Personalmangel bei Lonza - «Bund soll ABC-Spezialisten nach Visp zu Lonza schicken»

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Personalmangel bei Lonza«Bund soll ABC-Spezialisten nach Visp zu Lonza schicken»

Laut Moderna hat Lonza ein Personalproblem bei der Impfstoffproduktion. Ex-SP-Präsident Peter Bodenmann fordert den Bundesrat auf, in den Krisenmodus zu schalten.

von
Marcel Urech
Michel Eggimann
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Laut Moderna-Chef Stéphane Bancel ist Lonza schuld an der verspäteten Lieferung des Moderna-Impfstoffs gegen das Coronavirus.

Laut Moderna-Chef Stéphane Bancel ist Lonza schuld an der verspäteten Lieferung des Moderna-Impfstoffs gegen das Coronavirus.

20min/Matthias Spicher
Die Basler Firma habe es nicht geschafft, frühzeitig neue Leute einzustellen, sagt Bancel.

Die Basler Firma habe es nicht geschafft, frühzeitig neue Leute einzustellen, sagt Bancel.

20min/Matthias Spicher
Ein Lonza-Sprecher liess verlauten, dass das Unternehmen «alles in seiner Macht Stehende tut, um den Verpflichtungen nachzukommen».

Ein Lonza-Sprecher liess verlauten, dass das Unternehmen «alles in seiner Macht Stehende tut, um den Verpflichtungen nachzukommen».

20min/Matthias Spicher

Moderna-Chef Stéphane Bancel gibt dem Auftragsfertiger Lonza die Schuld an den Lieferproblemen des Impfstoffs. Die Basler Firma habe es nicht geschafft, frühzeitig genügend Personal einzustellen, sagte er in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Somit sei es in den vergangenen Wochen in einigen Ländern zu kleineren Verspätungen gekommen. Laut Bancel will Lonza nun Mitarbeiter von anderen Produktionsbereichen im Werk in Visp VS abziehen. Das Unternehmen frage zudem andere Pharmafirmen um Hilfe an.

Die Lieferverzögerungen betreffen auch die Schweiz. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) hiess es, Moderna werde im Mai rund 200’000 Impfdosen weniger liefern als geplant. Auch im April dürften es 200’000 weniger werden.

BAG sieht sich nicht zuständig

Unklar ist, wie lange das BAG vom Personalmangel bei Lonza weiss. Auf Anfrage von 20 Minuten will sich das Bundesamt nicht zur Situation äussern. Es handle sich um eine «firmenpolitische Angelegenheit», die nicht in der Zuständigkeit des Bundes liege, so ein Sprecher.

Peter Bodenmann, Hotelier in Brig und ehemaliger Präsident der SP Schweiz, verfolgt das Geschehen seit Monaten. Er nervt sich, dass die Schweiz den Krisenmodus nicht findet: «Schon im November war diese Situation, wie sie nun eingetroffen ist, absehbar.»

ABC-Spezialisten aus dem Labor Spiez?

Lonza müsse nun überall, wo möglich, Personal finden für die Produktion des Impfstoffs. Er fordert auch den Bund zum Handeln auf. Bodenmann weist auch auf Spezialisten der Schweizer Armee hin. «Wir haben in Spiez ABC-Spezialisten. Verteidigungsministerin Viola Amherd sollte nun die bessere Hälfte dieser Spezialisten abziehen und nach Visp schicken.» Zudem solle man Durchdiener finden, die bereit sind, ihren Dienst für Lonza zu absolvieren.

Bodenmann sagt auch, die Situation sei für Lonza eine sehr grosse Chance. «Das Unternehmen kann einen Impfstoff für mehrere Länder produzieren. Lonza muss nun schauen, wie sie das hinkriegen kann.» Er ist überzeugt, dass die Schweiz in einer guten Position ist, wenn das Unternehmen dies hinbekommt. Denn man habe mit Moderna und Pfizer/Biontech auf die beiden richtigen Impfstoffe gesetzt.

«Moderna muss die Verträge einhalten»

Gelassener reagiert der Walliser Mitte-Nationalrat Philipp Bregy. «Verzögerungen bei den Lieferungen – egal ob bei Lonza oder anderen Herstellern – sind ärgerlich, weil sich die Impfkampagne weiter verlängert.» Aber: Man dürfe aber auch nicht in Panik verfallen, wenn es mal irgendwo stocke. Im Falle von Lonza könne er nicht beurteilen, wie gravierend das Problem effektiv sei, sagt Bregy. «Der Vertragspartner der Schweiz ist ohnehin Moderna. Moderna muss die Verträge einhalten.»

Der Bund hat laut Gesetz die Aufgabe, die ausreichende Versorgung mit wichtigen medizinischen Gütern sicherzustellen. Wie der Bund aktuell helfen könnte, sehe er aber nicht, sagt Bregy. «Andere Unternehmen zu verpflichten, Personal abzustellen, geht sicher zu weit und ist kurzfristig auch nicht praktikabel.»

Politiker kritisiert Moderna

Auch Josef Dittli, FDP-Ständerat und Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, findet, dass es nicht zielführend sei, wenn Moderna und Lonza interne Angelegenheiten in den Medien diskutieren. «Dass der Chef von Moderna Lonza in dieser Form öffentlich kritisiert, ist völlig daneben.» In der jetzigen Situation sollten die beiden Partner zusammenstehen und gemeinsam eine Lösung finden, anstatt öffentlich einen Streit auszutragen. Ein Krisengipfel, den zum Beispiel der Bund einberufen könnte, sei deswegen aber nicht nötig.

Lonza war am Samstag für 20 Minuten nicht zu erreichen. Zum «Tages-Anzeiger» sagte ein Lonza-Sprecher: «Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um unsere Verpflichtungen zu erfüllen.»

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