Stau auf der Datenautobahn: Bricht das Internet in vier Jahren zusammen?
Aktualisiert

Stau auf der DatenautobahnBricht das Internet in vier Jahren zusammen?

Experten streiten darüber, ob das Internet bald an seine Grenzen stösst. DSL-Anbieter reagieren mit dem Bau besserer Netze oder der Abschaffung von Flatrates. Bedeutet dies das Ende des Internets, wie wir es kennen?

von
Henning Steier

Die beliebtesten Internetdienste wie Google Maps, Skype und YouTube verursachen riesige Datenströme im weltweiten Netz. Eine aktuelle Studie von Nemertes Research prognostiziert daher, dass in vier Jahren die Bandbreiten nicht mehr ausreichen werden, um alle Surfer gleichzeitig zu bedienen.

Zehn Prozent des globalen Datenverkehrs sollen allein von YouTube verursacht werden, rund die Hälfte von Filesharern. Vor einem Jahr hatten die Marktforscher von Nemertes derartige Engpässe bereits für 2010 vorausgesagt. Jetzt gehen sie von 2012 aus, weil das Wachstum durch die weltweite Rezession verlangsamt werde. Die Objektivität der letztjährigen Studie wurde allerdings dadurch verringert, dass sie im Auftrag der Internet Innovation Alliance, einem Lobbyistenverband der Telekommunikationsbranche, erstellt worden war. Die Autoren forderten Investitionen von rund 137 Milliarden US-Dollar in neue Datenaustauschknoten, so genannte Backbones, um den Web-Kollaps zu verhindern. In diesem Jahr wird der Auftraggeber des Reports nicht genannt.

Panikmache aus Geschäftsinteresse

Das Studienergebnis habe sehr viel mit der Hoffnung auf grosse Geschäfte zu tun, kritisierte Informatik-Professor Andrew Odlyzko von der University of Minnesota. Er erforscht selbst in einem Projekt namens Minnesota Internet Traffic Studies die wachsenden Datenströmen im Internet. Auch nach seiner Prognose werden sie in diesem Jahr weltweit um 50 bis 60 Prozent zunehmen. Den Traffic exakt zu messen ist allerdings schwierig, weil das Internet aus einer Vielzahl einzelner Netze besteht, die in teils privater, aber auch in öffentlicher Hand sind. Laut Odlyzko haben Telekomkonzerne in Hongkong und Südkorea angesichts der Datenflut frühzeitig richtig reagiert, indem sie Glasfaserkabel verlegt haben, die auch in Zukunft genügend Kapazitäten für Webfernsehen und Downloads bieten. Hierzulande liefern sich die Swisscom und örtliche Elektrizitätswerke einen Wettlauf um den schnellsten Aufbau eines grossen Glasfasernetzes.

Flatrate ade

Einen anderen Weg will der US-Provider Frontier Communications mit der Abschaffung des unbegrenzten Surfens zum Pauschalpreis gehen. Wer mehr als fünf Gigabyte Traffic verursacht, soll im nächsten Jahr dafür extra zahlen. «In einer Stadt in West Virginia nutzen 23 Surfer 28 Prozent unserer Netzkapazität», sagte Firmenchefin Maggie Wilderotter auf einer Pressekonferenz in New York. Die aktiveren Surfer zur Kasse zu bitten, sei daher nur fair. Alle Anbieter würden mittelfristig auf das neue Modell umsteigen, um profitabel zu bleiben, sagte Wilderotter voraus.

Kraftwerke fürs Netz

Auf einen anderen Aspekt des rasant wachsenden Datenverkehrs im Web weist Gerhard Fettweis, Professor an der Technischen Universität Dresden, hin: In den Hauptknotenpunkten des Internets wachse der Stromverbrauchs um 16 bis 20 Prozent jährlich. Mittlerweile verbrauchten die für den Betrieb des Netzes benötigten Server etwa 180 Milliarden Kilowatt pro Jahr, sagt Fettweis. Das entspreche einem Prozent des globalen Strombedarfs.

Um den IT-Standard der Industrienationen in der ganzen Welt zu etablieren, bräuchte man heute 40 Prozent der weltweiten Kraftwerksleistung, so Fettweis. «In weniger als zehn Jahren würde die gesamte existierende Kraftwerksleistung für den Betrieb des Internets aber nicht mehr ausreichen.»

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