Finanzdebakel: Bund fordert Rücktritt des obersten Fahrenden

Aktualisiert

FinanzdebakelBund fordert Rücktritt des obersten Fahrenden

Schwere Finanzprobleme plagen die Radgenossenschaft, den Dachverband der Schweizer Fahrenden. Jetzt verlangt der Bund, dass der Präsident und der Verwaltungsrat abtreten.

von
Marco Lüssi
Platz für Fahrende in Allmendingen bei Thun: Der Dachverband der Fahrenden, die Radgenossenschaft, hat massive finanzielle Probleme.

Platz für Fahrende in Allmendingen bei Thun: Der Dachverband der Fahrenden, die Radgenossenschaft, hat massive finanzielle Probleme.

Die Dachorganisation der Schweizer Fahrenden, die Radgenossenschaft der Landstrasse, befindet sich in einer prekären finanziellen Lage. Dies wurde im Juli bekannt. Verursacht habe die Misere der «oberste Fahrende» persönlich: Der Präsident der Radgenossenschaft, Daniel Huber, habe sich selber hohe Beträge ausbezahlt, schrieb der «Beobachter». Huber bestreitet dies.

Jährlich subventioniert das Bundesamt für Kultur (BAK) den Verband mit über 260'000 Franken. Um die Löcher zu stopfen, hat die Genossenschaft Anfang September beim BAK eine Bevorschussung von 80'000 Franken beantragt.

Bund fordert «personellen Neustart»

Das BAK will der Radgenossenschaft jedoch lediglich mit 40'000 Franken aushelfen. Und auch dies nur unter der Bedingung, dass Huber und der gesamte Verwaltungsrat zurücktreten. Dies schreibt das Amt in einem Brief an die Radgenossenschaft. Mit dem «personellen Neustart» solle die «Vertrauensbasis für eine gedeihliche Zusammenarbeit» gelegt werden.

Zur Lage des Verbands schreibt das BAK, es liege eine «massive Unterfinanzierung von rund 120'000 Franken per Mitte Jahr» vor. Es seien Lohnerhöhungen und Vorschüsse getätigt worden, obwohl dies die Liquidität der Radgenossenschaft nicht zugelassen habe.

Daniel Huber sagt zu 20 Minuten, er sei enttäuscht vom BAK. «Ich verstehe nicht, warum sie ein Köpferollen fordern - weder mich noch die Verwaltungsräte trifft eine Schuld an der Situation.» Wie das Finanzloch entstanden ist, will Huber noch nicht sagen: «Unsere Abklärungen laufen.» Er verweist aber darauf, dass er selber nie per Einzelunterschrift Zahlungen habe auslösen können: «Die einzige Person bei der Radgenossenschaft, die diese Möglichkeit hatte, war die seit Juli freigestellte Geschäftsführerin.»

Huber: Stellenaufstockung, keine Lohnerhöhung

Dass die Radgenossenschaft Lohnerhöhungen beschlossen habe, wie es das BAK feststellt, bestreitet Huber: «In Wahrheit ging es nicht um mehr Lohn, sondern um eine Aufstockung meines Pensums von 60 auf 80 Prozent.» Dies sei nötig geworden, weil er wegen der schwierigen Lage der Fahrenden mehr Arbeit habe. Sein 60-Prozent-Lohn habe monatlich Fr. 4665.65 betragen. Generell sei es schwierig, mit den Subventionen von 260'000 Franken auszukommen, so Huber: «Davon muss nicht nur mein Lohn, sondern der von drei Angestellten, bezahlt werden, und allein unser Büro in Zürich kostet 3000 Franken Miete.»

Die Radgenossenschaft ist bei den Fahrenden umstritten. Claude Gerzner, Sprecher der Bewegung Schweizer Reisender, sagt: «Wir können nicht verstehen, dass der Bund diesem Verband weiter Geld geben will. Die Radgenossenschaft ist überflüssig, sie tut nichts für die Fahrenden. Man sollte keine Steuergelder an sie verschwenden.»

Selbst bei einem Rücktritt von Huber werde sich nichts ändern, so Gerzner: «Er würde dafür sorgen, dass bei Neuwahlen jene Leute ins Amt kommen, bei denen er weiterhin die Fäden ziehen kann.»

Rücktrittsforderung zurückgewiesen

Geht es nach Huber, wird es gar keine Neuwahlen geben. Der Rücktrittsforderung des BAK will er nicht nachkommen. «Sollten wir vom Bund kein Geld mehr erhalten, werden wir andere Lösungen suchen.»

Anders als die Bewegung Schweizer Reisender stellt das BAK den Dachverband nicht generell infrage. Im Brief heisst es: «Wir anerkennen grundsätzlich den Wert der Radgenossenschaft und sind an einem Weiterbestehen zumindest in reduzierter Form interessiert.» Von Finanzhilfe in gleicher Höhe wie bis anhin werde sie aber nicht ausgehen können.

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