Aktualisiert 11.03.2020 10:56

CoronavirusVerteilt der Staat jetzt Atemschutzmasken?

Das Coronavirus verunsichert die Schweiz. Die Kantone ergreifen drastische Massnahmen. Der Bund wartet noch ab.

von
D. Krähenbühl

Passanten sagen, ob sie Angst vor dem Coronavirus haben und wie sie sich schützen. (Video: jdk/fan/lem)

Das Coronavirus ist in der Schweiz angekommen: Ein 70-jähriger Infizierter liegt in Lugano im Spital. Und auch im Aargau fiel ein erster Corona-Test vermutlich positiv aus. Die Kantone ergreifen Massnahmen: In Bern wurden Quarantäne-Wohnungen für bis zu 24 Personen eingerichtet, die Tessiner Regierung hat gestern Fasnachtsveranstaltungen und Schulausflüge im März abgesagt. Hockeyspiele finden vor leeren Rängen statt.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beurteilt die Gefahr weiterhin als «moderat», hat aber ebenfalls Massnahmen ergriffen: Ende Woche lanciert es eine Informationskampagne zum richtigen Umgang mit dem Virus. Zugleich wurden die Kapazitäten für Coronavirus-Tests laut Bundesrat Alain Berset auf täglich 1000 erhöht.

Von Massnahmen wie Grenzschliessungen und Reisewarnungen sieht der Bund aber ab. Ganz anders Italien: In der Lombardei haben die Behörden elf Städte abgeriegelt. 52'000 Menschen stehen praktisch unter Quarantäne, Schulen wurden geschlossen, Sportturniere und Karnevals gestrichen.

Kritik an Massnahmen des BAG

Franco Denti, der Präsident der Tessiner Ärztegesellschaft, kritisiert die seiner Meinung nach zu passive Haltung des Bundes scharf: «Das BAG riskiert den Kollaps des Tessiner Gesundheitssystems.» Auch der Epidemieforscher Christian Althaus spricht auf Twitter von einer «unverantwortlichen Fehleinschätzung des BAG zur Gefährlichkeit des Coronavirus».*

Das BAG sagt dazu auf Anfrage: «Wir setzen uns mit den möglichen Auswirkungen einer Ausbreitung des Coronavirus in der Schweiz intensiv auseinander», so Thomas Mathys, Stellvertretender Leiter übertragbare Krankheiten BAG. Die Spannbreite der zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten sei aber sehr gross und könne nicht verlässlich vorausgesagt werden.

«Ziel unserer Vorbereitungen ist es, eine Ausbreitung in der Schweiz möglichst zu verhindern und – sollte dies nicht möglich sein – die Auswirkungen auf die Schweizer Bevölkerung so gering wie möglich zu halten.»

«Ich habe wirklich Angst»

Wie sich in einer nicht repräsentativen Umfrage auf 20 Minuten zeigt, ist die Verunsicherung in der Bevölkerung gross. 56 Prozent von 4772 Teilnehmern haben Angst vor dem Coronavirus. Auch in den Kommentarspalten äussern sich viele besorgt. «Ich habe eine Lungenkrankheit und fühle mich ziemlich allein gelassen. Ich habe wirklich Angst», schreibt etwa Leserin J. F. (61). Sorgen um ihre Kinder und Angehörigen macht sich S.L.* (36): «Das BAG sollte mehr tun, als nur eine Flyer-Kampagne starten.»

Politik, Fachleute und Bürger fordern nun eine Reihe von Massnahmen, um eine grössere Epidemie zu verhindern.

Der Arbeit fernbleiben – auch ohne Arztzeugnis

Bei Krankheitsverdacht soll man zuhause bleiben dürfen – auch ohne Arztzeugnis. Das fordert Immunologe Beda Stadler: «Viele würden sich heute auch mit einer Grippe noch zur Arbeit schleppen, weil sie nicht extra zum Arzt gehen wollen. Das soll man möglichst verhindern. Auch wenn einige die Gelegenheit nutzen würden, um blau zu machen, wäre das immer noch weniger schlimm, als grosse Quarantänemassnahmen, die die Wirtschaft zum Stillstand bringen.»

Patrick Mathys, Stellvertretender Leiter übertragbare Krankheiten BAG: «Das ist eine Massnahme, die wir durchaus ins Auge fassen werden, wenn sich die Krankheit weiter in der Schweiz ausbreitet. Wenn das Gesundheitssystem sowieso belastet wird, macht es keinen Sinn, die Leute für ein Arztzeugnis noch in die Praxis zu schicken. Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Massnahme aber nicht angebracht.»

Schliessung der Schweizer Grenze

Franco Denti forderte eine vorübergehende Schliessung der Grenze, um sich besser auf den Notfall vorzubereiten. Auch die SVP fordert «rigorose Kontrollen» und Fieber-Checks an der Grenze.

Patrick Mathys, BAG: «Eine Grenzschliessung wäre eine massive Massnahme, die weder zielführend, noch sinnvoll ist. Sie würde nicht ausschliessen, dass das Virus trotzdem in der Schweiz auftreten oder sich verbreiten würde. Diese Ansicht vertreten auch die Anrainerstaaten der Schweiz.»

Gratis-Atemschutzmasken vom Staat

Mehrere Leser schlugen vor, dass der Staat Atemschutzmasken oder Desinfektionsmittel gratis verteilen soll.

Patrick Mathys, BAG: «Wir verfügen gar nicht über genügend Masken, dass wir das machen könnten. Das Tragen von Hygienemasken trägt ausserdem nur zu einem sehr kleinen Teil zum Schutz vor dem Coronavirus bei. Viel wichtiger sind andere Massnahmen wie Abstand halten, in die Armbeuge niesen und Desinfektionsmittel benutzen. Normale Seife und Wasser reichen übrigens auch.»

Beda Stadler: «Wer selber Symptome zeigt, also hustet und niest, soll eine Maske tragen. Das zeigt allen anderen, das man einen gesunden Sicherheitsabstand zu dieser Person einhalten soll. Man muss aber mit dem Mythos aufhören, dass man sich mit der Maske vor dem Virus schützen könnte. Dazu müsste man sie alle 30 Minuten austauschen. Aber wer krank ist und zum Arzt oder ins Spital fährt, der kann und soll eine Maske anziehen. Aber in der Wissenschaft ist sehr umstritten, ob Masken etwas nützen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.»

Absage von Veranstaltungen und Verbot von Konzerten

Im Tessin wurden alle bevorstehenden Fasnachtsveranstaltungen gestrichen. Stehen nun auch weitere Grossveranstaltungen auf der Kippe? Seit Tagen wird spekuliert, ob Grossveranstaltungen wie der Genfer Autosalon oder die Basler Fasnacht unter diesen Vorzeichen zu verantworten sind.

Patrick Mathys, BAG: «Die Massnahme, Grossveranstaltungen abzusagen, behalten wir uns vor – eher früher als später. Wir werden in den nächsten Tagen schauen, wie sich die Situation weiterentwickelt. Betroffen wären etwa Fussballspiele, Autosalons oder Uhrenmessen und Fasnachtsveranstaltungen. Möglich wäre auch, beispielsweise Konzerte oder Kinovorführungen zu verbieten.»

Beda Stadler: «Im Moment sind wir noch weit entfernt von einer grossen Gefahr. Ein Besuch der Fasnacht ist zum Beispiel noch bedenkenlos möglich. Man kann aber etwa damit anfangen, weniger Hände zu schütteln und weniger Küsse zu verteilen. Also die gleichen Massnahmen, wie man sich auch vor einer normalen Grippe schützt. Ich hoffe, dieses Denken währt auch über die nächsten Jahre hinweg an – so könnte man viele Grippetote vermeiden.»

*Korrigendum 11.3.2020: In einer ersten Version des Artikels wurde Christian Althaus mit der Aussage zitiert, dass es im Worst-Case-Szenario in der Schweiz bis zu 30'000 Todesopfer geben könnte. Der Epidemieforscher legt Wert darauf, dass er diese Aussage nicht selbst gemacht hat, sondern dass sie aus einer Interviewfrage stammt. Wir entschuldigen uns für diese unzulässige Vermischung von Frage und Antwort.

Hier der entsprechende Abschnitt aus dem Interview in der NZZ:

Frage: Es könnte also drei Millionen Infizierte in der Schweiz geben. Bei einer Sterblichkeit von einem Prozent sprechen wir von 30 000 Toten.

Antwort Althaus: Ja. Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen.

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