Aktualisiert 07.12.2008 16:20

Kommissar ZufallBriefkasten-Bomber von Berlin geschnappt

Nach einer der umfangreichsten Fahndungen der letzten Jahre hat die Polizei den mutmasslichen Briefkasten-Bomber von Berlin gefasst.

Polizeivizepräsident Gerd Neubeck sagte am Sonntag, «Kommissar Zufall» habe zuletzt geholfen. Der inzwischen in Haft befindliche Beschuldigte hatte sich mit einer Perücke getarnt.

Die Bundespolizisten ergriff den seit zehn Tagen Gesuchten am Samstag gegen 19.10 Uhr an den Schliessfächern des Berliner Ostbahnhofs. Seine zwölfjährige Nichte Charlyn, deren rechter Arm bei dem Sprengstoffanschlag zerfetzt wurde, befindet sich nach mehreren Operationen nicht mehr in Lebensgefahr.

Der 32-jährige Peter J. war wegen des dringenden Verdachts des versuchten zweifachen Mordes sowie versuchter und vollendeter Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion gesucht worden. Seine Nichte, die Tochter seines Schwagers, war bei dem Anschlag schwer verletzt worden, als sie den Hausbriefkasten ihrer Familie im Neuköllner Ortsteil Rudow geöffnet und damit die Explosion ausgelöst hatte.

Das Mädchen erlitt neben den Verletzungen am Arm Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht und am Oberkörper. Die Ärzte versetzten sie in ein künstliches Koma und kämpften über eine Woche um ihr Leben. Längere Zeit war unklar, ob der rechte Arm gerettet werden kann, was nun als möglich erscheint. Die Eltern wachten ständig an ihrem Krankenbett. Ausser dem Mädchen wurde niemand verletzt.

Die Polizei vermutet ein lange schwelende Familienfehde als Hintergrund, auch über Erbstreitigkeiten zwischen der Mutter des Mädchens und ihrem verdächtigen Stiefbruder wurde spekuliert. Über 100 Beamten jagten unter Leitung des Chefs der Mordkommission, Jörg Dessin, den Verdächtigen, der auf der Flucht Sprengstoffspuren hinterliess. Von zwölf durchsuchten Objekten hätten sich an vieren «sprengstoffverdächtige Gegenstände» gefunden.

J. soll ausserdem auf dem Auto seines Schwagers einen getarnten, «scharfen» Gegenstand deponiert haben. Am Unglückstag fand der Vater des Mädchens ein Päckchen auf seinem Autodach. Er dachte sich zunächst nichts dabei, legte es ins Auto und fuhr zur Arbeit. Am Nachmittag wurde er skeptisch und ging damit zur Polizei. Die Experten stellten fest: Auch in dem Paket befand sich Sprengstoff. Zur etwa gleichen Zeit explodierte der Sprengsatz bei ihm zu Hause in Rudow.

Verdacht auf weitere Sprengfalle

Der rote BMW des Gesuchten wurde am Freitagabend gegen 20.40 Uhr im Stadtteil Friedrichshain von einer Zivilstreife aufgespürt. Hinter der Windschutzscheibe waren Kabel und Platinen zu erkennen, so dass der Verdacht auf eine weitere Sprengfalle an oder in dem Fahrzeug entstand.

Mehr als 100 Anwohner wurden zur Sicherheit evakuiert. Der Wagen wurde die Nacht hindurch von Spezialisten in Schutzanzügen untersucht. Auch Roboter kamen zum Einsatz.

Ein drittes sprengsatzähnliches Paket wurde laut Staatsanwalt Jörg Wetzel bei den Fahndungen in einem Container gefunden. Ob es sich um eine funktionsfähige Bombe handelt, müsse noch festgestellt werden. Festgenommen wurde den Angaben zufolge auch eine weitere Person aus dem Umfeld des Gesuchten. Sie stehe im Verdacht, von den Tatvorbereitungen gewusst zu haben. (dapd)

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