Aktualisiert 13.03.2012 11:37

Invisible Children

Bringt «Kony 2012» Schaden oder Segen?

Die YouTube-Kampagne um den Kriegsverbrecher Joseph Kony vereinfache die Wahrheit, verschwende Spendengelder und Emotionen, heisst es. Die wichtigsten Kritikpunkte unter der Lupe.

von
F. Voegeli

Das Kampagnen-Video der Organisation Invisible Children. (Quelle: YouTube)

Eine Woche auf YouTube und schon über 75 Millionen Klicks: Facebook-Nutzer, Twitterer, Weltverbesser – alle haben den Film der Hilfsorganisation Invisible Children gesehen. Der ugandische Kriegsverbrecher Joseph Kony, Anführer der Lord's Resistance Army (LRA), soll gefasst werden, und wir alle können etwas dafür tun. Diese Botschaft hat am Ende des emotionalen Clips jedes Kind verstanden.

Doch nach dem Mitgefühl kommt der Ärger. Viele der Millionen, die die «Kony 2012»–Kampagne geschaut, geliked, weiterverbreitet oder dafür gespendet haben, bekommen Zweifel. Denn es hagelt Kritik. Es stellt sich nicht nur die Frage, ob sie überhaupt etwas erreicht, sondern auch, ob die Aktion unerwünschte Konsequenzen für Uganda hat. Oder ist die Kampagne einfach ein dankbares Ziel für Kritiker?

1. Kritik: Finanzen

Auf dem US-Ratingsystem Charity Navigator erhält Invisible Children nur drei von vier Sternen. Kritisiert wird vor allem die Intransparenz der Organisation. Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen (Zewo) hat sich den aktuellen Financial Report der Organisation angeschaut.

7,2 Millionen US-Dollar aller Einnahmen (13,1 Millionen) flossen in Projekte, 1,4 Millionen in die Administration und 286 678 US-Dollar ins Fundraising. «Die Höhe der Administrationskosten belaufen sich gemäss Charity Navigator auf 16,2 Prozent. Das scheint noch vertretbar, stünden da 40 Prozent, müssten die Alarmglocken läuten», so Ziegerer.

Das Salär der Organisations-Gründer liegt mit unter 90 000 US-Dollar im Rahmen. Kritisiert werden dafür die Film- und Reisekosten, die zusammen rund 1,4 Millionen ausmachen. Nach Abschluss der Jahresrechnung im Juli 2011 machen die Reserven 6,5 Millionen US-Dollar aus. «Da kann sich jeder selber fragen, ob das viel ist, oder wie viel sie noch brauchen und wofür.» Da diese Summe noch vor dem momentanen Hype zusammenkam, dürfte die nächste Jahresrechnung noch weitaus höhere Zahlen verzeichnen. Allerdings ist 2012 auch das Jahr, worauf die Organisation fast ein Jahrzehnt lang hingearbeitet hat.

Charity Navigator kritisiert auch die zu geringe Vorstandsmitgliederzahl. Es sind deren vier. Auch in der Schweiz sind fünf notwendig, um das Zewo-Siegel zu erhalten. Ausserdem verlangt die US-Instanz noch einen Revisionsausschuss zur Überwachung der organisatorischen Tätigkeiten. Invisible Children hat eine Seite eingerichtet, auf der sie unter anderem zu ihren Finanzen Stellung nimmt.

2. Kritik: Simplifizierung

Der Film vermittelt die Botschaft einer schwarz-weissen Welt. Es wird ein Bösewicht präsentiert, mit dessen Festnahme der Konflikt gelöst werden soll.

Dass Joseph Kony einer der übelsten Kriegsverbrecher ist, steht ausser Frage. Mehr als 100 000 Menschen sollen der LRA zum Opfer gefallen sein. Während des Konflikts in Norduganda von 1986 bis 2006 bestand die LRA zeitweise bis zu 90 Prozent aus Kindersoldaten. Rund 25 000 Mädchen und Jungen wurden entführt, zum Töten ausgebildet, viele dazu gezwungen, eigene Familienmitglieder umzubringen.

Auch Amnesty International dokumentiert seit über 25 Jahren Menschenrechtsverletzungen, die von Kony begangen werden. «Wir sind jedoch bemüht, alle Seiten des Konflikts zu zeigen», so Daniel Graf, Mediensprecher von Amnesty International.

«Kony 2012» hat zum Ziel, dass US-Truppen in der Region bleiben, bis die LRA entwaffnet ist. Invisible Children und andere Organisation fordern seit Jahren schon von der amerikanischen Regierung, dass sie in den komplexen Konflikt eingreift. «Ugandische Soldaten waren aber auch an Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Das jedoch wird in der Kampagne ausgeblendet, weil es nicht in das Gut-Böse-Bild passt», so Graf. «Die Kampagne wird so geführt, dass es die Leute berührt. Wir arbeiten so, dass wir konsequent die Verbrechen aller Konfliktparteien aufzeigen.»

Ben Keesey, Vorsitzender von Invisible Children, meint dazu: «In der Welt gibt es viele komplizierte Dinge, aber Joseph Kony und seine Taten sind schwarz und weiss.»

3. Kritik: Konsequenzen

«Wichtig ist, dass auch bei der Erfassung von Joseph Kony die Menschenrechte eingehalten werden. Kriegsverbrecher müssen verhaftet werden und vor Gericht kommen», so Graf. In diesem Punkt stimmt Amnesty International der Kampagne zu. Bei der Durchführung gehen die Meinungen jedoch auseinander. Der Ansatz von Invisible Children lege die Verantwortung in die Hände der US-Streitkräfte. «Wir sehen die Aufgabe ganz klar bei den legitimierten Durchsetzungsorganen. Also bei den Vereinten Nationen und bei den Ländern, wo die LRA aktiv ist.»

Auch vor der Möglichkeit, Kony könnte durch die Bekanntmachung gestärkt werden, wird gewarnt. Invisible Children verweist in einem Brief an Präsident Obama darauf, dass das Gegenteil der Fall sei, und die Angriffe der LRA seit der US-Präsenz abgenommen haben. Ein Rückzug der Truppen würde die Bevölkerung der Region in Gefahr bringen. Ob den Spendern der Hilfsorganisation klar ist, dass auch die militärische Unterstützung und der Kampf um Konys Kopf zu weiterem Blutvergiessen führt, ist fraglich.

4. Kritik: Kurzsichtigkeit

Während sich das Problem im Video auf Kindersoldaten konzentriert, wird die Gegenwart Ugandas ignoriert. Auch die Resozialisation der ehemaligen Kindersoldaten sei wichtig, findet der Sprecher von Amnesty International.

Auf diversen Seiten wird der ugandische Journliast Angelo Izama zitiert, der andere Probleme ins Zentrum rückt: Zum Beispiel die über 4000 Kinder, die in kriegsgeschädigten Gebieten Opfer einer neurologischen Krankheit wurden. Macht die Existenz der sogenannten «Nodding Disease» andere Bemühungen sinnlos? Möglicherweise geht es darum, dass «Kony 2012» nur mit Elementen arbeitet, die erwünschte Emotionen generieren. Dazu gehören Kindersoldaten mit Tränen in den Augen – von Krämpfen geschüttelte Kinder jedoch weniger. Welche Kampagne was verwendet, ist wohl eine Frage des Stils.

Es kann nicht abgestritten werden, dass die Kampagne trotz vereinfachtem Fokus auf die Probleme Afrikas aufmerksam macht. Bei Amnesty International ist man erfreut darüber, dass die Verbrechen von Joseph Kony und der LRA wieder ein Thema sind. Die Frage ist nun, was daraus gemacht wird.

Sich von der Aktion sofortigen Frieden zu erhoffen, wäre naiv, so Graf: «Militärische Konzepte greifen sicher zu kurz. Ein langjähriger Konflikt kann nicht so gelöst werden, es müssen auch zivile Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden geschafft werden.» Abgesehen davon, dass der Schutz der lokalen Zivilbevölkerung kein zentraler Punkt bei der Jagd auf Kony einzunehmen scheint, würden sich die Mitglieder der LRA nach dessen Ergreifung einfach anderen militanten Gruppierungen anschliessen, prophezeite die Zeitschrift «Foreign Affairs» bereits im November 2011 .

5. Kritik: Arroganz

Nebst einer Spende kann auch ein «Kony 2012»-Action-Kit erworben werden. Das Set mit Armband, Shirt, Action-Guide, Stickers und Postern stösst vielen sauer auf. Kriegsverbrechen mit Armbändern zu lösen sei arrogant, titelt «The Atlantic». Allerdings treffen die Hilfsmittel die Zeichen der Zeit. Auch Amnesty hat schon mit Armbändern gearbeitet, als Symbol für Solidarität. Daniel Graf verweist auch auf die Professionalität der aufwändigen, multi-medialen Kampagne: «Das emotionale Video im Internet ist bestimmt das effizienteste Mittel, um aufzufallen.» Im Anbetracht dessen, dass die Welt für einmal nach Afrika blickt, scheint es schon fast arroganter, die Aktion daran zu beurteilen, dass sie mit Armbändern und Postern operiert.

Als arrogant wird auch gewertet, dass mit «Kony 2012» einmal mehr weisse Leute aus der ersten Welt besser wissen wollen, wie einem Land geholfen werden soll, als das betroffene Land selber. Ein Argument, mit dem fast jede Art der Entwicklungshilfe angreifbar wird.

6. Kritik: Ressourcen-Verschwendung

Die Kampagne nehme anderen, effektiveren Projekten die Ressourcen weg, meint «The Atlantic». Finanziell, aber auch, was das Mitgefühl angeht. Es handle sich um eine «Entscheidung, ob man gewillt sei, amerikanische Leben zu riskieren, an Orten ohne offensichtliche politische oder ökologische Interessen.»

Aber das ist möglicherweise auch ein zentraler Punkt der viralen Kampagne. Ist die Organisation so engagiert, wie sie erscheint, geht es doch genau darum, sich aus Menschlichkeit für etwas einzusetzen. Leute dafür zu mobilisieren, das zu tun, was sie für richtig halten. Das mag so banal sein, dass man es nicht einfach so hinnehmen will.

Am 20. April 2012 soll das Action-Kit zum Einsatz kommen. An diesem Tag sollen die «Kony 2012»-Plakate aufgehängt werden, und so erneut auf das Anliegen der Kampagne aufmerksam machen. Der Internet-Film laufe am 31. Dezember 2012 ab. Was passiert dazwischen? Wir sind gespannt.

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