Aktualisiert 07.11.2013 09:36

Familieninitiative

Brauchen wir wegen der SVP mehr Ausländer?

Die Familieninitiative hat zum Ziel, dass Mütter bei ihren Kindern bleiben können. Doch diese Frauen fehlen dann dem Arbeitsmarkt – die Firmen müssten anderswo Ersatz suchen.

von
Simon Hehli
Yannick Buttet (CVP) und Nadja Pieren (SVP) kämpfen für die Familieninitiative. Pieren räumt ein, dass bei einem Ja einige Frauen daheim bleiben würden – aber das hätte wiederum einen positiven Effekt auf die Geburtenrate.

Yannick Buttet (CVP) und Nadja Pieren (SVP) kämpfen für die Familieninitiative. Pieren räumt ein, dass bei einem Ja einige Frauen daheim bleiben würden – aber das hätte wiederum einen positiven Effekt auf die Geburtenrate.

Ist die SVP-Familieninitiative ein kapitales Eigentor für die Anti-Zuwanderungspartei? Ja, findet offenbar die Zürcher FDP-Regierungsrätin Ursula Gut. Die SVP möge es ja nicht, «wenn noch mehr Ausländer in die Schweiz kommen, um den Bedarf der Wirtschaft nach Arbeitskräften zu decken», argumentiert sie in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag».

Die Logik hinter Guts Aussage: Die SVP will, dass auch Eltern einen Steuerabzug geltend machen können, die ihre Kinder selber betreuen. Dadurch würden mehr Mütter zuhause bleiben, statt arbeiten zu gehen – neue Zuwanderer müssten die Lücken füllen. Yvonne Feri, Präsidentin der SP-Frauen, rechnet vor: 77 Prozent der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren seien heute berufstätig. Wenn wegen der Initiative künftig nur schon 10 Prozent davon ihren Job an den Nagel hängen, werden tausende Frauen auf dem Arbeitsmarkt fehlen.

Das Zweiteinkommen wird gleich aufgefressen

FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter weist schon länger darauf hin, dass die Schweiz wegen der Alterung der Bevölkerung auf die Frauen im Arbeitsmarkt angewiesen sein wird. Die St. Gallerin findet ebenfalls, die SVP-Initiative setze einen Fehlanreiz gegen die Erwerbstätigkeit von Frauen – und damit einen Anreiz, dass die Wirtschaft auf ausländische Fachkräfte ausweichen müsse.

Patrik Schellenbauer, Arbeitsmarkt-Experte beim liberalen Thinktank Avenir Suisse, glaubt, ein Ja zur Initiative würde die Situation der Mittelstandsfamilien verschärfen. Bereits heute lohne es sich für gut ausgebildete Ehefrauen finanziell wenig, selbst Karriere zu machen. «Das Ehepaar rutscht durch den zusätzlichen Verdienst in eine höhere Steuerprogressionsstufe, die einkommensabhängigen Krippentarife steigen und vielerorts gehen auch die Prämienverbilligungen der Krankenkasse verloren.» Oft würden so 70 bis 80 Prozent des Einkommens wieder aufgefressen, so Schellenbauer.

Frauen fehlen im Gesundheitswesen

Wenn das Elternpaar den Betreuungsabzug nach dem Willen der SVP auch ohne Zweitjob geltend machen könnte, würde es sich noch weniger lohnen, eine Stelle anzutreten, sagt der Ökonom. Zum gleichen Schluss kommt eine Studie der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften.

Schellenbauer geht mit Gut, Keller-Sutter und Feri einig, dass dies den Zuwanderungsdruck tendenziell verstärken würde: «Vor allem im Gesundheitswesen könnten weibliche Angestellte fehlen, die durch Ausländer ersetzt werden müssten.» Den Effekt hält Schellenbauer allerdings für nicht sehr gross: «Der grössere Fachkräftemangel herrscht in technischen Berufen – und die seit Jahren laufenden Kampagnen zur Mobilisierung der Schweizer Frauen für diese Berufe haben wenig bewirkt.»

Mehr Kinder = weniger Ausländer?

SVP-Nationalrätin Nadja Pieren reagiert gelassen auf die Kritik an der Initiative. Diese werde nur bei einer Gruppe von Müttern Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit haben: Bei jenen, die heute lediglich darum arbeiten gehen, weil sie aus finanziellen Gründen müssten. «Diese Mittelstandsfamilien können es sich künftig eher leisten, dass die Mutter daheim bleibt und sich um die Kinder kümmert.»

Das sei aber kein Massenphänomen – und werde deshalb auch nicht zu einem gesteigerten Bedarf an ausländischen Arbeitskräften führen, betont Pieren. «Im Gegenteil: Wenn es für Schweizer Familien wieder attraktiver wird, Kinder zu haben, brauchen wir langfristig auch weniger Zuwanderer.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.