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Sinnlose TätigkeitenBullshit-Jobs demotivieren Angestellte

In Grossbritannien ist eine Debatte über sogenannte Bullshit-Jobs entflammt. Auch in der Schweiz haben immer mehr Angestellte scheinbar sinnlose Aufgaben.

von
Ph. Flück
Gesellschaftskritisches Plakat in der U-Bahn in London. (Bild: Twitter)

Gesellschaftskritisches Plakat in der U-Bahn in London. (Bild: Twitter)

Sandra arbeitet als Sachbearbeiterin in einer Krankenkasse. Den ganzen Tag füllt sie Tabellen mit Kundendaten aus. Wofür die Tabellen gebraucht werden, weiss sie nicht. Manchmal fragt sich Sandra, welchen Sinn ihren Job überhaupt hat.

Mit dieser Frage wurden auch die Londoner Pendler konfrontiert, als sie am Montag zum ersten Mal in diesem Jahr mit der U-Bahn zur Arbeit fuhren. Auf Plakaten wurden sie mit gesellschaftskritischen Botschaften konfrontiert: «Es ist, als ob jemand da draussen sinnlose Arbeitsplätze erfindet, nur damit wir weiterarbeiten.» Laut «Storyfilter» steckt eine anarchistische Gruppierung hinter der Guerilla-Aktion. Sinn der Plakate ist es demnach, die Leute zu Überlegungen über den Sinn ihrer Arbeit zu bewegen. Auf Twitter und Facebook erhielten die Aktivisten grossen Zuspruch.

Jobs in Verwaltung und Telemarketing

Die Aktion stützt sich auf die Theorien des bekannten Anthropologen und Aktivisten David Graeber. Dieser bezeichnet Tätigkeiten, bei denen am Ende des Tages kein Produkt sichtbar ist und deshalb der Sinn für den Arbeiter nicht ersichtlich ist, als «Bullshit-Jobs». Als Beispiele nennt er Arbeiten im Personalwesen, in der Verwaltung oder im Telemarketing, bei denen die Angestellten nur damit beschäftigt seien, «andere Arbeitnehmer zu kontrollieren oder Eigentum zu bewachen». Wirtschaftlich gesehen seien diese Tätigkeiten reine Verschwendung, so Graeber.

Solche Bullshit-Jobs hätten sich in den letzten Jahren in den USA massiv vermehrt. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es sogar eine Website gibt, auf der man sich einen nichtssagenden, aber dennoch wichtig klingenden Bullshit-Job-Titel zusammenstellen kann – wie zum Beispiel «Senior Functionality Executive» oder «Human Interactions Facilitator».

Bullshit-Jobs in der Schweiz

«Auch in der Schweiz sind solche Bullshit-Jobs, wie Graeber sie nennt, auf dem Vormarsch», sagt Arbeitsmarktspezialist Michael Siegenthaler. «Denn auch hier sind immer wie mehr Menschen damit beschäftigt, repetitive, administrative Aufgaben zu erledigen oder damit, andere Beschäftigte zu überwachen.» Grund dafür sei die zunehmende Komplexität und Spezialisierung der Arbeitswelt. Sie führe dazu, dass gewisse Tätigkeiten zur Routine werden, ohne dass am Schluss ein Produkt sichtbar sei.

Für die Arbeitnehmer kann dies sehr demotivierend sein, wie ein Arbeits- und Organisationspsychologe der ETH Zürich, Theo Wehner, in einem Interview mit dem «Bund» sagte: Er zeigte sich besorgt, dass Arbeiter in den heutigen, zerstückelten Tätigkeiten keinen Sinn mehr sehen. «Wenn die Berufstätigen nicht mehr das Gefühl haben, ganzheitlich tätig zu sein, Probleme zu lösen, etwas bewirken zu können, dann brauchen sie immer stärkere äussere Anreize.» Nur Lohn, Boni und Status motivierten die Leute dann noch dazu, solche Jobs fortzuführen.

«Es braucht mehr Bullshit-Jobs»

Olaf Geramanis, Dozent am Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz, verweist allerdings auch auf die andere Seite: «Ich glaube, es braucht mitunter sogar mehr Bullshit-Jobs.» Der Sinn einer Firma oder Organisation sei es, die Arbeit möglichst zu vereinfachen: «Manchmal kann es für den Arbeiter auch angenehm sein, nicht immer mit der ganzen Komplexität konfrontiert zu werden: einfach etwas bearbeiten und dann weitergeben zu können, ohne zwingend den Sinn dahinter verstehen zu müssen.»

Auch Siegenthaler sagt, administrative Jobs müssten nicht schlecht sein: «Es gibt Menschen, die zufrieden sind, wenn ihr Job vor allem aus Routine besteht.» Und besser als die Fliessbandjobs, die es früher in der Industrie gab, seien sie allemal.

Haben auch Sie das Gefühl, einen Bullshit-Job zu machen? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns und schreiben Sie an: feedback@20minuten.ch

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