Aktualisiert 11.11.2011 08:36

Vorstoss eingereicht

Bund soll Pädo-Chatter härter anpacken

Erwachsene, die Kinder im Chat anmachen, sollen nicht länger ungestraft davonkommen. Ein neuer politischer Vorstoss zur Kriminalprävention findet Anklang.

von
Jessica Pfister
Wer als Erwachsener mit Kinder im Chat anbandelt, soll strafrechtlich verfolgt werden können. (Symbolbild)

Wer als Erwachsener mit Kinder im Chat anbandelt, soll strafrechtlich verfolgt werden können. (Symbolbild)

Sie brauchen im Schnitt 2,6 Minuten und drei Fragen, um zur Sache zu kommen: Erwachsene, die Minderjährige im Chat anbaggern. Dabei gehören Fragen wie «Was häsch ah?» oder «Häsch scho Sex gha?» noch zu den harmloseren. Grooming, wie das sexuelle Anbandeln von Erwachsenen mit Kindern auf dem Netz genannt wird, bereitet nicht nur Eltern Sorgen. Auch die Schweizerische Koordinationsstelle für Internetkriminalität (Kobik) beobachtet die Entwicklung aufmerksam. «Tendenziell stellen wir eine stetige leichte Zunahme von Meldungen fest», sagt Mediensprecherin Danièle Bersier gegenüber 20 Minuten Online. Die meisten kommen von Chatforen-Betreibern.

Die Kobik spricht von einer oft sehr direkten und sexuellen Anmache auf dem Netz. «Es herrscht ein Umfeld, welches in der realen Welt so nie geduldet würde und welches der gesunden physischen und sexuellen Entwicklung des Kindes nicht förderlich ist», so Bersier. Das Problem: Solange es bei sexuellen Dialogen bleibt und nicht zu weiteren Handlungen wie einem Treffen kommt, können die Behörden nichts gegen die Chat-Unholde unternehmen. «Das Grooming als solches ist nicht strafbar.»

Für CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer ein Affront: «Kindesmissbrauch beginnt schon bei der Anmache im Netz», sagt sie. Denn obwohl die Kinder bei Grooming nur virtuell und nicht körperlich belästigt würden, seien die möglichen seelischen Folgen offensichtlich. Sie fordert deshalb in einer Motion vom Bundesrat eine Vorlage, die Grooming unter Strafe stellt.

Fragen zu Schaamharen gehen zu weit

Martin Boess, Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention (SKP), begrüsst den Vorstoss von Schmid-Federer. «Aus präventiver Sicht wäre ein Verbot von sexualisierten Dialogen sehr wichtig», so Boess gegenüber 20 Minuten Online. Die SKP könnte klar kommunizieren, dass solche Gespräche verboten sind und bestraft werden. Heute würde man bei solchen Fällen höchstens mit dem Erwachsenen Chatpartner Kontakt aufnehmen und diesen zur Vernunft ermahnen.

Bei einem Grooming-Verbot stellt sich Boess allerdings die Frage, wo man bei den Dialogen im Chat die Grenze zieht. «Aus unserer Sicht müsste man diese sehr niedrig setzen», so der SKS-Geschäftsleiter. Fragen wie «Hast Du schon Schamhaare?» würden bereits zu weit gehen und müssten als Übergriffe gewertet werden. Nicht klar sei zudem, wer Anzeige erstatten müsste. «Viele Kinder sind sich gar nicht bewusst, wann die Erwachsenen im Chat zu weit gehen», so Boess. Oftmals seien sie neugierig und würden sich extra ein wenig aufreizend präsentieren. «Erst wenn die Grenze zur Pornografie respektive zur sexuellen Belästigung überschritten wird, wenden sie sich an die Eltern oder eine Vertrauensperson.» So zum Beispiel, wenn der Erwachsene Nacktbilder verlangt oder selber verschickt.

«Private Chats können wir nicht überprüfen»

Viele der Chatbetreiber haben laut Boess in den letzten Jahren reagiert und ihre Sicherheitsbemühungen erhöht. Andere sind gleich ganz aus dem Geschäft ausgestiegen, wie Swisscom mit ihrem Bluewin-Chat vor zwei Jahren. Denn obwohl das Unternehmen für das grösste Chat-Portal der Schweiz eine Text-Filtersoftware eingesetzt hatte, ist es den Chattern gelungen, diese mit der veränderten Schreibweise von anzüglichen Begriffen zu umgehen.

Beim privat betriebenen Internetportal Kidscat, welches einen Chat für Kinder und Jugendliche bis 18 betreibt, weiss man ebenfalls um die Gefahren. «Wir beschäftigen rund 30 ehrenamtliche Chat-Operatoren, die in den öffentlichen Kanälen und Chaträumen für Ruhe und Ordnung zu sorgen», schreibt die Administratorin auf Anfrage. Kritische Inhalte würden entfernt, die Nutzer gesperrt oder den Strafverfolgungsbehörden gemeldet. «Leider ist es uns aber aus Datenschutzgründen nicht möglich, private Chat-Konversationen zu überprüfen», so die Administratorin. Die Nutzer würden sich aber dazu verpflichten, die Angebote nur zu legalen Zwecken zu benutzen.

Ratschläge für Kinder und Eltern

Kindern rät die Schweizerische Kriminalprävention, nur mit Erwachsenen Personen zu chatten, die sie persönlich kennen. Auf keinen Fall dürfen sie jemanden aus dem Chat treffen, bei allfälligen Anfragen sollen sie sich an eine Vertrauensperson wenden.

Eltern sollten sich am besten unter einem Pseudonym auf einem Chat selbst ein Bild machen. Ihren Kindern müssen sie klar vermitteln, dass sie im Chat und in sozialen Netzwerken nur Personen als Freunde akzeptieren sollen, die sie auch kennen und nicht zu viele Informationen von sich preisgeben dürfen. Wichtig ist auch, dass die Eltern ihre Kinder beobachten. Veränderungen beim Kind wie Angst oder Appetitlosigkeit seien Zeichen dafür, genauer hinzuschauen.

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