Aktualisiert 18.01.2019 19:00

«Oooorder!»Brexit-müde? Er wird das ändern!

John Bercow ist Speaker im britischen Unterhaus. Seine «Order! Order!»-Rufe amüsieren spätestens seit der Brexit-Debatte auch Nichtbriten.

von
gux

«ORRR-DUHHH! ORRR-DUHHH!» – Unterhaus-Sprecher John Bercow in Action (Quelle: Webteam Tamedia).

Unumstritten ist John Bercow nicht. Seine zahlreichen Kritiker im Land werfen dem Speaker im britischen Unterhaus vor, er sei in seine eigene Stimme verliebt. Dabei sei es doch sein Job, andere reden zu lassen.

Aber kaum jemand kann sich dem Schauspiel entziehen, das Bercow seit 2009 im Parlament aufführt: Seine Stimme und länglichen Ordnungsrufe («Orrr-Duuuuh!») , seine Mimik, seine bösartigen Spitzen und Witze gegenüber Kollegen sind so britisch wie amüsant. Europa hat Bercow gerade eben für sich entdeckt – als willkommenen Lichtblick in der endlosen Brexit-Debatte.

«So mühsam, aber er ist unersetzlich»

«Niemand ruft ‹Order!› schöner als er», schwärmt etwa der niederländische «De Volkskrant». Der belgische «Le Soir» schreibt über den Konservativen: «Mit ihm, der oft so mühsam ist, kann man kaum leben, aber er ist unersetzlich.» Die seriöse deutsche «Tagesschau» fertigte eine fast einminütige «Order! Order! Order»- Compilation an. Und für «Radio France International» ist Bercow der «Europäer der Woche». Entsprechend trendig sind auf Social Media Zusammenschnitte von Bercows Parlamentsauftritten.

Doch der Sprecher des Unterhauses ist kein Clown, er verfügt über viel Macht. Er entscheidet etwa, wer das Wort ergreifen darf, über welche Änderungsanträge die Parlamentarier abstimmen dürfen und welche Änderungsanträge auf die Tagesordnung kommen: «Das gibt unsichtbaren, parteiübergreifenden Mehrheiten die Gelegenheit, der Regierung zu demonstrieren, was das Parlament ablehnt oder was es will», schreibt die «NZZ».

Parteiischer Unparteiischer?

Der Speaker hat dabei unparteiisch zu sein – und eben dies, so die Kritiker des mehrfach in seinem Amt bestätigten Sprechers, sei Bercow nicht. Tatsächlich macht der Sohn eines Taxifahrers, dessen Vorfahren aus Rumänien eingewandert waren, keinen Hehl daraus, dass er ein Brexit-Gegner ist. Dass er Donald Trump nie im britischen Parlament sehen will. Und dass er gerne mit parlamentarischen Bräuchen bricht, wenn es darum geht, das Parlament gegenüber der Regierung zu stärken.

Als Chef der Parlamentsdienste musste sich Bercow letzten Sommer Vorwürfe von Mobbing und sexuellen Belästigungen gefallen lassen. Die Rücktrittsforderungen reissen seither nicht ab. Die aktuelle Brexit-Debatte, die Bercow im Parlament leitet, hat das Fass in den Augen seiner Kritiker zum Überlaufen gebracht.

Der Speaker sei derart parteiisch, dass man ihn bei seiner Pensionierung abstrafen müsse, sagen sie. Sie wollen ihm laut «BBC» den Platz im House of Lords absprechen, den jeder Unterhaus-Sprecher nach seiner Amtszeit automatisch erhält. Ob der als Choleriker geltende Bercow sich dann an den Rat halten würde, den er einst einem sich in Rage redenden Parlamentarier gab? «Beruhigen Sie sich, Mann, und versuchen Sie es mit Yoga.»

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