Tourismus: Bündner Hoteliers setzen Österreichern zu
Aktualisiert

TourismusBündner Hoteliers setzen Österreichern zu

Graubünden ist bei den Wintertouristen zurück im Geschäft. Bei einheimischen Gästen haben die Bündner 5 Prozent zugelegt. Die Konkurrenten aus Österreich seien satt vom Erfolg.

von
S. Spaeth

Lenzerheide statt Lech, Zuoz statt Zürs: Die Bündner Hoteliers schlagen zurück und weisen den touristischen «Erzfeind» Österreich in die Schranken. Zwar gibt es aus der Schweiz noch keine definitiven Winterzahlen, doch laut Berechnungen von 20 Minuten verlief das vergangene Wintergeschäft besonders in Graubünden ausgezeichnet.

Die Bündner Hoteliers verzeichneten in den Monaten November bis März kumuliert einen Zuwachs von 4,7 Prozent bei den Logiernächten von Schweizer Gästen. Zum Vergleich: Gesamtschweizerisch nahmen die Hotelübernachtungen von Einheimischen lediglich um 1,7 Prozent zu. Jubel herrscht aber auch bei der Konkurrenz aus Österreich: Hier vermeldete die Branche mit einem Plus von 1,9 Prozent kürzlich Rekordzahlen für den Winter 2012/13. Das Wachstum bei Herr und Frau Schweizer betrug sogar 3,6 Prozent.

Schwierige Zeit überstanden?

«Wir sind auf dem Weg, die Österreicher wieder zu überholen», freut sich Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden. Er vertritt rund 400 Betriebe zwischen Chur und Poschiavo. Der Wendepunkt sei endlich erreicht. Graubünden hat touristisch eine schwierige Zeit hinter sich: Die Ferienregion büsste 2011 bei den Logiernächten 7,6 Prozent ein, 2012 erneut 5,6 Prozent. Im Winter 2012/13 dürften die Hotelübernachtungen laut Berechnungen von 20 Minuten rund 2,4 Prozent zulegen.

Laut Wyrsch haben die Bündner Hoteliers ihre Hausaufgaben gemacht. Er weiss, wovon er spricht. Der oberste Bündner Hotelier war während zwölf Jahren Direktor des Davoser 5-Sterne-Hauses Belvédère: «Die Betriebe sind gastfreundlicher geworden und sind heute wieder viel näher beim Kunden.» Das zahle sich nun aus, so Wyrsch. Das Motto für seine Hoteliers: «Raus aus dem Büro, ran an den Gast». Entscheidend sei, dass man dem Gast Erlebnisse anbiete: Wanderungen, Konzerte, Führungen. «Die Schweizer Hotellerie muss mindestens so viel besser sein, wie sie teurer ist», sagt Wyrsch.

Mehr Gäste dank Kampagne

Doch nicht der ganze Erfolg der Bündner Hotels ist den Verbesserungen der Betriebe geschuldet. Die Branche hat einen zweistelligen Millionenbetrag für eine Werbekampagne ausgegeben. «Einen Teil des zusätzlichen Umsatzes haben wir eingekauft», gibt Wyrsch zu. Wichtig sei, dass man die neuen Gäste halten könne. Ob die Trendwende definitiv ist, dürfte sich nach der Sommersaison zeigen. Der Buchungsstand ist derzeit klar besser als im Vorjahr. «Diesen Sommer schlagen wir die Österreicher in puncto Gastfreundschaft», sagt der oberste Bündner Hotelier.

Wyrsch glaubt, dass sich in Österreich das wiederholt, was sich in der Schweiz vor zehn Jahren zugetragen hat. Die gut funktionierende Tourismusindustrie ist satt vom Erfolg und wird bequem, die Gastfreundschaft leidet. Beim österreichischen Hotelfachverband in Wien teilt man diese Ansicht überhaupt nicht. «Im Gegensatz zur Schweiz wird in Österreichs Hotellerie sehr viel investiert», sagt Geschäftsführer Matthias Koch. Zudem herrscht in Österreich laut Koch eine ganz andere Dienstleistungsmentalität als in der Schweiz. Dem Zwischenmenschlichen komme eine höhere Bedeutung zu und die Freundlichkeit sei nie gespielt.

Österreich punktet mit Preis-Leistungs-Verhältnis

Bei der Tourismus-Marketingorganisation Österreich Werbung versucht man die Rivalität zwischen den beiden Ländern herunterzuspielen: ««Wir freuen uns über steigende Gästezahlen, auch in Graubünden», sagt Daniel Predota vom Market Office Zürich. Die These des obersten Bündner Hoteliers, Österreich sei wegen des vielen Erfolgs fett geworden, kontert man mit Ergebnissen aus Gästebefragungen: Die Schweizer würde es vor allem wegen der hohen Qualität von Gastronomie und Hotellerie sowie wegen des Preis-Leistungs-Verhältnisses nach Österreich ziehen. Das wichtigste Entscheidungskriterium für die Ferienregion Österreich mit 60 Prozent Nennungen sei die Gastfreundschaft.

«Probleme sind hausgemacht»

Die Schweizer Hotels hätten die globalen Veränderungen zu lange ignoriert, sagte Guglielmo Brentel, Präsident des Verbands Hotelleriesuisse, am Dienstag an einer Branchenveranstaltung in Brienz. Der starke Franken habe zwar viele Hotels unvorbereitet getroffen und in die Krise geführt. «Doch seien wir ehrlich, die Probleme haben schon zuvor bestanden und sind hausgemacht.» «Dank unserer langen Erfolgsgeschichte im Tourismus sind wir einfach träge geworden.» Brentel beschrieb die Situation im Schweizer Tourismus als Zweiklassengesellschaft. Einige Branchen, etwa die Uhren- und Schmuckindustrie, verdienten gutes Geld mit den ausländischen Gästen, während «andere Player, wie die Hoteliers, dusselig arbeiten und nichts dabei herauskommt», klagte er.

Die schwierige Lage der Hotellerie belegt die Statistik: Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Übernachtungen in Schweizer Hotels weiter und erreichte mit 34,8 Millionen den tiefsten Wert seit 2005.

Um den Trend zu stoppen, sollten die Hoteliers besser zusammenarbeiten, fordert Brentel. (sda)

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