Aktualisiert 18.09.2014 10:43

Schottischer Nationalheld

«Braveheart» - Hollywoods Heldenmärchen

Der Hollywood-Streifen «Braveheart» gibt vor, das Leben des schottischen Nationalhelden zu erzählen. Doch das Schlachtenepos ist alles andere als historisch korrekt.

von
F. Riebeling

Am Donnerstag entscheiden die Schotten über den Verbleib im Vereinigten Königreich. Beim wiederentdeckten Nationalstolz spielt auch der Film «Braveheart» eine Rolle. Er erzählt die Geschichte des Freiheitskämpfers William Wallace (1270-1305), der zum Symbol für die schottische Unabhängigkeit wurde. Der Film basiert auf einem Heldengedicht, das 1470 vom Barden Blind Harry verfasst wurde. Doch statt die wahren Geschehnisse nachzuerzählen, erschuf dieser einen Mythos, der von Hollywood weitergesponnen wurde.

Ein Rich Kid

Im Film wächst William Wallace nach dem Tod der Eltern bei seinem Onkel auf. In Wahrheit lebten seine Eltern Ende des 13. Jahrhunderts noch, wie ein Schreiben aus dem Jahr 1297 beweist. Die Analyse des Siegels zeigte, dass der Vater nicht mittellos war, wie in «Braveheart» behauptet, sondern Ländereien besass. Demnach war Wallace kein gewöhnlicher Junge, der wegen seines Talents zum Kämpfer wurde, sondern der privilegierte Sohn eines Edelmanns, der schon in jungen Jahren zum Waffenknecht ausgebildet wurde.

Cherchez la femme

Schottland wurde zu dieser Zeit vom englischen König Edward I. regiert. Alle Versuche der Schotten, sich dagegen zu wehren, wurden rücksichtslos niedergeschlagen. In der Folge suchten die Schotten nach einer Möglichkeit, sich gegen die verhasste Obrigkeit zu wehren - wenn es sein musste mit Gewalt.

Doch dem Film nach hat sich Wallace nicht aus politischer Motivation 1297 zum ersten Mal gegen die Engländer aufgelehnt. Vielmehr habe er die Ermordung seiner Frau durch den englischen Sheriff von Lanark rächen wollen. Neuere Forschungen stellen diese romantischen Beweggründe in Frage. Denn die vermeintliche Gattin tauchte erst in einer späteren Fassung des Gedichts auf. Die neue Version war von einer wohlhabenden Familie in Auftrag gegeben worden, um selber Teil der Geschichte zu werden. Damals nichts Aussergewöhnliches.

William Wallace' angebliche Frau wird hingerichtet. (Video: Youtube/Matthew Bayliss)

Befehlsempfänger

Von Mönchen verfasste Chroniken, die Jahrhunderte später in Norwegen entdeckt wurden, erzählen eine laut Historikern glaubwürdigere Version. Demnach hat Wallace 1297 nicht allein gegen die Engländer gekämpft, sondern an der Seite von Richard Lundie. Da dieser im Gegensatz zu Wallace Ritter war, gehen die Experten davon aus, dass er es war, der die Befehle erteilte und Wallace diese befolgte.

Ein schwacher Feind

Die Schlacht von Stirling Bridge, in der die Schotten im gleichen Jahr die Engländer schlugen, findet sowohl in historischen Dokumenten als auch im Film Erwähnung. Doch während «Braveheart» den Sieg der Schotten über die Engländer den taktischen Fähigkeiten von Wallace zuschreibt, sehen ihn Historiker der Unentschlossenheit der Engländer geschuldet, die von den schottischen Truppen schlichtweg überrumpelt wurden.

In Wahrheit hat sich die Schlacht ganz anders abgespielt. (Video: Youtube/HistoricalFilmScenes)

Modesünden

Als Vorbild für die blau-weisse Gesichtsbemalung diente ein schottischer Stamm, dessen Angehörige angeblich so tätowiert waren. Jedoch lebte dieser über 1000 Jahre zuvor. Auch die Kilts passen nicht zum Ende des 13. Jahrhunderts. Sie wurden erst viel später erfunden. Tatsächlich unterschieden sich die englischen und schottischen Truppen äusserlich kaum. Sie trugen - wie zu der Zeit üblich - gefütterte Mäntel, sogenannte Gambesons.

So sahen die Schotten Ende des 13. Jahrhunderts nicht aus. (Video: Youtube/evolutionzFTW)

Gestohlener Ruhm

Wie schon beim Kampf in Lanark kämpfte Wallace auch in der Schlacht von Stirling Bridge neben einem höherrangigen Mann: Andrew Murray. Doch weil dieser im Kampf schwer verletzt wurde und starb, präsentierte sich Wallace im Nachhinein als alleiniger Befehlshaber. Das geht aus einem Schreiben hervor, das dieser nach der Schlacht - im Namen seines Vaterlandes - an die Hansestädte Hamburg und Lübeck richtete. Murray geriet in Vergessenheit. Wallace hingegen wurde zum Ritter geschlagen und zum Guardian of Scotland erklärt.

York ist ausser Reichweite

Als Ritter plante Wallace - zumindest im Film - den Angriff auf das englische York. Doch der Ort lag hunderte Kilometer südlich von Schottland und wurde gut verteidigt. Der echte William Wallace brandschatzte stattdessen Nordengland - und wurde damit zum Feindbild der Engländer schlechthin.

So inszenierte Mel Gibson William Wallace's Angriff auf York. (Video: Youtube/Matthew Bayliss)

Affäre mit Kleinkind?

In «Braveheart» bewahrt Prinzessin Isabelle von Frankreich den Schotten vor einer Festnahme. Es folgt eine Affäre. Doch diese hat in Wirklichkeit nie stattgefunden: Erstens war Isabelle damals noch ein Kleinkind, zweitens lebte sie in Frankreich.

In einem stimmen Film und Realität überein: Nachdem der englische König in der Schlacht von Stirling Bridge geschlagen worden war, beschloss er, Schottland ein für allemal zu besiegen. Deshalb führte er 1298 seine mehr als 30'000 Mann starke Armee gen Norden. Die Truppen von Wallace hatten keine Chance und wurden abgeschlachtet. Ihr Anführer machte sich zwar rechtzeitig aus dem Staub, aber sein Ruf war zerstört: Er wurde als Guardian of Scotland abgesetzt. Auch den Oberbefehl über die Armee verlor er.

Der Tod kommt zu früh

Die schottischen Lords schlossen mit Edward I. Frieden. Im Film wird Wallace von ihnen verraten, öffentlich gefoltert und hingerichtet. Im wahren Leben kämpfte er noch einige Jahre weiter gegen die Engländer, bis er 1305 tatsächlich von seinen Landsleuten gefangen genommen wurde. Der einst stolze Kämpfer wurde vom englischen König des Verrats bezichtigt, verurteilt und am 23. August in Smithfield, London, gehängt und anschliessend gevierteilt.

So stirbt William Wallace in der Hollywood-Version. (Video: Youtube/Matthew Bayliss)

Grosses Kino

Trotz seiner Fehler war der von Mel Gibson produzierte Film «Braveheart» äusserst erfolgreich. Er spielte weltweit über 210 Millionen Dollar ein und gewann fünf Oscars in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera, Bester Tonschnitt und Bestes Make-up. Weiter erhielt er drei Bafta Awards, einen Empire, einen Golden Globe und einen MTV Movie Award.

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