25.03.2020 15:58

CoronavirusBricht jetzt der Transfermarkt ein?

Ob sich Vereine nach der Corona-Krise hohe Ablösen leisten können, ist fraglich. Doch die Situation werde sich schnell wieder normalisieren, sagt Christoph Graf.

von
Etienne Sticher
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Die Stadien stehen wegen des Coronavirus leer. Wann wieder gespielt werden kann und ob dann Fans im Stadion erlaubt sind, steht noch in den Sternen.

Die Stadien stehen wegen des Coronavirus leer. Wann wieder gespielt werden kann und ob dann Fans im Stadion erlaubt sind, steht noch in den Sternen.

epa/Andy Rain
Wenn die Corona-Krise überstanden ist, wird es weniger Geld im Fussball geben. Die Vereine werden sparen müssen. Darüber sind sich die Experten einig.

Wenn die Corona-Krise überstanden ist, wird es weniger Geld im Fussball geben. Die Vereine werden sparen müssen. Darüber sind sich die Experten einig.

Philippe Crochet/imago
Christoph Graf (rechts), Präsident der Schweizer Spielerberatervereinigung, glaubt aber nicht, dass der Spardruck den Fussball langfristig verändern wird. «Die Situation wird sich schnell wieder normalisieren.»

Christoph Graf (rechts), Präsident der Schweizer Spielerberatervereinigung, glaubt aber nicht, dass der Spardruck den Fussball langfristig verändern wird. «Die Situation wird sich schnell wieder normalisieren.»

sfaa.ch

Der Fussball steht still. Die Spieler sitzen zu Hause, die Fans ebenso. Und alle vermissen den Fussball. Die Bundesliga pausiert bis mindestens 2. April. Die Super League bis 30. April. Doch ob der Spielbetrieb danach überhaupt wiederaufgenommen werden kann, ist fraglich. Verschiedene Experten malen ein düsteres Bild und rechnen damit, dass es in diesem Kalenderjahr keine Fussballspiele mehr geben wird. Auch nicht in leeren Stadien.

Dies sieht Christoph Graf, Präsident der Schweizer Spielerberatervereinigung SFAA, etwas anders. Er nimmt an, dass vor allem in England und Deutschland die Saison schon bald zu Ende gespielt werden kann. Mit Geisterspielen zwar, doch das führe zu keinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, da die Einnahmen durch Tickets dank der äusserst lukrativen TV-Verträge nur einen Bruchteil ausmachen.

Kürzere Sommerpause führt zu weniger Transfers

Eine gewisse Zurückhaltung auf dem Transfermarkt erwartet Graf trotzdem. Weniger Transfers werde es geben. Denn falls die Saison zu Ende gespielt wird, verkürzt sich unweigerlich die Sommerpause. Eine Verschiebung der folgenden Saison ist unwahrscheinlich, da im nächsten Jahr die EM wartet. Dadurch bleibt den Vereinen weniger Zeit, neue Spieler zu integrieren, Neuankömmlinge müssen sich schneller an das neue System und an die neuen Mitspieler gewöhnen.

Ein weiteres Problem sieht Graf im Scouting. Normalerweise seien die letzten Monate einer Saison die entscheidende Phase, in der die Scouts die Transferkandidaten auf dem Spielfeld bewerten wollen. Doch dies fällt nun ins Wasser. Das erschwere vor allem Schweizer Spielern, die den Sprung ins Ausland wagen wollen, einen Transfer. Für grosse Namen sei dies weniger ein Problem. Auch die Ablösesummen der Topspieler werden nicht stark einbrechen, sagt Graf. «Ein Jadon Sancho beispielsweise wird nicht zu einem Discountpreis verkauft werden», ist er sich sicher. Denn den Dortmundern werde es auch nach der Krise wirtschaftlich gut genug gehen, dass sie keine Notverkäufe tätigen müssten.

Damit widerspricht er Michael Rummenigge. Der ehemalige deutsche Nationalspieler und Betreiber einer Sportmarketing-Agentur schrieb kürzlich in seiner Kolumne, dass es Transfers von 120 Millionen Euro in nächster Zeit nicht geben wird, da die Vereine sparen müssen.

Durch Billigkäufe «die Konkurrenz schwächen»

Das Coronavirus wird in der Fussballwelt aber nicht nur Verlierer hervorbringen. «Es wird auch Profiteure der Krise geben», sagt Graf. Einige Vereine werden Spieler unter ihrem eigentlichen Preis von Clubs mit finanziellen Schwierigkeiten kaufen und «dadurch auch die Konkurrenz schwächen».

Bankrott gehe aber wegen der Corona-Krise kein Verein, sagt Graf und unterstützt damit die vorherrschende Meinung. Dennoch mache er sich Sorgen um die Schweizer Clubs. GC-Sportchef Fredy Bickel sagte in einem Interview mit dieser Zeitung kürzlich, dass es jeder Verein «knapp und irgendwie» schaffen könne. Er klang dabei nicht wirklich optimistisch. Auch Graf geht davon aus, dass es für Vereine, die sonst schon in Schwierigkeiten stecken, schwierig wird.

Dass Sparen angesagt ist, vor allem bei den kleineren und den Schweizer Clubs, ist klar. «Und das hat natürlich Auswirkungen auf die Löhne der Fussballer», sagte Christoph Spycher, Sportchef von YB, in einem Interview. Davon sei natürlich niemand begeistert, sagt Graf, der auch selber Spieler berät. Doch wie sie das aufnehmen, sei sehr individuell. In Deutschland gibt es bereits einige Spieler, die freiwillig auf das Gehalt verzichten, um den Verein zu entlasten.

Rückt der Sport wieder mehr in den Fokus?

Eine weitere Sparmassnahme wird laut Ilja Kaenzig, dem Geschäftsführer des 2.-Bundesligisten Bochum, die Show um den Fussball treffen. «Wir waren auf dem besten Weg, dass Fussball zum Entertainment wird und nicht mehr Sport», sagte der Schweizer gegenüber der ARD. Die «ganze Show, dieses Drumherum» werde ganz am Anfang «dem Rotstift zum Opfer fallen», prognostizierte er.

Kommt es zu einer Rückentwicklung im Fussball? Zurück in vergangene Zeiten mit tieferen Löhnen und Ablösen? Wird der Fussball wirklich «demütiger» aus der langen Pause zurückkehren, wie es Kaenzig vermutet? Oder trifft Grafs Prognose ein, dass sich die Situation schnell wieder normalisieren wird? Es wird sich zeigen, wenn wieder gespielt werden darf.

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