Aktualisiert 22.11.2017 13:05

Bis 116'000 Opfer

Bund wird wegen Autobahn-Lärm verklagt

Der Bund hat Verspätung beim Lärmschutz der Nationalstrassen. Betroffene sprechen von einem «Skandal» und bereiten Klagen vor.

von
Stefan Ehrbar
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Auf 167 Kilometern Nationalstrassen gibt es Nachholbedarf bei der Lärmsanierung. Damit ist der Bund im Verzug. Das liege auch an Einsprachen, heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra).

Auf 167 Kilometern Nationalstrassen gibt es Nachholbedarf bei der Lärmsanierung. Damit ist der Bund im Verzug. Das liege auch an Einsprachen, heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra).

Keystone/Gaetan Bally
Lärmschutzmassnahmen müssten öffentlich aufgelegt werden, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Das bietet Einsprache- und Rekursmöglichkeiten bis vors Bundesgericht.

Lärmschutzmassnahmen müssten öffentlich aufgelegt werden, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Das bietet Einsprache- und Rekursmöglichkeiten bis vors Bundesgericht.

Keystone/Gaetan Bally
Am häufigsten setzt das Astra auf Lärmschutzwände wie hier auf der Sihlhochstrasse in Zürich, gefolgt von Lärmschutzdämmen und speziellen Fahrbahnbelägen.

Am häufigsten setzt das Astra auf Lärmschutzwände wie hier auf der Sihlhochstrasse in Zürich, gefolgt von Lärmschutzdämmen und speziellen Fahrbahnbelägen.

Keystone/Alessandro Della Bella

Lärm macht krank. Wer immer den Geräuschteppich von fahrenden Autos um sich hat, hat häufig einen erhöhten Blutdruck und schläft schlechter. Die Folgen sind drastisch: Das Bundesamt für Umwelt listet Herzkrankheiten, Nervosität und eine reduzierte Leistungsfähigkeit als Konsequenzen auf. Die Schweizer Bevölkerung verliert demnach jedes Jahr 46'000 Lebensjahre wegen Lärm. Volkswirtschaftlich gesehen verursacht Lärm externe Kosten von jährlich 1,9 Milliarden Franken.

Der grösste Teil geht auf das Konto von Strassenlärm. Der Bund saniert deshalb die Nationalstrassen mit Lärmschutzwänden, Dämmen und speziellen Belägen. Doch das Bundesamt für Strassen (Astra) hinkt seinen ursprünglichen Planungen hinterher.

167 Kilometer «schlecht» und «sehr schlecht»

Schon 2015 gab sich der Bund mehr Zeit. Bis 2018 wollte er damals die Nationalstrassen grösstenteils sanieren. Doch noch immer stuft das Astra 167 Kilometer Nationalstrassen in die Kategorien «schlecht» und «sehr schlecht» ein. Auf diesen Abschnitten sind Sanierungsarbeiten im Umfang von etwa 360 Millionen Franken dringend nötig. Das geht aus einem aktuellen Bericht hervor.

Weitere 444 Kilometer Nationalstrassen gehören zur Kategorie «annehmbar»: Dort sind weitere Massnahmen bis 2030 nötig. Zwei Drittel der Nationalstrassen gelten hingegen als «gut» oder «sehr gut». Das Astra plant zurzeit Lärmschutz-Massnahmen im Umfang von insgesamt 860 Millionen Franken.

Einsprachen bis vors Bundesgericht

Dass die ursprüngliche Planung nicht eingehalten wurde, liege an der Komplexität, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Lärmschutz-Massnahmen stellten umfassende Änderungen der Strassenanlage dar und müssten öffentlich aufgelegt werden. Das bedeutet Genehmigungsverfahren und Einsprache- und Rekursmöglichkeiten. Die werden von Anwohnern nicht selten genutzt, was Verhandlungen bis vors Bundesgericht zur Folge hat. «Auf die Dauer dieser Verfahren hat das Astra keinen Einfluss», sagt Rohrbach.

Wenn alle heute geplanten Massnahmen umgesetzt werden, rechnet der Bund im Jahr 2030 mit 68'000 Personen, die unter übermässigem Strassenlärm von Autobahnen leiden. Gibt es ab jetzt keine weiteren Sanierungen mehr, sind es sogar 116'000. Sie dürfen nicht auf Besserung hoffen. «Ein vollständiger Schutz der Betroffenen ist aufgrund von technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar», heisst es im Bericht. Schlussendlich dürften etwa 70 Prozent der ursprünglich Betroffenen geschützt werden.

Klagen in Vorbereitung

Für die Lärmliga Schweiz ist die verzögerte Sanierung ein Skandal, wie Präsident Peter Ettler sagt. Strassenlärm führe jährlich zu 500 Todesfällen wegen Herz-/Kreislaufversagen. «Das Astra macht aber im alten Trott weiter und in vielen Fällen gar nichts. Dabei ist die Sanierungsfrist für Nationalstrassen bereits 2015 abgelaufen.»

Alle Eigentümer von nicht sanierten Gebäuden an Autobahnen könnten seit 2015 jährliche Verzugszinsen auf der Entwertung ihrer Liegenschaft einfordern, sagt Ettler. Es gehe nicht ums grosse Geld: «Wenn das viele machen, erzeugt es Druck auf die Strasseninhaber». Die Lärmliga bereite nun einen entsprechenden Klagepool vor.

Die meisten Investitionen tätigt das Astra für Lärmschutzwände, gefolgt von Lärmschutzdämmen und speziellen Belägen. Den grössten Nachholbedarf gibt es auf den Strassen der Astra-Filiale Winterthur. In deren Zuständigkeit gehört auch das wohl grösste Lärmschutzprojekt, die Überdachung der Autobahn in Zürich-Schwamendingen auf fast einem Kilometer.

Auf welchen Abschnitten darüber hinaus Nachholbedarf besteht, sehen Sie in der Bildstrecke.

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