Aktualisiert 01.08.2013 20:39

1. August-Reden

«Bundesräte betreiben zuviel Phrasendrescherei»

Ueli Maurer wartet mit der Bibel auf, Doris Leuthard jammert auf hohem Niveau und Didier Burkhalter fällt mit SVP-naher Rhetorik auf. Eine Festreden-Analyse des Experten Marcus Knill.

von
Hannes von Wyl
Bundesratspräsident Ueli Maurer bei seiner Festrede am Mittwoch 31. Juli in Bözingen bei Biel.

Bundesratspräsident Ueli Maurer bei seiner Festrede am Mittwoch 31. Juli in Bözingen bei Biel.

In den Ansprachen der Bundesräte und -rätinnen spiegeln sich Ereignisse und Entwicklungen, die die Schweiz prägen. Der Kommunikationsexperte und Polit-Coach Marcus Knill hat die Festreden der Landesregierung untersucht und zeigt auf, welches Bild die einzelnen Bundesräte von der Schweiz zeichnen.

Ueli Maurer – David gegen Goliath

Im Fokus der Festrede von VBS-Vorsteher Ueli Maurer steht das Verhältnis der Schweiz zur EU und den USA. Maurer sieht die Schweiz dabei von grösseren Nationen «unter Druck gesetzt und erpresst». Dazu bemüht der SVP-Bundesrat die biblische Geschichte vom kleinen David, der dem grossen Goliath mutig entgegentritt.

Für Kommunikationsstratege Marcus Knill ist diese Analogie ein geschickter Schachzug: «Die Schweiz wird als siegreicher Kämpfer gegen das übermächtige Ausland dargestellt.» Das sei zwar normale SVP-Taktik, komme aber besonders am patriotischen Nationalfeiertag gut an, sagt Knill. Dabei bestehe aber die Gefahr, komplexe Entwicklungen und Problemstellungen auf ein simples Schwarz-Weiss-Schema zu reduzieren.

Johann Schneider-Amman – Keine klare Haltung

«Der Vorrat an Gemeinsamkeiten in fundamentalen Fragen droht zusehends, zu schwinden», stellte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman in seiner Rütli-Rede fest. Dem mit stärkerer Regulierung zu begegnen, sei aber der falsche Weg. Dazu brauche es Freiheit, die mit Verantwortung getragen wird. Das sei «echter Liberalismus», so Schneider-Amman.

«Der Widerspruch von Freiheit und Regulierung ist nicht neu», sagt Knill. «Auch Bundesrat Schneider-Amman kann darauf keine Antwort geben. Teamgeist und Solidarität sind zwar schöne Worte, als Lösung reichen sie aber nicht.» Für den Kommunikationsexperten zeigt sich hier die Schwierigkeiten der FDP, sich klar zu positionieren.

Didier Burkhalter - SVP-nahe Rhetorik

Der Aussenminister Didier Burkhalter betont die Wichtigkeit der bilateralen Abkommen mit der EU, «die die Eigenständigkeit der Schweiz sicherstellen.» Laut Burkhalter liegt die Entscheidungsgewalt dabei beim Schweizer Volk. «Einen wie auch immer gearteten Automatismus wird es nicht geben», sagt der FDP-Bundesrat in seiner Ansprache in der lettischen Hauptstadt Riga.

Dass der Aussenminister den bilateralen Weg verteidige, sei zu erwarten gewesen, sagt Marcus Knill. «Das Schweizer Volk aber als einzigen Entscheidungsträger zu postulieren überrascht. Das ist SVP-nahe Rhetorik», meint der Kommunikationsberater.

Doris Leuthard - Unoriginell

Gleich wie Bundesrat Schneider-Amman beschwörte auch die Umwelt- und Verkehrsministerin «die Bereitschaft, für einander da zu sein» als typisch schweizerische Tugend. Anstehende Reformen sollten mit Dialogbereitschaft angegangen werden. «Doch dies sei eigentlich Jammern auf hohem Niveau», bilanzierte die CVP-Bundesrätin.

Leuthard stelle Wilhelm Tells Aussage «Der Starke ist am mächtigsten allein» in Frage, sagt Experte Knill. «Das ist ein deutlicher Wink mit dem Zaumpfahl gegen alle politischen Kräfte, die eine Isolationspolitik huldigen.» Stattdessen solle man am gleichen Strick ziehen und zusammenstehen. «Die Schweiz, ein einig Volk. Das ist schon lange kein originelles Motiv mehr», so der Kommunikationsprofi.

Simonetta Sommaruga - Trotz neuer Frisur die Gleiche

Veränderung führe nicht automatisch zur Auflösung von Identität, stellte die Justizministerin in ihrer Ansprache fest. Sie habe sich unter anderem mit einer neuen Frisur persönlich stark verändert, «und doch bin ich kein anderer Mensch geworden.» Dasselbe gelte für die Schweiz und ihre Bewohner.

Auch Sommaruga stellt sich mit ihrem Aufruf zu mehr Offenheit gegen die isolationistische Rede Maurers, stellt Knill fest. Der Politberater weist aber darauf hin, dass Wandel nur gut sei, wenn er zu Verbesserungen führe. «Ob das beim von der Bundesrätin angeführten Niedergang des Bankgeheimnisses so ist, ist zumindest fraglich», sagt Knill.

Alain Berset - Tritt ans Schienbein der SVP

Der SP-Bundesrat sieht «Fortschritt und Beharren, Veränderung und Kontinuität» als die Pfeiler, auf denen das Selbstverständnis der Schweizer beruht. Berset plädiert in seiner Festrede für einen pragmatischen Dialog mit der EU in Bezug auf den Finanzplatz. Dabei gäbe es «keinen Grund, eine Wagenburg zu bilden.» Vielmehr solle die Schweiz selbstbewusst und pro-aktiv auftreten, so der Vorsteher des Departementes des Innern (EDI).

«Berset verknüpft geschickt Tradition und Fortschritt», sagt Knill. «So fühlen sich konservative Kräfte und progressive Leute gleichermassen angesprochen.» Der Aufruf zu einem pragmatischen Dialog mit der EU widerspreche dabei der Haltung der SVP diametral. Mit dem Satz «verharren und beharren, bis es nicht mehr geht – das ist eine Haltung, die schlicht unter dem Niveau der Schweiz ist» kritisiere Berset direkt die Starrhalsigkeit der Volkspartei, so Knill.

Eveline Widmer-Schlumpf - Verteidigt sich selbst

Die Erfolgsgeschichte der Schweiz könne mit Offenheit, Realitätssinn, Selbstbewusstsein und Mut fortgeschrieben werden, sagte die Finanzministerin. Dazu müsse man zusammen arbeiten, «denn die Schweiz geht uns alle etwas an, auch wenn wir nicht alle gleich sind und gleich denken.»

Die Ansprache der BDP-Bundesrätin sei klar eine Verteidigungsrede, stellt Knill fest. «Sie betont, dass man der Realität ins Auge sehen müsse. Das heisst, dass sie die Tatsachen erkennt, während andere träumen», sagt er. «Mit den Schlagwörtern Selbstbewusstsein und Mut versucht sie sich wahrscheinlich nach den politischen Attacken der letzten Monate selber aufzubauen.»

Wenig Fleisch am Knochen

Bei den wenigsten Zuschauern dürfte wirklich etwas hängen geblieben sein, bilanziert der Kommunikationsexperte Marcus Knill. «Es wird zuviel Phrasendrescherei betrieben.» Von einer Festrede eines Bundesrats am Nationalfeiertag erwarte er Antworten auf drängende Fragen, sagt Knill. «Das ist aber gar nicht das Ziel der Reden. Die Landesregierung will bei der Bevölkerung einfach ein wohliges Wir-Gefühl erzeugen.»

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