20.07.2020 09:30

WHO-Chefforscherin

«Breite Corona-Impfung ab Mitte 2021 ist möglich»

Ist Mitte 2021 der Corona-Spuk vorbei? Ausgeschlossen ist es laut Soumya Swaminathan von der WHO zumindest nicht. Zwar habe man «momentan absolut keine Ahnung, welcher Impfstoff erfolgreich sein wird», aber man sei zuversichtlich, dass ein paar von ihnen funktionieren werden.

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Weltweit sind mehr als 145 Wirkstoffe in der Entwicklung, über 20 Impfstoffkandidaten werden bereits am Menschen getestet.

Weltweit sind mehr als 145 Wirkstoffe in der Entwicklung, über 20 Impfstoffkandidaten werden bereits am Menschen getestet.

Screenshot New York Times
Entsprechend zuversichtlich gibt sich Soumya Swaminathan, Chefwissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Entsprechend zuversichtlich gibt sich Soumya Swaminathan, Chefwissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation WHO.

KEYSTONE
Ihr zufolge könnte schon ab Mitte 2021 eine breit angelegte Corona-Impfung erfolgen. (Im Bild: Eine junge Frau bekommt an der Uniklinik Tübingen im Rahmen einer Studie den Wirkstoff der Firma Curevac gespritzt.)

Ihr zufolge könnte schon ab Mitte 2021 eine breit angelegte Corona-Impfung erfolgen. (Im Bild: Eine junge Frau bekommt an der Uniklinik Tübingen im Rahmen einer Studie den Wirkstoff der Firma Curevac gespritzt.)

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Darum gehts

  • WHO-Chefforscherin Soumya Swaminathan hält eine breite Corona-Impfung Mitte 2021 für möglich.
  • Derzeit sind mehr als 20 Impfstoffkandidaten in klinischen Studien.
  • Deshalb sei man zuversichtlich, dass ein paar von ihnen funktionieren werden.
  • Dass neutralisierende Antikörper in einigen Corona-Infizierten nach einer Zeit verschwinden, hält die Expertin nicht für besorgniserregend. Es gebe schliesslich auch noch andere Arten der Körperabwehr.

Rund um den Globus liefern sich Pharmafirmen einen Wettlauf um den ersten Impfstoff. Die Chefwissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation, Soumya Swaminathan, beobachtet das sehr genau. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht sie über hohe Ansprüche, Unwägbarkeiten und darüber, wann sie ein Mittel erwartet.

Wann wird ein Impfstoff reif für den Einsatz sein?

Im Moment sind mehr als 20 Impfstoffkandidaten in klinischen Studien. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass ein paar von ihnen funktionieren werden. Es wäre sehr viel Pech, sollten alle scheitern. Es ist möglich, dass wir Anfang 2021 einen Impfstoff haben. Dann müsste er hergestellt und auf Masse produziert werden. Wenn wir also sehr praktisch denken, dann könnten wir Mitte 2021 über einen Impfstoff verfügen, der auf breiter Basis eingesetzt werden kann. Natürlich lässt sich das nicht vorhersagen. Wenn wir annehmen, dass es eine zehnprozentige Chance für jeden der Impfstoff-Kandidaten gibt, erfolgreich zu sein, bedeutet das immer noch, dass ein oder zwei Impfstoffe erfolgreich sein könnten – vielleicht sogar mehr.

Werden schneller Fortschritte erzielt, als Sie erwartet haben?

Es geht tatsächlich sehr schnell. Im Vergleich zu jeder anderen Krankheit ist dies der kürzeste Zeitplan, den wir je gesehen haben. Von der Veröffentlichung des Virus-Gencodes im Januar (siehe Bildstrecke) bis zum ersten Impfstofftest im März vergingen weniger als drei Monate. Das gab es noch nie zuvor. Es ist möglich, dass die Phase-III-Versuche (Anmerkung der Redaktion: grössere Tests zur Wirkung am Menschen) innerhalb eines Jahres nach Beginn der Impfstoffentwicklung abgeschlossen sein werden. Das wäre ein Erfolg und ein Grund zum Feiern. Aber der Abschluss von klinischen Phase-III-Studien bedeutet nicht zwingend, dass der Impfstoff wirksam, sicher und einsatzbereit ist.

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Soumya Swaminathan ist ursprünglich Kinderärztin und gilt als ausgewiesene Fachfrau in der Tuberkulose-und HIV-Forschung. Insgesamt hat die aus Indien stammende Swaminathan mehr als 350 Fachartikel und Buchkapitel veröffentlicht. Seit vergangenem Jahr ist sie Chefwissenschaftlerin der WHO.

Es werden bereits mehrere Impfstoffe an Menschen getestet. Stimmt Sie einer besonders optimistisch?

Wir können nicht vorhersagen, welche dieser Impfstoffe funktionieren werden. Im Moment haben wir absolut keine Ahnung, welcher erfolgreich sein wird. Unser Ansatz ist, dass Impfstoffversuche für so viele Kandidaten wie möglich unternommen werden müssen, damit man die besten Erfolgschancen hat. Das Interesse und die Investitionen sind sehr hoch, aber wir haben bestimmte Kriterien. Es reicht nicht aus, 20 oder 30 Prozent der geimpften Menschen zu schützen – das wird diese Pandemie nicht beenden. Wir brauchen einen Impfstoff, der etwa 70 Prozent Schutz bietet und sicher ist.

Die Impfstoffe haben ziemlich unterschiedliche Ansätze. Haben Sie einen Favoriten?

Mit einigen Konzepten für einen Impfstoff haben wir mehr Erfahrung, sodass man zumindest weiss, was man erwarten kann. Inaktivierte Virusimpfstoffe werden zum Beispiel seit vielen Jahren eingesetzt. RNA- und DNA-Ansätze sind die beiden neuen, die noch nie beim Menschen eingesetzt wurden. Wir müssen die Ergebnisse wirklich beobachten und sehen. Wir wissen nicht, wie wirksam diese neuen Plattformen beim Auslösen des Schutzeffekts sind, und kennen auch das Sicherheitsprofil nicht. Aber es ist sehr gut, dass wir so viele verschiedene Ansätze haben. Verschiedene Plattformen können möglicherweise in unterschiedlichen Bevölkerungsuntergruppen – etwa älteren Menschen, schwangeren Frauen oder Kindern – besser funktionieren.

Studien haben gezeigt, dass die Antikörper-Level nach einer Infektion schnell zu sinken scheinen. Ist das besorgniserregend?

Nein, aber wir beobachten sie genau. Die Tatsache, dass neutralisierende Antikörper verschwinden, bedeutet nicht, dass die Immunität weg ist. Die verschiedenen Arten der Immunität gegen dieses Virus werden derzeit noch erforscht. Es gibt auch Berichte, die darauf hinweisen, dass die zellenvermittelte Immunantwort – die T-Zellen-Antwort – ziemlich wichtig sein könnte. Zusätzlich entwickelt man einige Gedächtniszellen. Diese Zellen können reaktiviert werden, wenn man erneut dem Virus ausgesetzt ist – und eine Immunantwort auslösen. Wir lernen noch dazu. Was wir von natürlichen Infektionen wissen, ist, dass die Mehrheit der Menschen Antikörper entwickelt – sie entwickeln Immunität. Es ist gut, das zu wissen. Das gibt Hoffnung, dass ein Impfstoff auch eine Immunität hervorrufen wird. Bisher haben wir noch von keinem Fall gehört, bei dem eine zweite Infektion vorliegt.

Weniger optimistisch als Swaminathan zeigte sich vor einigen Wochen der mehrfach ausgezeichnete Virologe Peter Piot. Er glaube nicht daran, dass ein Impfstoff das Coronavirus aus der Welt schaffen wird. Vielmehr rief er dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte.

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Peter Piot kennt das Coronavirus Sars-CoV-2 als Virologe und als Patient. Wo er sich infiziert hat, weiss er nicht. Er weiss nun aber ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann, und er mahnt andere, vorsichtig zu sein. Doch das ist nicht das Einzige, womit Piot an die Öffentlichkeit geht.

Peter Piot kennt das Coronavirus Sars-CoV-2 als Virologe und als Patient. Wo er sich infiziert hat, weiss er nicht. Er weiss nun aber ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann, und er mahnt andere, vorsichtig zu sein. Doch das ist nicht das Einzige, womit Piot an die Öffentlichkeit geht.

Wikimedia Commons/PieterMorlion/CC BY 2.5
Der Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine bremst die Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2: «An einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.» Er ruft dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte. Dabei dürfte man ruhig unkonventionellen Ideen folgen.

Der Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine bremst die Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2: «An einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.» Er ruft dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte. Dabei dürfte man ruhig unkonventionellen Ideen folgen.

Wikimedia Commons/SecretLondon/CC BY-SA 3.0
Lange ging man davon aus, dass Sars-CoV-2 nur die Lunge angreift. Heute – fünf Monate nachdem die ersten Meldungen dazu aufkamen – weiss man, dass es den ganzen Körper angreift.

Lange ging man davon aus, dass Sars-CoV-2 nur die Lunge angreift. Heute – fünf Monate nachdem die ersten Meldungen dazu aufkamen – weiss man, dass es den ganzen Körper angreift.

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(SDA)

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59 Kommentare
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Sandra

21.07.2020, 20:40

Zum Glück gibt es Forschung. Ich hoffe ebenfalls, dass ein Impfstoff gefunden wird. Ich möchte aber lieber nicht wissen, wie und an welchen Menschen dies nun getestet wird. Der am weitesten fortgeschrittene Impfstoff kommt derzeit aus China und wird an Soldaten getestet. Haben die eine Wahl? Und all die inoffiziellen Tests welche mit Sicherheit gemacht werden... Es geht um viel Geld.

C. Norem

21.07.2020, 19:43

Wer sagt, er würde sich sicher nicht impfen lassen, wird es spätestens machen, wenn er die Krankheit durchgemacht und überlebt hat. Andere aus seiner Umgebung wird ihn wohl nicht besonders beeindrucken, weil er halt nicht selbst betroffen ist. Dabei wird er eine Virenschleuder. Das nennt man Solodarität, oder? Oder vielleicht Eigenverantwortung...

Flip

21.07.2020, 12:52

Woher wissen sie das, dass Virus mitte 2021 noch da ist?