Kombi-Mutante: Britische Corona-Variante mutiert weiter – nicht unbedingt zum Guten
Publiziert

Kombi-MutanteBritische Corona-Variante mutiert weiter – nicht unbedingt zum Guten

In Grossbritannien sind erste Fälle der britischen Corona-Variante aufgetreten, die neben ihrer eigenen zusätzlich die Mutation der südafrikanischen Variante tragen – ausgerechnet die, die Experten Sorge bereitet.

von
Fee Anabelle Riebeling
1 / 17
In Grossbritannien ist die britische Virusvariante B.1.1.7 weiter mutiert. Zusätzlich zu der Mutation N501Y birgt sie nun auch die Genveränderung E484K, welche bereits von den Mutanten aus Südafrika und Brasilien bekannt ist und Grund zur Sorge bietet.

In Grossbritannien ist die britische Virusvariante B.1.1.7 weiter mutiert. Zusätzlich zu der Mutation N501Y birgt sie nun auch die Genveränderung E484K, welche bereits von den Mutanten aus Südafrika und Brasilien bekannt ist und Grund zur Sorge bietet.

SOPA Images/LightRocket via Gett
Um die Entstehung weiterer Mutationen zu verhindern, die den Kampf gegen das Virus deutlich erschweren, sollte man sich am sogenannten Schweizer-Käse-Modell orientieren.  

Um die Entstehung weiterer Mutationen zu verhindern, die den Kampf gegen das Virus deutlich erschweren, sollte man sich am sogenannten Schweizer-Käse-Modell orientieren.

Getty Images
Erstmals zum Thema gemacht hat dies die deutsche Virologin und Infektionsbiologin Melanie Brinkmann. Auf der deutschen Bundespressekonferenz am 3. November 2020 erklärte sie mithilfe des sogenannten Schweizer-Käse-Modells die Bedeutung der Kombination der verschiedenen Corona-Massnahmen. 

Erstmals zum Thema gemacht hat dies die deutsche Virologin und Infektionsbiologin Melanie Brinkmann. Auf der deutschen Bundespressekonferenz am 3. November 2020 erklärte sie mithilfe des sogenannten Schweizer-Käse-Modells die Bedeutung der Kombination der verschiedenen Corona-Massnahmen.

POOL/AFP via Getty Images

Darum gehts

  • In Grossbritannien wurde eine kombinierte Corona-Mutation festgestellt.

  • Dabei handelt es sich um eine neue Form der britischen Variante, die zusätzlich noch eine Mutation in sich trägt, die bislang nur in den südafrikanischen und brasilianischen Viruslinien vorkam.

  • Alles deutet darauf hin, dass Sars-CoV-2 versucht, dem menschlichen Immunsystem zu entkommen.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 mutiert, seit es seinen Weg in den Menschen gefunden hat. Zwischen 4000 bis 5000 Varianten wurden bislang identifiziert. Doch in den vergangenen Monaten fanden voneinander unabhängig Veränderungen statt, die Experten besorgt aufhorchen lassen.

So ist die in Grossbritannien entdeckte Variante B.1.1.7 erheblich ansteckender als der Ursprungstyp, was ihre Eindämmung schwieriger macht und zu mehr Hospitalisationen und damit zu mehr Toten führen dürfte. Auch in der Schweiz breitet sich B.1.1.7 aus, was derzeit vor allem in der Romandie für einen Anstieg der Infektionen sorgt. Schon seit Wochen warnt der Bundesrat davor, dass sich die Zahl der Fälle aufgrund der Variante verdoppeln wird. Hierzulande noch nicht so weit verbreitet ist nach bisherigem Kenntnisstand die südafrikanische Mutante B.1.351. Sie scheint, wie auch die in Brasilien aufgetauchte Variante P.1, nicht nur infektiöser zu sein, sondern könnte auch jene infizieren, die Corona bereits überstanden haben und als immun gelten.

Verantwortlich für diese – sollten sich die Befürchtungen bestätigen – unschöne Eigenschaft ist laut Expertinnen und Experten die Mutation E484K. Die sorgt offenbar dafür, dass durch Krankheit oder Impfstoff gebildete neutralisierende Antikörper nicht mehr so stabil an das Virus binden. Ausgerechnet die wurde nun auch in elf Fällen in der britischen Variante nachgewiesen, teilte die britische New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group am Montag mit. In England, aber auch in Wales. Die Autoren bezeichnen die Kombi-Mutante als «variant of concern», als bedenklich. Das sind die wichtigsten Punkte.

Warum beunruhigt die Experten die britische Mutante 2.0?

Da ist zum einen der Punkt, dass E484K in der britischen Variante zufällig entstanden ist – unabhängig von den Mutanten aus Übersee. Das spreche dafür, dass parallele Evolution stattfinde, wie US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding auf Twitter ausführt. Gut sei das nicht, denn «konvergente Evolution ist meist gleichbedeutend mit besseren Überlebenschancen. Das Virus ist ein wirkliches Biest.» Was er meint: Der Kampf zwischen Mensch und Sars-CoV-2 scheint damit in ein neues Stadium eingetreten zu sein, in dem das Virus alles daran setzt, den Attacken des menschlichen Immunsystems zu entkommen. Experten sprechen in so einem Fall von Fluchtmutation. «Es zeigt, dass sich das Virus sehr wahrscheinlich an unsere Immunantwort anpasst», sagt Virologe Lawrence Young von der University of Warwick. «Dies ist besorgniserregend.»

Dass das Coronavirus offenbar unserer Immunantwort zu entwischen versucht, zeigen auch die beiden Hauptmutationen in der brasilianischen, der südafrikanischen und der britischen Mutante 2.0. Denn während N501Y den Erreger ansteckender macht, scheint E484K dafür zu sorgen, dass er auch jene befallen kann, die bereits mit Sars-CoV-2 infiziert waren oder gegen Covid-19 geimpft sind. Ob dem so ist, wird derzeit untersucht.

Sollte sich die Befürchtung bewahrheiten, «wäre das natürlich eine ungünstige Kombination», sagte die deutsche Virologin Sandra Ciesek vor einiger Zeit im NDR-Info-Podcast. Was sie damit meint, zeigt der Blick ins brasilianische Manaus, wo einer Theorie zufolge die brasilianische Virusvariante P.1 zumindest eine Mitschuld an den apokalyptischen Zuständen trägt.

Was bedeutet die Weiterentwicklung für die Eindämmung der Pandemie?

Auch das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Fest steht nur: Es dürfte schwieriger werden. Insbesondere dann, wenn sich diese Mutations-Kombinationen durchsetzen. Hinzu kommt: Die Mutationen sollen gerade bei jungen Menschen unter 20 Jahren besonders ansteckend sein, welche deutlich mobiler sind und das Virus weiter verbreiten können. Wenn sich noch mehr Menschen in kürzerer Zeit anstecken, könnte dies die vielerorts bereits überlasteten Gesundheitssysteme kollabieren lassen, so wie es derzeit in Portugal der Fall ist.

Können die Impfstoffe gegen neuen Varianten etwas ausrichten?

Final lässt sich auch das noch nicht sagen. Laborstudien deuten aber darauf hin, dass Grund zur Hoffnung besteht. So haben Pfizer/Biontech bekannt gegeben, dass ihr Impfstoff auch gegen die Ursprungsmutante aus Grossbritannien und Südafrika in hohem Masse wirksam ist.

Bei Modernas mRNA-1273 sieht das nach eigenen Angaben etwas anders aus: Das Präparat wirke zwar bei der britischen Variante, bei der südafrikanischen sei er aber sechsmal weniger effektiv. Wirksam seien die Impfstoffe wohl aber dennoch, so der Molekularbiologe und Science-Buster Martin Moder. Zufrieden gibt sich die US-Firma damit aber nicht. Sie hat bereits mit der Entwicklung einer neuen Form des Impfstoffs begonnen, «der als Auffrischungsimpfung gegen die Variante in Südafrika verwendet werden könnte», schreibt die «New York Times».

Die Wirksamkeit des Impfstoffes von US-Hersteller Novavax ist in Südafrika nach eigenem Bekunden «erheblich verringert»: Ist die Mutation E484K im Spiel, sinke sie von rund 90 auf knapp unter 50 Prozent.

Sind noch weitere beunruhigende Varianten bekannt?

Nein. Aber es sei durchaus vorstellbar, dass es solche gibt, so Ruairidh Villar, Sprecher von Public Health England, zu CNN. Man thematisiere zwar ausschliesslich die Varianten aus Grossbritannien, Brasilien und Südafrika, «aber das sind wahrscheinlich nur die Länder, die über fortgeschrittene Sequenzierungskapazitäten verfügen.» Viele Nationen haben gar nicht die Möglichkeit, irgendwelche Covid-19-Proben zu sequenzieren. Entsprechend könnten auch anderswo Varianten aufgetaucht sein, «wir wissen es schlichtweg nicht.»

Wie lassen sich weitere Mutationen bzw. Veränderungen verhindern?

Ganz einfach: Indem man Ansteckungen verhindert. Denn je weniger Corona-Fälle es gibt, desto weniger Möglichkeiten hat Sars-CoV-2 zur Mutation. Daher gibt es laut Julian Tang, klinischer Virologe an der University of Leicester nur eines: «Wir müssen wirklich unsere Kontaktraten reduzieren.» Das sei kein einfaches Unterfangen, aber wichtig, zitiert Zdf.de Devi Sridhar, Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität Edinburgh: «Schmelztiegel, in der viele Varianten aufeinandertreffen, gilt es zu vermeiden. Reisefreiheit ist nicht das Gebot der Stunde.» Ansonsten würden immer mehr Varianten auftauchen, «vielleicht eine, die länger asymptomatisch ansteckend ist.» Oder im schlimmsten Falle eine, gegen die die jetzige Impfstoffgeneration kaum noch wirkt.

Auch die sogenannten AHA-L-Regeln sollten weiterhin beachtet werden (siehe Bildstrecke).

Gibt es auch Positives zu berichten?

Ja, in der Tat. «Das Positive ist, dass sich das Virus auf ähnlichen Wegen weiterentwickelt, was erleichtern dürfte, die Impfstoffe anzupassen und weiterzuentwickeln», so Ravi Gupta gemäss Zdf.de. Das sei einer der Gründe, warum sich viele Impfstoff-Hersteller optimistisch zeigten, dass sie ihre Produkte schnell anpassen können.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Wissen-Push

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!

Deine Meinung