein Dutzend Patienten am Samstag in einem Krankenhaus von Neu Delhi, weil die Sauerstoffvorräte der Klinik aufgebraucht waren. Hilfslieferungen aus aller Welt sollen nun das zusammengebrochene Gesundheitssystem stabilisieren.

Im Kampf gegen die dramatische Coronawelle setzt die Regierung auf eine massive Ausweitung ihrer Impfkampagne. Wurde bislang nur geimpft, wer über 45 Jahre alt war, an Vorerkrankungen litt oder im Gesundheitsbereich arbeitete, können sich seit Samstag alle über 18-Jährige eine Spritze setzen lassen. Zumindest in der Theorie: Denn auch die Impfstoffe werden knapp, hinzu kommen bürokratisches und politisches Chaos.

«Das Ausmass der Erwartungen und Aggressivität ist beispiellos»

Indien stehen derzeit der im eigenen Land entwickelte Impfstoff Covaxin sowie das Vakzin von Astrazeneca zur Verfügung, das vom Serum Institute of India produziert wird. Derzeit stellt das Institut 60 bis 70 Millionen Dosen pro Monat her und strebt bis Juli 100 Millionen an. Am Samstag kamen zudem erste Lieferungen des russischen Vakzins Sputnik V im indischen Hyderabad an.

Doch offensichtlich reicht das vielen nicht: Ständig werde er von Politikern und Unternehmern bedrängt, mehr zu liefern, berichtete der Chef des Serum-Instituts, Adar Poonawalla, der Londoner «Times». Zu sagen, er werde bedroht, wäre eine «Untertreibung» sagte Poonawalla: «Das Ausmass der Erwartungen und Aggressivität ist beispiellos. Jeder hat das Gefühl, dass ihm die Impfung zusteht».

«Wenn man eine Epidemie unter Kontrolle bringen und Menschenleben retten will, braucht man eine riesige Menge an Impfstoff. Und die haben wir nicht», sagt der Virologe T. Jacob John.

Mehrere von der Opposition regierte Bundesstaaten sind erbost, weil die Zentralregierung von ihnen verlangt, dass sie den Impfstoff selbst bestellen. Dies führt dazu, dass sie pro Dosis deutlich mehr bezahlen müssen als die Zentralregierung. Davon betroffen sind auch die privaten Krankenhäuser. Einigen Privatkliniken wurde Berichten zufolge mitgeteilt, dass sie noch Monate auf eine Lieferung warten müssten.

Strategie scheint nicht aufzugehen

Hinzu kommt, dass sich unter 45-Jährige nur online zum Impfen anmelden können. Für arme Bewohner ländlicher Gebiete ohne Internetanschluss ein Ding der Unmöglichkeit.

Angesichts der Impfstoffknappheit und der gigantischen Aufgabe, hunderte Millionen Menschen zu immunisieren, fordern Experten von der Regierung einen anderen Ansatz. Sie müsse eine gezieltere Impfstrategie fahren, sagt der ehemalige Leiter der Epidemiologischen Abteilung des Medizinischen Forschungsrats, Lalit Kant: Statt einfach allen Erwachsenen eine Impfung anzubieten, sollten Zentralregierung und Bundesstaaten gemeinsam entscheiden, welche Hotspots und besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen am dringendsten geimpft werden müssen.

Der Experte Hemant Shewade fordert: «Bringt die Impfstoffe zu den Menschen, so wie bei unseren Polio- und Masernkampagnen».

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(AFP/pme)

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