Grosses Potenzial: Bund will auf Wasserkraft setzen
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Grosses PotenzialBund will auf Wasserkraft setzen

Um den Ausstieg aus der Atomenergie bewältigen zu können, will die Schweiz vermehrt auf Pumpspeicherkraftwerke setzen. Ein Bericht hält Windkraftwerke nur für bedingt nutzbar.

von
jam

Der Bundesrat sieht in der Schweiz ein grosses Potenzial für Pumpspeicherkraftwerke, wie er in einem Bericht festhält. Die Kraftwerke könnten zum Ausgleich der schwankenden Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie in Nachbarländern genutzt werden.

Wie genau die Stromversorgung nach dem Ausstieg aus der Atomenergie aussehen wird, ist noch offen: Die detaillierten Pläne will der Bundesrat in den nächsten Tagen oder Wochen vorlegen. Am Mittwoch hat er indes einen Bericht zur Lage in Europa gutgeheissen.

Gemäss einem Bericht der Nachrichtensendung «10vor10» sollen 14 mögliche Standorte für grosse Wasserkraftwerke ins Auge gefasst werden.

Erneuerbare Energien sind wesentlicher Eckpfeiler

Die Energiekommission des Nationalrats hatte vom Bundesrat umfassende Informationen zur Stromversorgung mit erneuerbaren Energien im europäischen Kontext gewünscht. Im nun vorliegenden Bericht bekräftigt der Bundesrat, die erneuerbaren Energien seien ein wesentlicher Eckpfeiler der neuen Energiepolitik.

Die erneuerbare Stromproduktion könne bis 2050 um 22 Terawattstunden gesteigert werden. Eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden und damit dem Stromverbrauch von rund 300 000 Durchschnittshaushalten pro Jahr. Die fünf Schweizer Atomkraftwerke produzieren zusammen jährlich insgesamt rund 25 Terawattstunden Elektrizität.

Der Ausbau der Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen bedinge jedoch den gleichzeitigen Ausbau des Elektrizitätsnetzes, heisst es weiter im Bericht. Zudem sei beispielsweise die Windenergie in der Schweiz nur beschränkt nutzbar, insbesondere wegen des Landschaftsschutzes.

Windenergie reicht für ganz Europa

Im Ausland dagegen dürfte die Windenergie stark ausgebaut werden. Der Bericht geht davon aus, dass Windenergie je nach Standort ab etwa 2020 mit den konventionellen Technologien wettbewerbsfähig sein wird. Nach den Ereignissen in Fukushima seien diese Aussagen als eher konservativ einzustufen, halten die Autoren fest.

Doch die Windenergie wird nicht nur billiger: Mit dem verfügbaren Windenergiepotenzial könnte der gesamte Stromverbrauch der EU abgedeckt werden. Bis 2030 werde das wirtschaftliche Potenzial für Windenergie auf insgesamt 30 000 Terawattstunden geschätzt, was dem Siebenfachen des dann zu erwartenden Stromverbrauchs in Europa entspreche, heisst es im Bericht.

Schweiz als Drehscheibe

In diesem Zusammenhang sieht der Bundesrat Potenzial für die Schweiz als Stromdrehscheibe im europäischen Markt. Die Schweiz habe die Möglichkeit, sich in Europa als «Batterie» zu positionieren und gleichzeitig die eigene Versorgungssicherheit auszubauen, schreibt er.

Durch den Zubau von einem Gigawatt (1 Gigawatt entspricht einer Million Kilowatt) Pumpspeicherleistung könnten zusätzlich vier bis fünf Gigawatt Leistung aus Wind- und Sonnenenergie ins System integriert werden.

Mit den bis 2020 geplanten Pumpspeicherleistungen in Österreich, Deutschland und in der Schweiz könnten die witterungsbedingten Schwankungen der Sonnen- und Windanlagen mit einer Gesamtkapazität von bis zu 60 Gigawatt ausgeglichen werden.

Beitrag zur Wertschöpfung

Falls gemäss der neuen Energiepolitik bis 2050 die Fotovoltaik auch in der Schweiz wesentlich ausgebaut werden sollte, würden die Pumpspeicherkraftwerke natürlich auch inländisch benötigt, hält der Bundesrat fest.

Der Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke könnte gemäss dem Bericht aber nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Integration der erneuerbaren Energien leisten, sondern auch zur Wertschöpfung in der Schweiz beitragen. Aus dem Energieverkehr mit dem Ausland resultierte 2010 ein Einnahmenüberschuss von über 1,3 Milliarden Franken.

Zügiger Netzausbau nötig

In den Schweizer Alpen sind heute Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 13,3 Gigawatt installiert. Die Pumpspeicherkraftwerke haben eine Turbinenleistung von 1,7 Gigawatt. Bis zum Jahr 2020 werden gemäss dem Bericht voraussichtlich zusätzlich 6 Gigawatt an Erzeugungsleistung und 4 Gigawatt an Pumpenkapazität dazukommen.

Damit Pumpspeicherkraftwerke einen wesentlichen Beitrag leisten können, müsse aber der Netzausbau in der Schweiz zügig vorangetrieben und mit den europäischen Ausbauvorhaben koordiniert werden, hält der Bundesrat fest. Bereits heute gebe es zu bestimmten Zeiten an einzelnen Punkten des Netzes Engpässe. Sollten Atomkraftwerke in der Schweiz vorzeitig abgeschaltet werden, würde sich die Situation verschärfen.

Bau von Gaskombikraftwerken

Das Bundesamt für Energie untersucht derzeit, was die verschiedenen Möglichkeiten für die künftige Energieversorgung für den Netzausbau bedeuten. Die Ergebnisse sollen in die Vorlage zur künftigen Energieversorgung einfliessen, die der Bundesrat in die Vernehmlassung schicken wird.

Im am Mittwoch veröffentlichten Bericht bekräftigt der Bundesrat, dass es zur Deckung der Nachfrage auch einen Ausbau der fossilen Stromproduktion mit Wärmekraftkoppelung sowie Gaskombikraftwerken brauche.

Über deren Zahl war in den vergangenen Tagen auf Basis interner Unterlagen aus dem Umweltdepartement heftig diskutiert worden. Im Bericht hält der Bundesrat lediglich fest, er wolle an den klimapolitischen Zielen festhalten. (jam/sda)

Wie Pumpspeicherkraftwerke funktionieren

Pumpspeicherkraftwerke sind eine Kombination von Speicherkraftwerk und reinem Umwälzwerk. Sie dienen der Speicherung von elektrischer Energie. Dazu wird Wasser hinaufgepumpt. Später fliesst das Wasser wieder hinunter und erzeugt dabei mittels Turbinen und Generatoren elektrischen Strom.

Pumpspeicherkraftwerke können damit Strom in Zeiten speichern, in denen elektrische Energie reichlich verfügbar ist, und sie später, wenn die Nachfragespitzen hoch sind, wieder anbieten. Aus diesem Grund wird von Spitzenenergie gesprochen.

Angesichts des begrenzten Wirkungsgrads wird die aufgenommene Energie nur zum Teil wiedergewonnen. Die Rentabilität eines Pumpspeicherkraftwerks ergibt sich vor allem aus den Preisdifferenzen am Strommarkt zwischen verschiedenen Zeitpunkten.

Bisher war dies üblicherweise die Preisdifferenz zwischen Strom am Tag und in der Nacht beziehungsweise am Wochenende. Diese Differenz war grösstenteils abhängig von einem relativ gut prognostizierbaren Verbrauchsprofil. Für einen rentablen Betrieb eines Pumpspeicherkraftwerkes musste die Preisdifferenz zwischen Nacht- und Spitzenenergie gross genug sein, um den Wirkungsgradverlust zu kompensieren.

Wegen vermehrter Einspeisung aus Windkraft- und Fotovoltaikanlagen habe sich diese Situation geändert, heisst es im Bericht des Bundesrates. Preisveränderungen innerhalb eines Tages träten nun häufiger auf. Zudem hänge die Höhe der Preisdifferenzen immer stärker von der Produktion erneuerbarer Energien ab. In jüngerer Vergangenheit kam es vor, dass der Strom dank der neuen Anlagen in Deutschland an wind- und sonnenreichen Tagen praktisch gratis war.

Weil Pumpspeicherkraftwerke schnell reagieren könnten, seien sie die ideale Ergänzung zu Wind- und Solarkraftwerken, schreibt der Bundesrat. Ausserdem seien sie sehr gut dafür geeignet, Regelenergie (Spitzenenergie) anzubieten, also die Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage auszugleichen. (sda)

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