Dritte Impfung möglich – Booster-Impfung kann laut Taskforce bis zu 22’000 Spitaleinweisungen verhindern

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Dritte Impfung möglichBooster-Impfung kann laut Taskforce bis zu 22’000 Spitaleinweisungen verhindern

Über 65-Jährige können sich ab Mitte November ein drittes Mal impfen lassen. Experten sind sich einig, dass das in den Wintermonaten Leben rettet – der Schritt könnte aber zu spät kommen.

von
Daniel Graf
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Ab Mitte November sollen sich über 65-Jährige zum dritten Mal impfen lassen können. 

Ab Mitte November sollen sich über 65-Jährige zum dritten Mal impfen lassen können.

20min/Marco Zangger
Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, hofft, dass wir dank Erstimpfungen, natürlicher Immunisierung und Booster-Impfungen ohne weitere Massnahmen durch den Winter kommen. 

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, hofft, dass wir dank Erstimpfungen, natürlicher Immunisierung und Booster-Impfungen ohne weitere Massnahmen durch den Winter kommen.

Auch der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny ist optimistisch – zentral sei aber, dass mehr Menschen sich zum ersten Mal impfen lassen. 

Auch der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny ist optimistisch – zentral sei aber, dass mehr Menschen sich zum ersten Mal impfen lassen.

Andreas Cerny

Darum gehts

  • Das Bundesamt für Gesundheit, die Zulassungsstelle Swissmedic und die Eidgenössische Kommission für Impffragen standen in der Kritik, zu lange zu zögern mit Booster-Impfungen.

  • Mitte November soll es nun losgehen: Über 65-Jährige können sich dann eine dritte Impfung geben lassen.

  • Expertinnen und Experten sind erfreut, dass der Schritt nun erfolgt. Wenn gleichzeitig auch noch die Impfquote gesteigert werden könne, sind sie optimistisch, dass die Schweiz relativ entspannt durch den Winter kommt.

Während in anderen Ländern längst Auffrischungsimpfungen vorgenommen wurden, hat die Schweiz lange gezögert. Am Dienstag verkündeten Swissmedic, die Eidgenössische Kommission für Impffragen und das Bundesamt für Gesundheit, dass es voraussichtlich ab Mitte November losgehen kann mit den Drittimpfungen für über 65-Jährige. Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes rechnet damit, dass damit allein bei den über 80-Jährigen 6000 bis 12’000 Spitaleinweisungen wegen Covid verhindert werden können. Hinzu kommen weitere 5000 bis 10’000 Hospitalisationen bei den 60- bis 80-Jährigen. Totals sind das ab 60 Jahren bis zu 22’000 Spitaleintritte.

Die Hochrechnung schätzt, wie viele Hospitalisationen eine vollständige Impfung alle Ungeimpften (orange) sowie der Booster (blau) verhindert. 

Die Hochrechnung schätzt, wie viele Hospitalisationen eine vollständige Impfung alle Ungeimpften (orange) sowie der Booster (blau) verhindert.

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, sagt: «Es kommen sicher noch einmal schwierige Wochen und Monate auf uns zu. Doch die Durchimpfungsrate ist in der Schweiz nicht so schlecht, auch wenn andere Länder noch etwas weiter sind.» Dazu kämen die durch eine Infektion immunisierten, wobei hier die Dunkelziffer relativ gross sei von Infizierten, die keine oder nur sehr milde Symptome zeigten. «Dadurch, dass bald auch noch die Drittimpfung für Risikogruppen kommt, bin ich optimistisch, dass wir gut und ohne die Massnahmen drastisch zu verschärfen durch den Winter kommen.»

«Hospitalisierungen und Todesfällen können verhindert werden»

«Gerade ältere Personen, die bereits früh geimpft wurden und bei denen der Schutz durch die Impfung weniger stark ausfällt, sind derzeit besonders anfällig für Impfdurchbrüche und schwerere Verläufe», sagt Utzinger. Mit der Drittimpfung könnten sie sich nun vor dem Winter noch einmal sehr gut schützen. «Damit werden wir Hospitalisierungen und Todesfälle verhindern können. Das kommt dem Gesundheitssystem und der ganzen Gesellschaft zugute», sagt Utzinger.

Er geht davon aus, dass die Wintermonate ruhiger ablaufen werden, als letztes Jahr. «Im Idealfall heisst das, dass wir überfüllte Intensivstationen und Sterbewellen in Altersheimen verhindern können.» Wichtig sei aber auch, dass die Impfnachfrage bei denen, die noch nicht geimpft sind, weiter steige und dass die Hygiene- und Abstandsregeln weiterhin konsequent eingehalten würden.

Zusätzlich rät Utzinger insbesondere älteren Personen, sich auch gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. «Hier kann auch das Tragen einer Maske helfen. So können wir verhindern, dass wir dann plötzlich eine schwere Grippewelle erleben.»

«Zuversichtlich, dass der Booster rechtzeitig kommt»

Optimistisch ist der Tessiner Epidemiologe Andreas Cerny: «Wir können in Ländern wie Israel, England oder Katar relativ gut verfolgen, wie sich die Impfdurchbrüche entwickeln. Diese Länder haben die Impfkampagnen deutlich vor der Schweiz hochgefahren. Insofern bin ich zuversichtlich, dass der Impfschutz der vulnerablen Gruppen rechtzeitig aufgefrischt werden kann, wenn wir Mitte November mit den Drittimpfungen beginnen.»

Studien zeigen laut Cerny, dass die Antikörperwerte nach der dritten Wirkung deutlich ansteigen. «Auch wissen wir heute, dass die mRNA-Impfstoffe nach wie vor gut gegen die Delta-Variante schützen. Vorausgesetzt, dass keine neue, gefährliche Virusvariante auftaucht, können wir davon ausgehen, dass durch die Drittimpfung der Impfschutz der vulnerablen Gruppen deutlich und zuverlässig verlängert wird.»

«Das grosse Problem sind die Ungeimpften»

«Das grosse Problem, das wir nach wie vor haben, ist die Epidemie unter den Ungeimpften. Das lässt sich sehr anschaulich in osteuropäischen Staaten beobachten, in denen die Impfquote sehr tief ist und die Gesundheitssysteme teils bereits wieder an ihre Grenzen kommen.»

So schlimm wird es laut Cerny angesichts der Impfrate in der Schweiz und der Boosterimpfungen wohl nicht werden. «Doch die Fallzahlen nehmen wieder zu, verzögert werden auch die Hospitalisierungen folgen. Es braucht ein Zusammenspiel aus mehr Erstimpfungen, Booster-Impfungen und dem Einhalten der gängigen Schutzmassnahmen, damit wir im Winter auf weitere Massnahmen verzichten können.»

«Müssen Negativszenarien mitdenken»

Auch Jan Fehr, Infektiologe und Public-Health-Experte der Uni Zürich, ist «sehr froh, dass wir nun in der Schweiz auch die Möglichkeit haben, besonders Gefährdeten eine Booster-Impfung anzubieten, damit diese wieder optimal geschützt sind». Die Booster-Impfung alleine werde es aber nicht richten: «Wichtiger ist, dass sich noch mehr ungeimpfte Menschen impfen lassen. Wenn wir hier nicht auf eine bessere Quote kommen, wird es definitiv schwierig im Winter.»

Spekulieren, wie der kommende Winter wird, mag Fehr nicht. Es gebe aber ein paar Aspekte, welche ihm Sorge bereiteten: «Steigende Fallzahlen, kein Rückgang mehr der Hospitalisationen, eine immer noch ungenügende Impfquote, neue und potenziell ansteckendere Mutationen und ausgelaugtes Gesundheitspersonal gehören dazu.» Gleichzeitig sei eine «Schutzmassnahmenmüdigkeit» zu beobachten und die Menschen hielten sich wieder vermehrt in Innenräumen auf. «Ich hoffe schwer, dass die Zahlen nicht wieder extrem ansteigen und das Gesundheitssystem zu stark belastet wird. Aber wir müssen solche Szenarien mitdenken, um dann nicht gänzlich überrascht zu werden – das ist uns in den vergangenen 19 Monaten zu häufig passiert», sagt Fehr.

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