Aktualisiert 19.09.2018 08:50

Pflanzenschutzmittel

Bund will Glyphosat-Grenzwert massiv erhöhen

Während eine Volksinitiative ein Pestizid-Verbot verlangt, plant der Bund, die Grenzwerte zu lockern. Die erlaubten Werte sollen teilweise verhundertfacht werden.

von
D. Krähenbühl
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Der «Rundschau» liegt der verwaltungsinterne Entwurf der neuen Gewässerschutzverordnung vor, die zeigt, dass der Bund den Grenzwert für 25 Pestizide massiv erhöhen will.

Der «Rundschau» liegt der verwaltungsinterne Entwurf der neuen Gewässerschutzverordnung vor, die zeigt, dass der Bund den Grenzwert für 25 Pestizide massiv erhöhen will.

Patrick Pleul
Die geplanten Änderungen würden bedeuten, dass sich der Grenzwert für den mutmasslich krebserregenden Unkrautvertilger Glyphosat und viele weitere Pflanzenschutzmittel um das Hundertfache erhöhen würde.

Die geplanten Änderungen würden bedeuten, dass sich der Grenzwert für den mutmasslich krebserregenden Unkrautvertilger Glyphosat und viele weitere Pflanzenschutzmittel um das Hundertfache erhöhen würde.

epa/Patrick Pleul
Deutlich mehr Pestizide dürften so ganz legal in Schweizer Bäche und Flüsse gelangen. Die absolute Obergrenze für einzelne Giftstoffe soll neu 10 Mikrogramm statt 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser betragen.

Deutlich mehr Pestizide dürften so ganz legal in Schweizer Bäche und Flüsse gelangen. Die absolute Obergrenze für einzelne Giftstoffe soll neu 10 Mikrogramm statt 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser betragen.

Keystone/Alessandro Della Valle

Mit dem nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel hat sich der Bund im September 2017 das Ziel gesetzt, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Nun deckt die SRF-Sendung «Rundschau» auf, dass genau das Gegenteil passieren könnte. Der Sendung liegt der verwaltungsinterne Entwurf der neuen Gewässerschutzverordnung vor, die zeigt, dass der Bund den Grenzwert für 25 Pestizide massiv erhöhen will. Die absolute Obergrenze für einzelne Giftstoffe in Gewässern soll neu 10 Mikrogramm statt 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser betragen, die neuen Grenzwerte sollen ab dem 1. Januar 2019 gelten.

Die geplanten Änderungen würden bedeuten, dass sich der Grenzwert für den mutmasslich krebserregenden Unkrautvertilger Glyphosat und viele weitere Pflanzenschutzmittel um das Hundertfache erhöhen würde. Deutlich mehr Pestizide dürften so ganz legal in Schweizer Bäche und Flüsse gelangen. Ein erster Versuch des Bundesamts für Umwelt (Bafu), die zulässigen Grenzwerte in Oberflächengewässern nach oben zu schrauben, scheiterte 2017. Auch jetzt kündigt sich grosser Widerstand an.

Hohe Pestizidbelastung

«Das ist inakzeptabel – wir brauchen tiefere und sicher nicht höhere Grenzwerte», kritisiert GLP-Nationalrätin Tiana Moser das Vorhaben gegenüber der «Rundschau». Bereits heute gebe

es in der Schweiz wegen der hohen Pestizidbelastung ein Vogel- und Insektensterben. Auch für den SP-Nationalrat Beat Jans ist die geplante Änderung unverständlich: «Höhere Grenzwerte für Pestizide widersprechen allem, was der Bundesrat sonst zum Thema sagt», so Jans zur Sendung. Und der SP-Nationalrat wählt aussergewöhnlich starke Worte: «Ich finde diesen Plan gelinde gesagt strohdumm!»

Andreas Bosshard, Geschäftsführer des Vereins Vision Landwirtschaft warnt vor allem vor dem Pestizid-Mix in den Gewässern, wenn der Grenzwert heraufgesetzt würde. «Das Vorhaben des Bundes widerspricht dem gesetzlichen Vorsorgeprinzip, da niemand weiss, wie die Wirkstoffe miteinander reagieren.» Vor allem sei es politisch ein ganz ungeschicktes Zeichen angesichts zweier Initiativen, die die Reduktion von Pestiziden fordern. (siehe Box)

Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Bauernverbands reagiert zurückhaltend auf die höheren Grenzwerte: «Das ist etwas, das wir gar nicht wollen.» Saubere Gewässer seien eine grosse Errungenschaft in der Schweiz. «Dazu müssen alle ihren Beitrag leisten, auch wir Bauern», sagt Ritter zur «Rundschau».

«Verhältnismässig wenig toxisch»

Andere Politiker sehen das nicht so eng. «Wenn das wissenschaftlich sauber abgeklärt ist, sehe ich kein Problem», sagt etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Gerade bei Glyphosat habe man sehr viele und detaillierte Studien gemacht. Und auch SVP-Nationalrat Werner Salzmann betont: «Wenn das Bundesamt für Umwelt sagt, dass das kein Problem sei, dann glaube ich das auch», so der gelernte Landwirt. «Ich finde es richtig, dass man der Landwirtschaft Hilfsstoffe zur Verfügung stellt, die die Qualität und Quantität der Produkte erhöhen.»

Das Bundesamt für Umwelt wollte gegenüber 20 Minuten keine Stellung zum Fall nehmen, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Im erläuternden Bericht zur Revision schreibt das Amt, dass diese Stoffe in Gewässern «verhältnismässig wenig toxisch» seien. Die neuen Grenzwerte seien wissenschaftlich und nach internationalen Standards hergeleitet worden. Der Schutz empfindlicher Pflanzen, Lebewesen und Mikroorganismen sei gewährleistet, so der interne Bericht weiter.

Mehr dazu heute Abend in der «Rundschau» auf SRF 1, neu ab 20.05 Uhr.

Folgende Initiativen wollen den Einsatz von Pestiziden in der Schweiz regulieren:

«Trinkwasser-Initiative»: Sie verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Subventionen erhalten, die auf den Einsatz von Pestiziden und präventiv verabreichten Antibiotika verzichten. Die Initiative dürfte im Jahr 2020 an die Urne kommen.

«Pestizid-Initiative»: Will synthetische Pestizide in der Landwirtschaft verbieten. Auch die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mit Hilfe solcher Substanzen hergestellt worden sind, soll verboten werden.

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