Löhne 2023: Bremst Angst vor Wirtschaftsflaute die Lohnverhandlungen aus?

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Löhne 2023Bremst Angst vor Wirtschaftsflaute die Lohnverhandlungen aus?

Im Schnitt 2,3 Prozent mehr Lohn – das sagt die Credit Suisse für 2023 voraus. Die Unia fordert mehr. Doch die Firmen könnten wegen der trüben Wirtschaftsaussichten zögern.

von
Marcel Urech
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Die Credit Suisse geht davon aus, dass die Angestellten in der Schweiz nächstes Jahr durchschnittlich 2,3 Prozent mehr verdienen werden als dieses Jahr. 

Die Credit Suisse geht davon aus, dass die Angestellten in der Schweiz nächstes Jahr durchschnittlich 2,3 Prozent mehr verdienen werden als dieses Jahr. 

Tamedia AG
Die Bank prognostiziert, dass die Teuerung 2023 auf 1,5 Prozent zurückgehen wird. Das würde bedeuten, dass die Löhne auch inflationsbereinigt steigen.

Die Bank prognostiziert, dass die Teuerung 2023 auf 1,5 Prozent zurückgehen wird. Das würde bedeuten, dass die Löhne auch inflationsbereinigt steigen.

20min/Celia Nogler
Die Gewerkschafts-Dachorganisation Travailsuisse fordert allerdings drei bis fünf Prozent mehr Lohn für alle – wegen der hohen Inflation, die Produkte des alltäglichen Bedarfs massiv verteuert hat.

Die Gewerkschafts-Dachorganisation Travailsuisse fordert allerdings drei bis fünf Prozent mehr Lohn für alle – wegen der hohen Inflation, die Produkte des alltäglichen Bedarfs massiv verteuert hat.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • 2023 gibt es mehr Lohn – aber nicht für alle.

  • Ob die Lohnerhöhungen höher als die Teuerung sein werden, ist ungewiss.

  • Denn die trüben Wirtschaftsaussichten könnten die Lohnverhandlungen ausbremsen.

Bald stehen die Lohnverhandlungen für 2023 an. Sie finden dieses Jahr unter speziellen Voraussetzungen statt: Der Personalmangel ist riesig, Firmen suchen händeringend nach Fachkräften, es gibt viele offene Stellen und die Arbeitslosenquote ist saisonbereinigt auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren.

Wegen der hohen Inflation sollten für alle drei bis fünf Prozent mehr Lohn drin liegen, sagt die Gewerkschafts-Dachorganisation Travailsuisse. Aktuelle Prognosen der Credit Suisse (CS) und des Arbeitgeberverbands sind verhaltener. Denn die trüben Wirtschaftsaussichten könnten die Lohnverhandlungen ausbremsen.

CS rechnet mit 2,3 Prozent mehr Lohn

Die CS geht davon aus, dass die Löhne 2023 um 2,3 Prozent hochgehen. Sie prognostiziert zudem, dass die Teuerung auf 1,5 Prozent zurückgeht. Das würde bedeuten, dass die Löhne auch inflationsbereinigt steigen. Das Plus sei aber nicht hoch genug, um den Rückgang der realen Löhne in 2021 und 2022 zu kompensieren.

Die Reallöhne nach Abzug der Teuerung sinken laut Unia seit 2016. «Das muss sich ändern», fordert Christian Capacoel Guzmán, Leiter Kommunikation & Kampagnen. Denn die Hiobsbotschaften der Firmen hätten sich nicht bewahrheitet: Den meisten gehe es trotz Corona und Inflation gut, und viele machten hohe Gewinne.

Unia will mehr

«Es reicht nicht, wenn die Löhne nächstes Jahr bloss um 2,3 Prozent steigen», sagt Capacoel Guzmán. Die Gewerkschaft fordert einen vollständigen Ausgleich der Teuerung in allen Branchen – und mindestens ein Prozent mehr Lohn obendrauf.

Kriegst du 2023 mehr Lohn?

Auch Capacoel Guzmán geht zwar davon aus, dass die Inflation nächstes Jahr abnehmen wird. Im aktuell schwierigen Umfeld mit sehr hohen Energie- und Strompreisen sei es aber umso wichtiger, den privaten Konsum zu stützen. Und das erreiche man vor allem über höhere Löhne, so die Position der Unia.  

Rezessionsangst als Lohnbremse

Laut der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF dürften die Löhne 2023 um 2,2 Prozent steigen. Der Arbeitgeberverband geht von einem durchschnittlichen Plus von rund zwei Prozent aus. Die Prognose der CS sei in Einklang mit ersten Rückmeldungen aus den Branchen, sagt Verbandssprecher Andy Müller auf Anfrage.

Es stimme zwar, dass es der Schweizer Wirtschaft gut gehe. Die Konjunkturaussichten für das nächste Jahr seien aber weltweit nicht rosig. Es sei gut möglich, dass die Schweiz 2023 in eine Rezession rutsche. Das würde bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung schrumpft. Darum wäre es nicht vernünftig, jetzt über ausserordentlich grosse Lohnerhöhungen zu sprechen, sagt Müller.

Gastro und Easyjet erhöhen Löhne stark

Einigen Branchen gehe es sehr gut, da seien auch stärkere Lohnerhöhungen möglich. Es gebe aber auch Branchen, die schlicht nicht über die finanziellen Mittel für grosse Lohnerhöhungen verfügten, sagt Müller. Wie stark der Lohn steige, sei Sache der einzelnen Unternehmen – und nicht der Gewerkschaften.

Grosse Lohnerhöhung bei Easyjet

Das Kabinenpersonal von Easyjet Schweiz wird ab 2024 mehr Lohn kriegen, hat die Gewerkschaft VPOD (Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste) mitgeteilt. Die Fluggesellschaft werde den fixen Lohnbestandteil um mindestens sieben Prozent und den variablen um 4,5 Prozent erhöhen. Das Kabinenpersonal erhalte zudem 4000 Franken Prämie, die Kabinenchefs 4500 Franken.

Gastrosuisse habe zum Beispiel deutliche Lohnerhöhungen beschlossen, da der Personalmangel in der Gastrobranche sehr hoch sei. Im Detailhandel seien hingegen keine grossen Lohnerhöhungen zu erwarten, da er stärker als andere Branchen unter den explodierenden Energiekosten und dem teuren Wareneinkauf leide.

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