Aktualisiert 01.03.2020 01:57

Bundesamt für Gesundheit

«Stellen Sie nicht Ihr Leben auf den Kopf»

Der Bund appelliert an die Bevölkerung: Jüngere mit einer Erkältung sollten nicht auf den Notfall rennen. Auch drohten sonst die Corona-Tests knapp zu werden.

von
cho

Die Schweizer Behörden planen zumindest für die kommenden Tage keine neuen massiven Massnahmen wie Grenz- oder Schulschliessungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Nächster Schritt ist Anfang kommender Woche eine weitere Informationsoffensive.

Es wird sich dabei um schriftliche Empfehlungen an die Bevölkerung handeln, was sie noch mehr tun kann, um sich vor einer Ansteckung oder Übertragung des Covid-19-Virus möglichst zu schützen, wie Daniel Koch, Leiter Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), am Samstag vor den Medien sagte.

Im übrigen solle sich die Bevölkerung über das Wochenende ruhig verhalten und nicht ihre ganze Lebensweise auf den Kopf stellen. Es gehe darum, die Ressourcen zu schonen und nicht die Notfälle in den Spitälern mit leichten Fällen zu überlasten.

Grenzschliessungen seien im Moment keine Option, weil sie nichts brächten und zudem viele Grenzgänger von der Arbeit in Spitälern und Arztpraxen abhalten würden, so Koch. Auch mache es derzeit keinen Sinn, die Schulen zu schliessen, da erwiesenermassen hauptsächlich Menschen über 60 Jahre am meisten gefährdet seien. Kinder seien nicht die Hauptüberträger des Virus.

Lage in Italien «beunruhigend»

Die Lage in Italien sei jedoch «beunruhigend», angesichts der bisher 885 bestätigen Fälle und 21 Todesopfer müsse von einer grossen Dunkelziffer ausgegangen werden. Dies bedeute für die Schweiz, dass sie kurz davor stehe, dass die Lage «ausser Kontrolle» gerate und die Ansteckungswege nicht mehr in jedem Fall zurückverfolgt werden könnten.

«Wir werden es nicht schaffen, über längere Zeit, jeden Fall, der hustet, vollständig zu testen und zu isolieren», so Koch. Man werde sich künftig auf die schweren Fälle konzentrieren müssen. Von den leichten Fällen sei deshalb sehr viel Selbstdisziplin und Selbstverantwortung verlangt.

Es gehe auch darum, das Laborpersonal nicht schon an die Grenzen zu bringen, «bevor wir es nötig haben». Die Produkte für die Labor-Tests würden langsam knapp und dürften nicht mit leichten Fällen «verbraten» werden.

In der Schweiz lägen die Zahlen im Moment aber noch unverändert bei 13 bestätigten Fällen. Alle haben sich laut Koch in Italien angesteckt. Bei den 5 noch offenen Verdachtsfällen gebe es Hinweise darauf, dass sie sich indirekt angesteckt haben könnten.

Alle diese Personen hätten sich vor mindestens einer Woche angesteckt. Es gebe jedoch mit Sicherheit weiter Träger des Virus in der Schweiz, die die Krankheit entweder weitergeben würden, ohne Symptome zu zeigen, oder die selber noch krank werden. Sobald sich Ansteckungen in der Schweiz bestätigten, müssten die Verdachtskriterien laut Koch ausgeweitet werden.

Milder Verlauf in den meisten Fällen

Koch betonte mehrmals, die Krankheit nehme in den allermeisten Fällen einen milden Verlauf. Deutlich gefährlicher sei eine Ansteckung für die ältere Bevölkerung, wo das Virus vor allem zirkuliere. Deshalb sei es auch keine gute Idee, wenn Familien nun Grosseltern zur Betreuung von Kindern einsetzen würden, damit die Eltern weiter arbeiten könnten, falls sie kranke Kinder zuhause haben.

Koch präzisierte weiter, das Verbot für Veranstaltungen mit über 1000 Personen bedeute nicht, dass Anlässe mit 999 Personen und weniger grundsätzlich zulässig seien. Die Veranstalter seien in jedem Fall unter Einbezug der jeweiligen Kantone zu einer Risikoabwägung verpflichtet. Spätestens am Montag werde man diesbezüglich unter den Kantonen einen Abgleich machen.

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Die Polizei habe in der vergangenen Woche zu oft einschreiten müssen, sagte Stefan Blättler, Präsident der Kantonalen Polizeikommandanten, im Interview mit dem «SonntagsBlick».

Die Polizei habe in der vergangenen Woche zu oft einschreiten müssen, sagte Stefan Blättler, Präsident der Kantonalen Polizeikommandanten, im Interview mit dem «SonntagsBlick».

Keystone/Peter Schneider
Quer durch die Schweiz habe die Polizei festgestellt, dass Personen das Social Distancing nicht umsetzten. «Sie sassen gemeinsam in Pärken, verweilten in grossen Gruppen an den Seepromenanden und hielten auch sonst kaum Abstand.»

Quer durch die Schweiz habe die Polizei festgestellt, dass Personen das Social Distancing nicht umsetzten. «Sie sassen gemeinsam in Pärken, verweilten in grossen Gruppen an den Seepromenanden und hielten auch sonst kaum Abstand.»

Keystone/Laurent Gillieron
Es zeichnet sich ein Ansturm auf Lieferanten von komprimiertem Sauerstoff ab: Ein Spitalbett mit Beatmungsgerät. (Symbolbild)

Es zeichnet sich ein Ansturm auf Lieferanten von komprimiertem Sauerstoff ab: Ein Spitalbett mit Beatmungsgerät. (Symbolbild)

Keystone/Roland Weihrauch

Aus dem Ausland sind im Moment keine weiteren Repatriierungen nötig, wie Hans-Peter Lenz, Leiter des Krisenmanagementzentrums im Aussendepartement EDA ausführte. Reisende würden aus eigenem Ermessen entscheiden und hätten kein Anrecht auf eine organisierte Ausreise aus einem Krisengebiet. Die Schweizer Vertretungen würden aber Beistand, Beratung und Unterstützung anbieten.

Eric Scheidegger, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), erinnerte an die Möglichkeit, dass Unternehmen neu auch aufgrund von Auswirkungen des Coronavirus Kurzarbeit beantragen können. Bisher sei ihm aber kein solcher Fall bekannt. Zudem habe man Fragen und Antworten zum Arbeitsrecht aktualisiert.

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