Aktualisiert 12.07.2011 17:15

Ärzte kritisierenBund hat bei Schweinegrippe versagt

Rund zwei Jahre nach der Schweinegrippe-Welle zeigt eine Befragung der Hausärzte, wie miserabel damals die Informationspolitik des Bundes war. Dieser verspricht Besserung.

von
Jessica Pfister
Ungenügend, unheitlich und widersprüchlich: So empfanden die Ärzte die Kommunikation des Bundes während der Schweinegrippe-Pandemie 2009. Patrick Mathys (links), Leiter Pandemievorsorge und der ehemalige Direktor des BAG, Thomas Zeltner an einer Medienkonferenz.

Ungenügend, unheitlich und widersprüchlich: So empfanden die Ärzte die Kommunikation des Bundes während der Schweinegrippe-Pandemie 2009. Patrick Mathys (links), Leiter Pandemievorsorge und der ehemalige Direktor des BAG, Thomas Zeltner an einer Medienkonferenz.

Die Schweinegrippe, die im Jahr 2009 die Schweiz in Atem hielt, hat ihren Schrecken verloren. Neuen Schwung erhält dafür die Kritik an der Informationspraxis des Bundesamts für Gesundheit (BAG) während der Pandemie. In einer am Montag veröffentlichten Befragung des BAG gehen die Hausärzte mit der Bundesstelle hart ins Gericht. Rund 80 Prozent kritisieren die ungenügende, uneinheitliche und widersprüchliche Kommunikation und Information während der Pandemie.

Zu den Kritikern gehört Margot Enz, Ärztin aus Baden und im Vorstand des Verbands Hausärzte Schweiz für die Gesundheitspolitik zuständig. «Wir erhielten damals fast täglich neue Konzepte vom BAG, die für den Einsatz an der Front schlicht untauglich waren», sagt Enz gegenüber 20 Minuten Online. Irgendwann habe man die Papiere schlicht nicht mehr gelesen. «Bedenklich war auch, dass wir die aktuelle Krisensituation oft aus den Medien erfahren haben und nicht vom Bund selbst.»

Regelmässige E-Mails und eine Hotline gefordert

Enz unterstützt die Forderung der Mehrheit der befragten Ärzte, dass bei künftigen Krisen die Kantonsärzte in Absprache mit dem BAG regelmässig per E-Mail die neusten Informationen schicken – und zwar nur solche, die bereits an die kantonale Situation angepasst sind. «Wir brauchen keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern drei, vier Sätze mit konkreten Anweisungen, die wir an die Patienten weitergeben können», so Enz. Ein weiterer Verbesserungsvorschlag sieht eine Hotline vor, bei der sich die Ärzte Rat holen können. Dies macht laut Enz Sinn, weil es immer wieder spezielle Fälle gebe, die ein Arzt abklären muss. «Als zum Beispiel zwei Schüler mit dem H1N1-Virus aus Spanien zurückgekehrten, war mir nicht klar, ob nun die ganze Klasse behandelt werden muss.» Solche spezifischen Fragen müsse man am Telefon mit Fachleuten diskutieren können.

Wie das BAG am Schluss der Umfrageauswertung schreibt, will es die Ergebnisse in ihrer weiteren Planung berücksichtigen: «In Zukunft wird bei einer neuen Pandemie darauf geachtet werden, dass die Empfehlungen und Massnahmen einheitlich formuliert sowie praktisch umsetzbar sind», so das Fazit. Auf Nachfrage beim BAG spricht Patrick Mathys, Leiter Pandemievorsorge, von drei Baustellen, die aktuell offen sind. «Erstens sind wir dabei, den Pandemieplan vollständig zu überarbeiten.» Die Anregungen der Kantone und Stakeholder wie zum Beispiel der Ärzte sollen dort miteinfliessen. Eine weitere Baustelle ist laut Mathys ein Projekt zur «Vorsorgung mit Impfstoffen im Pandemiefall» - der Schlussbereicht dazu soll im März 2012 vorliegen. Und drittens sei das BAG dabei, ihre Krisenhandbücher, in denen die Kommunikation ebenfalls eine Rolle spielt, zu überarbeiten.

«BAG verspricht viel, Umsetzungen bleiben aber aus»

Ärztin Enz bleibt dennoch skeptisch: «Unsere Erfahrungen in der Vergangenheit zeigen, dass das BAG jeweils viel verspricht, konkrete Umsetzungen aber ausbleiben.» Oft würden zwar Konzepte verfasst, doch weil diese von «Schreibtischtätern» stammten, könne man die Massnahmen in der Praxis kaum anwenden. «Damit sich dies ändert, muss der Bund endlich die Kantone und die Ärzte richtig miteinbeziehen.»

Die Umfrage

Das BAG hat das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS beauftragt, eine schriftliche Onlinebefragung bei allen ärztlichen Grundversorgern (Allgemeinmedizin SGAM, Innere Medizin SGIM und Pädiatrie SGP) zur A/H1N1-Pandemiebewältigung 2009 durchzuführen. Diese hatten zwischen Juli und August 2010 per E-Mail einen Fragebogen erhalten. Von den insgesamt 6418 kontaktierten Ärztinnen und Ärzten haben 1412, die im Jahr 2009 in einer Praxis tätig waren, den Onlinefragebogen ganz oder teilweise ausgefüllt. Dies entspricht einem Rücklauf von 22 Prozent. (jep)

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