Sarah Bütikofer: «Büezer-Politiker haben einen schwereren Stand»

Publiziert

Sarah Bütikofer«Büezer-Politiker haben einen schwereren Stand»

Auffallend viele Volksvertreter haben einen akademischen Hintergrund. Politologin Sarah Bütikofer sagt, warum Studierte bessere Chancen haben.

von
Th. Bigliel
Politologin Sarah Bütikofer: «Das Milizparlament auf nationaler Ebene ist ein Schweizer Mythos.»

Politologin Sarah Bütikofer: «Das Milizparlament auf nationaler Ebene ist ein Schweizer Mythos.»

Sarah Bütikofer*, unsere Auswertung zeigt: Juristen bilden die grösste Berufsgruppe im Parlament. Erstaunt Sie das?

Nein. Juristen sind seit jeher stark präsent im Parlament. Ein gewisses juristisches Grundverständnis und Interesse ist für die parlamentarische Arbeit unabdingbar. Schliesslich ist das Parlament per Definition die gesetzgebende Gewalt, also die Legislative.

Akademiker machen mehr als zwei Drittel der Parlamentarier aus. Wie kommt das?

Politisieren auf nationaler Ebene heisst vor allem, grosse Mengen an Informationen sitzend und lesend zu verarbeiten, unzählige Kontakte zu verschiedensten Stellen und Personen zu pflegen, analytisch vorgehen zu können und viele Rückschläge einzustecken. Einige dieser Fähigkeiten trainiert man an der Uni. Aber längst nicht alle Akademiker sind für das Politisieren geschaffen.

Interessanterweise scheint aber kaum ein Politiker Wirtschaft studiert zu haben. Und auch Naturwissenschaftler sind in Bern eher selten anzutreffen.

Das liegt vor allem am Berufseinstieg und etwas weniger am Studienfach. Wer direkt nach dem Studium in eine Firma einsteigt, hat keine Zeit, sich daneben auch noch politisch zu engagieren. Man geht dann einen anderen Weg. Denn auch eine politische Karriere will geplant sein. Quereinsteiger gibt es fast keine. Wer nicht früh genug in einer Partei Fuss gefasst hat und das politische 1x1 von der Pike auf lernt, hat schlechte Chancen auf ein nationales Amt. Sozial- und Geisteswissenschaften sowie Jura sind Generalistenstudiengänge. Sie lassen viele Möglichkeiten offen, sich die für die Politik nötigen Skills daneben anzueignen. Ein Studium der Naturwissenschaften oder Wirtschaft ist eher eine Berufsausbildung.

Sollte das Parlament nicht ein Querschnitt der Bevölkerung sein?

Der Bildungsunterschied zwischen Parlamentariern und Bevölkerung wurde in den letzten Jahrzehnten in vielen repräsentativen Parlamenten tatsächlich grösser. Büezer-Politiker haben zunehmend einen schweren Stand. Ein Parlament muss aber nicht den Bildungsstand der Bevölkerung widerspiegeln, sondern in erster Linie Lösungen für anstehende Probleme des Landes finden. Kein Parlament der Welt ist ein spiegelbildliches Abbild der Bevölkerung.

Was ist der Grund, dass Berufsleute dermassen untervertreten sind?

So wie der Parlamentsbetrieb in der Schweiz organisiert ist, muss man zeitlich und örtlich möglichst ungebunden sein. Optimalerweise hat man weder einen Chef noch einen extern vorgegebenen Arbeitsplan. Das Amt ist mit einem verantwortungsvollen Job im Angestelltenverhältnis kaum mehr zu vereinbaren. Selbständig Erwerbende wie Anwälte, Unternehmer oder Berater sowie Berufspolitiker sind darum klar im Vorteil.

Gerade die SP positioniert sich als Arbeiterpartei. Die Zahlen von 20 Minuten zeigen jedoch ein anderes Bild: Rund 80% der SP-Parlamentarier haben studiert. Mehr Akademiker gibt es nur noch bei der GLP.

Zuerst gilt es, die Basis von den Parlamentariern auf nationaler Ebene zu unterscheiden. Die Parlamentarier sind eine kleine Gruppe und im Durchschnitt in allen Parteien besser ausgebildet als die Wählerschaft der jeweiligen Partei. Die SP als Partei will vor allem die Anliegen der Angestellten und Lohnabhängigen vertreten. Viele ihrer Wähler stammen inzwischen aus dem Bildungs-, Sozial-, Medien- und Kulturbereich und weniger aus den traditionellen Arbeiterkreisen. Untersuchungen zeigen aber, dass alle Wählersegmente der SP einen starken Sozialstaat und kleine Einkommensunterschiede wollen. Viele der in prekären Arbeitsverhältnissen stehenden Menschen in der Schweiz sind übrigens gar keine Wähler. Entweder weil sie der Politik den Rücken schon längst zugedreht haben oder dann, weil sie keine Staatsbürger sind.

Trotz Klischee: Besonders viele Lehrer scheint es bei der SP nicht zu geben.

In der Basis und in den kantonalen und lokalen Parlamenten sind sie schon vorhanden. Wie gesagt: Wer in Bern politisieren will, muss sich dies als Angestellter sowohl organisatorisch, zeitlich und auch finanziell leisten können. Das ist neben einem vollen Pensum als Lehrer nicht zu bewerkstelligen.

BDP und SVP sind die einzigen Parteien, bei der mehr Berufsleute als Akademiker politisieren. Warum?

BDP und SVP haben im Gegensatz zu anderen Parteien eine traditionelle Basis und sind in Gewerbe und Landwirtschaft verankert. Etliche SVP-Parlamentarier sind zudem schon lange im Amt. Sie wurden gewählt, als die Partei ab den 1990ern rasch viele Wählerprozente zulegte. Der Kandidatenpool hat sich seither gewandelt. Die neue Generation der SVP-Parlamentarier unterscheidet sich weniger stark von derjenigen anderer Parteien.

Wie kommt es, dass es gerade in der SVP am meisten Unternehmer gibt? Läuft die Volkspartei der FDP den Rang als Wirtschaftspartei ab?

Unternehmer ist ein Sammelbegriff, der nicht genau abgrenzbar ist. Bei wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen ticken SVP und FDP relativ ähnlich. Unterschiede gibt es vor allem in Bezug auf die Gesellschaftspolitik, Aussenpolitik, Bildungspolitik und in Fragen der Staatspolitik.

Dafür scheint die FDP eine Partei von Juristen und Anwälten zu sein. Jeder dritte Liberale hat eine juristische Ausbildung.

Das ist nun wirklich nichts Neues! Vor allem im Ständerat sassen viele bekannte FDP-Juristen. Das Stöckli galt lange Zeit als staatspolitisches Gewissen.

CVP, SP und Grüne verfügen über die meisten Vollzeitpolitiker. Spricht diese Professionalisierung nicht gegen ein Miliz-Parlament?

Ja, tut es. Das Milizparlament auf nationaler Ebene ist ein Schweizer Mythos.

*Sarah Bütikofer ist promovierte Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Schweizer Politik und Parlamentsforschung. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich.

Deine Meinung