Trifluoracetat - Bund weiss von Pestizidrückständen im Wasser – informiert aber erst 2022
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TrifluoracetatBund weiss von Pestizidrückständen im Wasser – informiert aber erst 2022

Eine Schweizer Umweltorganisation konnte die Chemikalie TFA in Schweizer Seen nachweisen. Das ist ein Problem, weil aus diesen Seen Trinkwasser gespiesen wird.

von
Reto Heimann
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Im Zürichsee wurde die Chemikalie Trifluoracetat, kurz TFA, nachgewiesen.

Im Zürichsee wurde die Chemikalie Trifluoracetat, kurz TFA, nachgewiesen.

20min/Marco Zangger
Weil aus dem Zürichsee Trinkwasser gewonnen wird, findet sich TFA auch in Zürcher Leitungswasser.

Weil aus dem Zürichsee Trinkwasser gewonnen wird, findet sich TFA auch in Zürcher Leitungswasser.

20min/Marco Zangger
Das gleiche gilt für See- und Trinkwasser aus dem Hallwilersee…

Das gleiche gilt für See- und Trinkwasser aus dem Hallwilersee…

20min/Community

Darum gehts

  • Diverse Pestizide, die in der Schweiz zum Einsatz kommen, werden zur Chemikalie TFA abgebaut.

  • TFA gelangt in Schweizer Seen und von dort ins Trinkwasser.

  • «Solche Stoffe gehören nicht ins Trinkwasser», sagt ein Experte.

Der Zürichsee, Murtensee, Hallwilersee und Bielersee sind alles Gewässer, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Dementsprechend wichtig ist es, dass das Seewasser nicht verunreinigt, sondern gesundheitlich unbedenklich ist. Die Umweltorganisation «Ohne Gift» sagt nun: Im Seewasser der betroffenen Seen findet sich die Chemikalie Trifluoracetat, kurz TFA. Darüber berichtet das Konsumentenmagazin «K-Tipp» (Bezahlartikel).

Wie kommt das TFA ins Wasser? Es handelt sich dabei um eine Chemikalie, die als Abbauprodukt von Medikamenten und Pestiziden ins Wasser gelangt. TFA entweicht auch aus Fahrzeugklimaanlagen in die Luft und gelangt über den Regen in die Gewässer. Die Umweltorganisation «Ohne Gift» spricht von 25 Pestiziden, die derzeit in der Schweiz zugelassen sind, die zu TFA abgebaut werden.

Lässt sich nicht mehr aus Wasserkreislauf bringen

Konkret wies «Ohne Gift» in allen vier untersuchten Seen Konzentrationen von 0,25 Mikrogramm (Zürichsee), 0,41 Mikrogramm (Bielersee), 0,54 Mikrogramm (Hallwilersee) und 0,91 Mikrogramm (Murtensee) pro Liter nach. Die Konzentrationen an TFA im Trinkwasser decken sich mit denjenigen im Seewasser, oder anders ausgedrückt: Wenn TFA im Seewasser nachgewiesen werden kann, findet man es in nahezu gleicher Menge im Trinkwasser.

Das hat einen Grund. Die Anlagen, die das Seewasser zu Trinkwasser aufbereiten, sind gegenüber TFA machtlos. «Derzeit ist keine Methode bekannt, mit der TFA mit verhältnismässigen Mitteln, das heisst ohne sehr hohen technischen und finanziellen Aufwand, aus dem Wasserkreislauf entfernt werden könnte», sagt Roman Wiget, Trinkwasserfachmann und Geschäftsführer der Seeländischen Wasserversorgung (SWG).

In anderen Worten: Ist TFA erst einmal ins Wasser gelangt, ist es praktisch nicht mehr aus dem Kreislauf zu bringen. Für Experte Wiget steht deshalb fest: «Solche Stoffe gehören ganz grundsätzlich nicht ins Trinkwasser.»

In menschlichem Blut nachgewiesen

Schadet TFA dem Menschen? Darüber existiert noch kaum Forschung, sagt Fausta Borsani von «Ohne Gift»: «Hunderttausende Menschen nehmen diesen Stoff auf. Das Unheimliche an TFA ist, dass die Wissenschaft noch wenig über die Langzeitwirkung weiss.» TFA beeinflusst das menschliche Zentralnervensystem. Auch wurde TFA bereits in menschlichem Blut nachgewiesen. In Deutschland hat das Umweltbundesamt einen Höchstwert von 10 Mikrogramm pro Liter definiert, die Schweiz kennt keinen Grenzwert.

Beim Bund ist man sich des Problems seit 2017 bewusst. Das Bundesamt für Umwelt leitete 2020 eine speziell darauf ausgerichtete Untersuchung ein, erste Resultate davon liegen bereits vor. Darüber informieren will das Bundesamt aber noch nicht. Die Resultate der Untersuchung sollen erst 2022 veröffentlicht werden – und damit erst nachdem die Schweiz über die beiden Agrarinitiativen abgestimmt haben wird. Beide Initiativen verlangen einen deutlich geringeren Einsatz von Pestiziden resp. den vollständigen Verzicht darauf.

Pestizide

Bei Pestiziden handelt es sich um chemisch-synthetische Stoffe und Stoffkombinationen. Die giftigen Stoffe dienen als Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Insektizide kommen zum Einsatz gegen Insekten, Herbizide gegen Unkraut und Fungizide gegen Pilze.

Die Agrar-Initiativen

Die Pestizid-Initiative der Gruppe «Future3» verlangt ein Verbot künstlicher Pflanzenschutzmittel in der Schweiz: Es dürften keine synthetischen Pestizide mehr ausgebracht werden, verboten wäre auch der Import von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Die Umstellung soll innert einer Frist von zehn Jahren passieren. Parlament und Bundesrat lehnen die Initiative ab.
Die Trinkwasser-Initiative wurde von Franziska Herren lanciert. Sie fordert, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotika-Einsatz auskommen und den eigenen Tierbestand mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können. Parlament und Bundesrat lehnen die Initiative ab.

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