«Bücher wieder aus der Asche heben»
Aktualisiert

«Bücher wieder aus der Asche heben»

Nicht wie überliefert Propagandaminister Joseph Goebbels, sondern ausgerechnet Studenten initiierten die Bücherverbrennungen im Jahr 1933.

In den Feuern der Nazis verbrannten 1933 weit über 1000 Titel verfolgter Autoren. Die Bücherverbrennungen waren Auftakt einer beispiellosen Jagd auf Intellektuelle und freie Geister. Unter dem Motto «Bibliothek verbrannter Bücher» bringen Potsdamer Forscher jetzt viele dieser Werke neu heraus: Über 4000 Schulen erhalten die «Verbrannten Bücher» als Geschenk - ein Dreivierteljahrhundert nach den Tagen, als in Deutschland die literarischen Scheiterhaufen loderten.

«Wir hatten die Idee, dass man die Bücher wieder aus der Asche heben könnte», sagt der Historiker Werner Tress vom Moses Mendelssohn Zentrum, dem Potsdamer Institut für europäisch-jüdische Studien. «Indem wir die Bücher mit einem neuen Layout versehen und neu drucken, möchten wir sie vor allem bei der jüngeren Generation bekannt machen.» Zu den 120 Büchern, die ein wissenschaftlicher Beirat aus Germanisten und Historikern ausgewählt hat, gehören Werke von Erich Kästner, Franz Kafka, Kurt Tucholsky und Theodor Heuss.

«Nazis verbrannten sehr progressive Literatur»

Die mehr als 90 Bücherverbrennungen 1933 waren der Höhepunkt einer Welle des Terrors gegen kritische und jüdische Intellektuelle in Kultur und Wissenschaft. «Jetzt, bei der Auswahl der Titel, ist deutlich geworden, dass vieles von dem, was die Nationalsozialisten verbrannt haben, sehr progressive Literatur war. Dass sie etwas sehr Junges hatte und auch heutigen Schülern etwas sagt», betont Tress.

Viele der einst verfemten Werke seien viel mehr als die Bücher, «die Oma und Opa gelesen haben». Soziale Themen seien stark reflektiert worden, auch Arbeitslosigkeit oder die Gefahren des Faschismus: «Alles Dinge, die uns nach wie vor betreffen, wenn auch in anderen Kontexten».

Nun wollen die Herausgeber die «Bibliothek verbrannter Bücher» an die Schulen bringen. «Damit wollen wir an das Anknüpfen, was von den Nationalsozialsten zerstört worden ist, an die kulturelle und wissenschaftliche Exzellenz von Autoren wie Alfred Döblin, Anna Seghers, Gina Kaus oder Jakob Wassermann», sagt Tress. Ganz bewusst hätten die Herausgeber aber auch die Werke solcher Autoren aufgenommen, die «als Dichter, Romanciers, Wissenschaftler oder Publizisten heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind».

Kostenlose Lieferung an Schulen

Insgesamt sollen etwa 120 Titel erscheinen. Zunächst starten die Herausgeber mit einem Zehner-Schuber, der am 9. Mai in Berlin vorgestellt wird. «4000 mal zehn Bände werden dann kostenlos an Schulen in Deutschland geliefert», berichtet Tress. Stiftungen finanzierten dieses Projekt. Die übrigen 110 Bände können Schulen zusätzlich bestellen: «Wir hoffen darauf, dass Sponsoren vor Ort die Kosten übernehmen.» Auch im Handel werden die Bücher erhältlich sein.

Auf der Internetseite verbrannte-buecher.de können sich Schüler zudem über die historischen Hintergründe der Bücherverbrennungen sowie die verbrannten Werke selbst informieren. Begleitend erscheint ein Dokumentationsband mit dem Titel: «Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933», das Ergebnis eines Forschungsprojekts am Moses Mendelssohn Zentrum.

Hier die Liste der ersten zehn Titel, die in der «Bibliothek verbrannter Bücher» erscheinen: Salomo Friedlaender: «Kant für Kinder», André Gide: «Kongo und Tschad», Theodor Heuss: «Hitlers Weg», Franz Kafka: «Beim Bau der Chinesischen Mauer», Gina Kaus: «Morgen um Neun», Erich Kästner: «Herz auf Taille / Lärm im Spiegel», Jack London: «Martin Eden», Anna Seghers: «Auf dem Wege zur Amerikanischen Botschaft», Walther Rathenau: «Zur Kritik der Zeit», Kurt Tucholsky: «Lerne lachen ohne zu weinen».

Im Folgenden das Interview im Wortlaut:

AP: Beim Stichwort Bücherverbrennung denkt man zunächst an das Feuer auf dem Berliner Opernplatz mit Joseph Goebbels als Redner. Zeitgleich gab es aber noch viele andere Bücherverbrennungen.

Tress: Richtig, allein am 10. Mai haben 22 Bücherverbrennungen in deutschen Hochschulstädten stattgefunden. Hinzu kommen die Verbrennungen ganzer Bibliotheken aus Gewerkschaftshäusern und Parteizentralen ab März 1933. Insgesamt haben wir für dieses Jahr 94 Bücherverbrennungen in ganz Deutschland nachweisen können. Diese Aktionen begleiteten den Prozess der nationalsozialistischen Machtdurchsetzung.

AP: Stimmt der Eindruck, dass die historische Aufarbeitung der Bücherverbrennungen von 1933 erst sehr spät begonnen hat?

Tress: Das ist richtig. Der zentrale Quellenbestand wurde erst 1968 entdeckt - 1.700 Blätter in vier Akten. Und erst zum 50. Gedenktag 1983 wurde die These aufgestellt, dass es eben nicht Joseph Goebbels war, der die Bücherverbrennung organisiert hat, sondern die Deutsche Studentenschaft.

AP: Was war das für eine Organisation?

Tress: Der Dachverband der Einzelstudentenschaften an den Unis, was man heute die ASten nennt. Dieser Verband war schon seit 1931 unter NS-Führung und wurde zum Initiator der Kampagne «Aktion wider den undeutschen Geist», deren Höhepunkte die Bücherverbrennungen waren.

AP: Weshalb waren es ausgerechnet Studenten, die Bücher verbrannten?

Tress: Wenn man weiter in die Geschichte zurückschaut, kann man sehen, dass die Studenten auf eine spezifische deutsche und auch studentische Tradition zurückgreifen konnten: Schon 1817 gab es beim Gründungsakt der Burschenschaften auf der Wartburg eine Bücherverbrennung. Dabei bezogen sich die Studenten auf eine noch viel ältere Verbrennung, nämlich die der Bannandrohungs-Bulle durch Martin Luther 1520, an der auch Studenten beteiligt waren.

AP: Dass Propagandaminister Goebbels die Bücherverbrennungen initiiert hat, ist also eine Legende. Wie kam die in die Welt?

Tress: Im Pariser Exil, wo sich viele Schriftsteller sammelten, die von den Bücherverbrennungen betroffen waren, entstand 1934 die so genannte Deutsche Freiheitsbibliothek. Und die dortigen Schriftsteller wussten nicht genau, wer letztlich hinter den Verbrennungen steckte. Was sie aber wussten: Dass Joseph Goebbels die Rede in Berlin gehalten hatte. Und dass der Minister persönlich beteiligt gewesen war, war für die Exilautoren natürlich identitätsstiftend.

AP: Allerdings hat Goebbels die Bücherverbrennungen für seine Zwecke genutzt...

Tress: Er hat Kameras und Mikrofone zum Opernplatz beordert, die ihn bei der Bücherverbrennung aufgenommen haben. Man kann also sagen: Goebbels war nicht der Initiator der Bücherverbrennung, sondern der Mediator. Er war derjenige, der dem Akt Stimme und Gesicht und der Bücherverbrennung ihre historische Bedeutung gegeben hat.

AP: Uns erscheinen Bücherverbrennungen heute als Akte der Barbarei. Hatten die damaligen Studenten nicht Angst, als Idioten dazustehen?

Tress: Diese Gefahr sind sie wohl mit Absicht eingegangen. Die Nazis zeigten von Anfang an, dass sie ihre Feinde vernichten wollten. Und sie haben sich nichts daraus gemacht, für Barbaren gehalten zu werden. Sie haben das mittelalterliche Instrument des Scheiterhaufens und die modernen Aspekte der Propaganda ganz gezielt und geschickt in eine Symbiose gebracht.

AP: Vermutlich wurde niemand für seine Beteiligung an den Verbrennungen bestraft, oder?

Tress: Nach 1945 gab es einzelne Personen, die sich in Verfahren fragen lassen mussten, warum sie etwa die Feuerrede gehalten haben. Allerdings fiel es ihnen nicht schwer, sich herauszureden. Und einige blieben sogar als Professoren und Ordinarien an Universitäten.

AP: Wie hat die deutsche Öffentlichkeit von Bücherverbrennungen erfahren?

Tress: Fast zu jeder Bücherverbrennung findet sich ein Artikel in der jeweiligen Regionalzeitung. Über die Verbrennung in Berlin wurde sogar deutschlandweit berichtet. Dabei wurde die Erneuerungssymbolik stark bemüht: Da war viel von «Verjüngung» die Rede, von einem «neuen Erwachen» und einem «Phönix, der aus der Asche emporsteigt».

AP: Kann man sagen, dass die Bücherverbrennungen der Start der NS-Kulturpolitik waren?

Tress: Kann man zumindest in symbolischer Hinsicht. Parallel lief die Arbeit der Indizierungsausschüsse, die die ersten Schwarzen Listen von Büchern erstellten, die verboten werden sollten. Auf dieser Grundlage haben die Studenten die Bücher dann aus den Buchhandlungen, Leihbüchereien und Bibliotheken geraubt und verbrannt. Gleichzeitig lief die Gleichschaltung der Unis mit der Vertreibung kritischer und natürlich vor allem jüdischer Wissenschaftler.

AP: Wie lautet die düstere Bilanz der Bücherverbrennungen?

Tress: Insgesamt muss man von 300 bis 320 Autoren mit weit über 1000 verbrannten Titeln ausgehen.

(Die Fragen stellte Matthias Armborst) (dapd)

Werner Tress

ist Historiker am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum und Autor des Buchs «Wider den undeutschen Geist! - Bücherverbrennung 1933» sowie Mitautor des Buches «Rechtsextremismus in Brandenburg – Handbuch für Analyse, Prävention und Intervention».

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