2G, Massentests, Impfpflicht – Braucht es schon diese Woche härtere Massnahmen?
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2G, Massentests, ImpfpflichtBraucht es schon diese Woche härtere Massnahmen?

Die Situation in den Spitälern spitzt sich weiter zu. Experten bemängeln die zögerliche Haltung des Bundesrats und SP-Co-Präsident Cédric Wermuth will bereits über ein Impfobligatorium diskutieren.

von
Daniel Graf
Christina Pirskanen
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Kam Bersets Massnahmenpaket zu spät? 

Kam Bersets Massnahmenpaket zu spät?

20min/Simon Glauser
Kurz nachdem der Bundesrat am Freitag neue Massnahmen verkündet hatte, vermeldeten mehrere Spitäler, mit der «stillen Triage» begonnen zu haben. 

Kurz nachdem der Bundesrat am Freitag neue Massnahmen verkündet hatte, vermeldeten mehrere Spitäler, mit der «stillen Triage» begonnen zu haben.

20min/Marvin Ancian
Die Suche nach einem Intensivplatz gestaltet sich derzeit vielerorts schwierig. 

Die Suche nach einem Intensivplatz gestaltet sich derzeit vielerorts schwierig.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

  • Vielen gehen die Massnahmen, welche der Bundesrat am Freitag beschlossen hat, angesichts der steigenden Zahlen nicht weit genug.

  • In der Politik soll eine Debatte über 2G und ein Impfobligatorium angestossen werden.

  • Auch der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny geht davon aus, dass die beschlossenen Massnahmen nicht reichen werden. Er erwartet eine Salamitaktik, um immer mehr Massnahmen einzuführen.

Am Freitag hat der Bundesrat weitere Massnahmen zur Pandemie-Bekämpfung bekanntgegeben. Nur Stunden später schilderte Martin Balmer, Leiter der Intensivmedizin beim Kantonsspital Aarau in der SRF-«Arena» eindrücklich, wie er und seine Mitarbeiter schon jetzt entscheiden müssen, wer einen Platz auf der Intensivstation erhält – und wer nicht.

Der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny erwartet diese Woche eine weitere Verschlechterung der Infektionszahlen. «Auch mit weiteren Triage-Meldungen aus den Intensivstationen müssen wir leider rechnen.» Er hält es deshalb für wahrscheinlich, dass schon in den kommenden Tagen weitere Massnahmen angekündigt werden: «Wir haben das in Österreich gesehen. Als die Zahlen sich verschlechterten, wurden nach und nach neue Massnahmen eingeführt.»

Österreich versuchte die Zahlen erst durch ähnliche Massnahmen zu bremsen, wie der Bundesrat sie am Freitag verkündet hat. Kurz darauf wurde ein Lockdown für Ungeimpfte angekündigt, mittlerweile befindet sich das ganze Land wieder in einem 20-tägigen Lockdown. Auch für die Schweiz erwartet Cerny eine solche Salamitaktik – welche Massnahme wann eingeführt werde, sei aber schwer zu sagen. Diese Möglichkeiten stehen zur Debatte:

Massentests, CO2-Messgeräte und Filter

Diese Forderung stellen einige Experten schon lange. Gerade in Schulen sei es dringend angezeigt, diese Massnahmen zu ergreifen. Auch Andreas Cerny hätte sich schon letzten Freitag mehr schweizweite Regeln an Schulen gewünscht. Für eine bessere Überwachung der Luftqualität plädiert auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen plädiert für eine Maskenpflicht an Schulen ab dem fünften Schuljahr.

FFP2-Maskenpflicht im ÖV

Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass richtig getragenen FFP2-Masken bis zu 75 mal besser vor einer Infektion schützen, als die herkömmlichen OP-Masken. Für Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, wäre es deshalb sinnvoll, in gewissen Situationen wie etwa im öffentlichen Nahverkehr verstärkt auf FFP2-Masken zu setzen.

«Wir haben allerdings gesehen, dass schon das richtige Tragen der OP-Masken nicht immer überall eingehalten wird und dass es lange gedauert hat, bis ein Grossteil der Bürgerinnen und Bürger die Masken richtig getragen hat», sagt Utzinger. Er würde deshalb nicht auf eine FFP2-Pflicht setzen, sondern eine Empfehlung aussprechen und die Bevölkerung breiter über den besseren Schutz von korrekt getragenen FFP2-Masken aufklären.

Ausweitung von 3G

Das wäre für Utzinger dann denkbar, wenn der vom Bundesrat beschlossene Massnahmen-Mix, die Reduktion von Personenkontakten und die weiteren Anstrengungen bei der Impfkampagne nicht den gewünschten Erfolg brächten. «Die Zahlen könnten durchaus noch einmal während ein paar Tagen ansteigen, bis sich eine Stabilisierung und ein Abwärtstrend einstellen.»

2G

Der Ausschluss von Ungeimpften steht Bars und Clubs schon jetzt offen, wenn sie eine Konsumationspflicht im Sitzen und die Maskenpflicht umgehen wollen. Auch Sportclubs diskutieren darüber. Laut Utzinger haben die Kantone die Möglichkeit, 2G auch an weiteren Orten zu verhängen. Er hält das erst dann für sinnvoll, wenn die beschlossenen Massnahmen nicht ausreichen. Trifft dies ein, fordert auch Thomas Steffen die rasche Umstellung von 3G auf 2G. Auf dem politischen Parkett ist die Diskussion um 2G mittlerweile angekommen (siehe unten).

Impfpflicht für alle

Eine Impfpflicht für alle ist in der Schweiz aufgrund des Epidemiengesetzes derzeit nicht möglich. Dazu müsste das Gesetz angepasst werden. Trotzdem wird bereits jetzt darüber diskutiert – auch seit der Ankündigung Österreichs, per Ende Februar eine Impfpflicht für alle einzuführen. Davon ist die Schweiz derzeit aber noch weit entfernt.

So denkt die Politik

SP-Co-Präsident Cédric Wermuth sagte in der «Sonntagszeitung» (Bezahlartikel), über Massnahmen wie eine flächendeckende 2G-Pflicht oder ein Impfobligatorium müsse jetzt zumindest «rasch eine offene Debatte stattfinden». Die SP fordere dies zwar nicht ultimativ, schliesse nach 20 Monaten Pandemie aber nichts mehr aus.

Der Grünen-Präsident Balthasar Glättli beurteilte den Entscheid des Bundesrats vom Freitag gar als «Regierungsversagen». «Obwohl erste Intensivstationen bereits voll ausgelastet sind und Deutschland die Schweiz als Hochrisikoland eingestuft hat, ringt sich der Bundesrat nicht einmal zu einer Homeoffice-Pflicht oder zu einer Testpflicht an den Schulen durch. Das sind düstere Aussichten für die kommenden Wochen», urteilte er.

Ganz anders sieht es am anderen Ende des politischen Spektrums aus: Die SVP befürwortet zwar mehr Tests und fordert, dass diese wieder für alle kostenlos werden. 2G oder gar ein Impfobligatorium lehnt die Partei aber klar ab. Stattdessen fordert sie Kontrollen an den Landesgrenzen, eine Strategie zum Schutz der Risikogruppen und, dass die Zahl der Intensivbetten auf 2000 erhöht wird.

Für einen Mittelweg plädiert etwa die Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber: Flächendeckendes 2G hält sie für kontraproduktiv. «Einzelnen Unternehmen soll es aber gestattet sein, solche Massnahmen einzuführen.»

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