Aktualisiert 04.03.2011 13:02

Alessia und LiviaBrief vom Vater - «Habe die Mädchen getötet»

Kurz bevor sich der Vater der entführten Zwillingsmädchen das Leben nahm, schrieb er einen grausamen Brief an seine Frau. Darin verkündete er den Tod der beiden Mädchen.

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fum/uwb/rub

Die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende des Entführungsfalls der Zwillingsmädchen Alessia und Livia verflüchtigt sich immer mehr: Wie die Kantonspolizei Waadt in einer Pressekonferenz mitteilte, hat der Vater Matthias S. seiner Frau schriftlich mitgeteilt, dass er die Mädchen getötet habe. Sie hätten «nicht leiden müssen» und würden «in Friede ruhen». Des Weiteren merkte er an, dass er sich im süditalienischen Cerignola befinde und sich demnächst das Leben nehmen werde. Kurze Zeit später setzte er seine Ankündigung in die Tat um.

Der Brief wurde am 3. Februar im süditalienischen Bari - unweit von Cerignola - abgeschickt. Die Waadtländer Polizei hat die Information über dessen Existenz in den letzten Tagen bewusst zurückgehalten - aus «ermittlungstaktischen Gründen und Respekt gegenüber der Privatsphäre der Familie», wie sie in einem Communiqué schreibt.

Reiseweg wird klarer

Auch der Reiseweg des offenbar seelisch schwer angeschlagenen Vaters wird immer klarer: Nach der Überfahrt von Marseille nach Korsika in Begleitung seiner Töchter kehrte er laut Polizeiangaben am 1. Februar von Bastia nach Toulon aufs französische Festland zurück - alleine. Von dort fuhr er mit seinem Privatauto weiter Richtung Süditalien.

Die Ermittlungen zur Auffindung der Zwillinge konzentrieren sich deshalb auf Korsika. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei dem Nordosten der Mittelmeerinsel: Matthias S. kam in der Vergangenheit aus privaten und geschäftlichen Gründen mehrmals in diese Region. Die Kantonspolizei Waadt wird dieses Wochenende zwei Inspektoren nach Korsika entsenden, um die Zusammenarbeit mit den französischen Behörden zu intensivieren.

Augenzeuge wollen die beiden Mädchen auf Korsika gesehen haben. Eine ältere Frau sagte beispielweise gegenüber einer Lokalzeitung, ihr seien die Kinder in Begleitung einer «50-jährigen Frau mit hellen Haaren» aufgefallen. Sie könne sich aber natürlich auch irren, so die selbst deklarierte Zeugin.

Informationen zu Giften und Suiziden gesucht

Die Polizei hatte bereits am Donnerstag Informationen veröffentlicht, die auf ein tragisches Ende der Entführung hindeuten. Bestätigen konnten die Untersuchungsbehörden frühere Aussagen von Valerio Lucidi, dem Onkel der entführten Zwillinge. Beim Durchsuchen des Büro-Computers von Vater Matthias S. seien die Beamten unter anderem auf Webseiten gestossen, die mit dem Fall in Verbindung stehen könnten.

So hat Matthias S. am Freitag vor zwei Wochen, also zwei Tage vor der Entführung der Mädchen, Seiten mit Informationen über Gifte, Suizide und Schusswaffen konsultiert. Zudem habe er Fahrpläne für die Überfahrt mittels Fähre von Marseille auf die Mittelmeerinsel Korsika angeschaut. «Dies ist äusserst beunruhigend», sagte Lucidi, «es könnte sich dabei um einen Hinweis auf einen grausamen Vorsatz handeln.»

Familie des Vaters «bestürzt»

Erstmals haben sich die Eltern und Geschwister des Vaters der verschwundenen Zwillinge aus St-Sulpice VD zu Wort gemeldet. Sie zeigten sich überzeugt, dass ihr Sohn und Bruder unter einer «schweren seelischen Störung» gelitten haben müsse. Nur der «Verlust seiner normalen Persönlichkeit» in dieser Zeit könne erklären, dass er «so schreckliche Taten vollbringen konnte», hiess es in der Medienmitteilung vom Freitagmorgen weiter. Sie hätten ihn «immer als liebevollen und fürsorglichen Vater erlebt», dem seine Familie alles bedeutet habe.

Die Eltern und Geschwister äusserten sich weiter «bestürzt und voller Sorge» über die Geschehnisse der letzten Tage. Sie litten unter dem Tod ihres Sohnes und Bruders und dem «ungewissen Schicksal unserer beiden Nichten und Enkelinnen».

Aufnahmegerät gesucht

Die italienischen Ermittler konzentrieren sich derweil auf die Suche nach einem Aufnahmegerät, das der Vater immer bei sich getragen haben soll. Sie hoffen auf eine Botschaft über den Verbleib der Töchter.

Dafür wurde im waadtländischen St-Sulpice, dem Wohnort der Eltern, die Suche nach Spuren von Alessia und Livia eingestellt. Die Polizei habe vor Ort alles unternommen, was möglich sei, sagt Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt. Die Taucher und die Hundeführer sind mittlerweile nicht mehr im Einsatz.

Wie die italienische Presseagentur ANSA meldet, soll am Donnerstagabend in einer Kirche von Cerignola eine Andacht für Alessia und Livia stattfinden.

Tod im Testament angekündigt

Tod im Testament angekündigt

Es scheint immer eindeutiger, dass Matthias S. seine mutmassliche Bluttat systematisch geplant hatte: Wie die französische Tageszeitung «Le Parisien» berichtet, hat er in seinem Testament «eindeutig angekündigt, erst die Zwillingsmädchen und dann sich selbst umzubringen». Sie bezieht sich dabei auf französische Justizkreise.

Auszüge aus dem Testament von Matthias S. sind bereits zuvor an die Öffentlichkeit gelangt: Offenbar wurde die Todesankündigung aber bewusst zurückgehalten, weil der Vater in seinem letzten Willen paradoxerweise auch ankündigte, die Erbgüter seinen Töchtern zu vermachen. Laut «Le Parisien» ist das Vorgehen der Ermittler dadurch zu erklären, dass sie «allfällige Zeugen nicht entmutigen wollten, Hinweise auf den Verbleib der Mädchen zu liefern.» Die Waadtländer Kantonspolizei und die Staatsanwaltschaft in Marseille wollten auf Anfrage von 20 Minuten Online die neuen Auszüge des Testaments weder dementieren noch bestätigen. Sie verwiesen auf eine Medienkonferenz, die im Verlauf des heutigen Tages in Lausanne stattfinden soll.

(fum)

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