Briten: USA verfolgen «Cowboy-Strategie» im Irak
Aktualisiert

Briten: USA verfolgen «Cowboy-Strategie» im Irak

So einig sich Präsident George W. Bush und Premierminister Tony Blair auch zeigen, in Irak bestehen zwischen den Militärs und Diplomaten der beiden Verbündeten schon länger deutliche Spannungen.

Wer die Briten einmal bei ihrer wahren Selbsteinschätzung ertappen will, nimmt am besten einen James-Bond-Roman zur Hand. Da sucht der nassforsche CIA-Agent Felix Leiter stets die Konfrontation - und würde ohne seinen englischen Kollegen 007 dauernd vor die Wand rennen.

Fazit: Die ganze Macht und Technologie der «Yankees» wiegt britische Umsicht und Erfahrung nicht auf. Und so sind die Briten auch jetzt in Irak wieder davon überzeugt, dass sie alles besser machen würden.

Von Anfang an haben sie eine andere, wesentlich zurückhaltendere Strategie verfolgt. Während US-Marines in Bagdad mit Helmen, vermummten Gesichtern und Gewehr im Anschlag auf der Lauer lagen, trugen die Briten in Basra Tellermützen mit Federbusch, schüttelten Hände und verteilten Süssigkeiten.

«Very British»

Man gehe halt «very British» vor, urteilte der «Daily Telegraph»: mit Fingerspitzengefühl und Understatement. Zwar ist auch Basra inzwischen das Ziel blutiger Anschläge geworden, doch im Vergleich zum Norden ist die Lage dort immer noch ruhig.

Als Beweis für den Erfolg ihrer Strategie verweisen die Briten gern darauf, wie sie vor einigen Wochen die Besetzung eines Verwaltungsgebäudes in Basra durch mehrere hundert Iraker gewaltlos beendeten. Wäre man da nach «Cowboy-Manier» sofort mit schwerem Geschütz aufmarschiert anstatt ruhig zu verhandeln, hätte das ganz übel ausgehen können, heisst es in London.

Spannungen unter den Verbündeten

So einig sich Präsident George W. Bush und Premierminister Tony Blair auch zeigen, in Irak bestehen zwischen den Militärs und Diplomaten der beiden Verbündeten schon länger deutliche Spannungen.

Der britische Sondergesandte Sir Jeremy Greenstock weigerte sich im vergangenen Monat, noch länger in Bagdad zu bleiben - auch Blairs Bitten halfen nicht. Greenstock stand auf schlechtem Fuss mit dem US-Zivilverwalter Paul Bremer, den er nach Zeitungsinformationen als «zu ideologisch» und «naiv» bezeichnete.

Für grundfalsch hielt er unter anderem Bremers Entscheidung, die irakischen Streitkräfte aufzulösen und Mitglieder aus Saddam Husseins Baath-Partei von allen Ämtern auszuschliessen.

Diplomaten gegen Krieger

Greenstock hat nach einem «Times»-Bericht auch die 52 ehemaligen britischen Diplomaten beraten, die Blairs Nahost- und Irakpolitik in dieser Woche scharf angriffen.

«Den Widerstand als eine von Terroristen, Fanatikern und Ausländern geführte Aktion zu beschreiben, ist weder überzeugend noch hilfreich», kritisierten sie. «Wie sehr sich die Iraker auch immer nach einer Demokratie sehnen mögen, die Vorstellung, dass diese von der Koalition geschaffen werden könnte, ist naiv.»

Die Briten glauben, dass sie den Amerikanern zwei wichtige Erfahrungen voraushaben: Zum einen haben sie sich schon als Kolonialmacht an Irak die Zähne ausgebissen und dabei lernen müssen, dass ein unnachgiebiges Vorgehen - Kriegsminister Winston Churchill erwog sogar Giftgaseinsätze - die Lage nur verschlimmerte.

Zum zweiten haben sie in Nordirland erfahren, dass man eine von grossen Teilen der Bevölkerung getragene Terrorbewegung nicht mit polizeilichen und militärischen Mitteln niederringen kann, sondern irgendwann auch verhandeln muss.

Die Amerikaner wiederum sind - nach allem was durchsickert -sehr irritiert durch ihren «besserwisserischen» Juniorpartner. Sie werfen ihm eine zu lasche Einstellung vor und beschuldigen ihn, das oberste Ziel einer Demokratisierung des Landes praktisch aufgegeben zu haben.

(sda)

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