Aktualisiert 06.07.2016 04:54

Kampfjet-Einsatz«Bundesrat muss einen Abschuss autorisieren»

Die Schweizer Luftwaffe wurde irrtümlich zum Ernstfall gerufen. Sicherheitspolitiker und Pilot Thomas Hurter erklärt das Worst-Case-Szenario.

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Um 8.34 Uhr waren zwei laute Überschall-Knalle zu hören. Die Schweizer Luftwaffe begleitete einen El-Al-Jumbo - wegen eines Fehlalarms in den USA.

Um 8.34 Uhr waren zwei laute Überschall-Knalle zu hören. Die Schweizer Luftwaffe begleitete einen El-Al-Jumbo - wegen eines Fehlalarms in den USA.

Keystone/Peter Klaunzer
«Ein bewaffneter Einsatz findet nur bei eingeschränktem oder gesperrtem Luftraum statt, der durch den Bundesrat autorisiert werden muss», sagt Sicherheitspolitiker Thomas Hurter.

«Ein bewaffneter Einsatz findet nur bei eingeschränktem oder gesperrtem Luftraum statt, der durch den Bundesrat autorisiert werden muss», sagt Sicherheitspolitiker Thomas Hurter.

Keystone/Lukas Lehmann
Zwei F/A-18 der Schweizer Luftwaffe bei einer Flugshow über Dübendorf.

Zwei F/A-18 der Schweizer Luftwaffe bei einer Flugshow über Dübendorf.

Keystone/Steffen Schmidt

Weil in einer Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al irrtümlicherweise eine Bombe vermutet wurde, starteten zwei Kampfjets der Schweizer Luftwaffe zu einer «Hot Mission» und lösten damit einen Knall aus, der in weiten Teilen der Schweiz zu hören war. «Bei einer solchen Mission werden zwei Jets eingesetzt, die die Maschine abfangen oder begleiten und versuchen, auf der internationalen Notfallfrequenz Kontakt aufzunehmen», sagt Sicherheitspolitiker Thomas Hurter, der selbst Pilot ist und auch für die Schweizer Luftwaffe flog.

Eine «Hot Mission» könne wegen eines nicht angemeldeten Flugzeugs im Schweizer Luftraum, einer Kursabweichung oder bei technischen Problemen, aber auch wegen Bombendrohungen oder Flugzeugentführungen ausgelöst werden. Bei der Mission werde der Fall abgeklärt und der Pilot der Maschine gegebenenfalls angewiesen, den Kampfjets zu folgen. Sei Funkkontakt nicht möglich, so werde versucht, visuell zu kommunizieren. «Ein Kampfjet fliegt vor das Flugzeug und signalisiert dem Piloten, dass er ihm folgen soll.»

Überschallknall am 5. Juli 2016

Um 8.34 Uhr waren über der Schweiz zwei laute Überschall-Knalle zu hören. Die Schweizer Luftwaffe begleitete einen El-Al-Jumbo. (Video: ipmedia)

(Quelle: ipmedia)

Ein bewaffneter Einsatz finde nur bei eingeschränktem oder gesperrtem Luftraum statt, der durch den Bundesrat autorisiert werden müsse. «Der Kampfjet-Pilot kann nicht einfach nach Gutdünken ein Flugzeug vom Himmel holen, erst recht keinen Passagierjet», so Hurter. Neben den in Kauf genommenen Todesopfern drohe dann auch eine diplomatische Krise. «Zuerst müssen alle anderen verfügbaren Mittel ausgeschöpft werden. In einem gesperrten Luftraum kann dann der Verteidigungsminister, momentan also Guy Parmelin, den Einsatz befehlen.»

24-Stunden-Dienst erst 2020

Hätte der Überflug des El-Al-Jumbos, bei dem eine falsche Bombendrohung gemeldet wurde, um zwei Uhr morgens stattgefunden, hätte die Schweiz ein Problem gehabt: Die Schweizer Kampfjets starten nicht vor 8 und nicht nach 18 Uhr. Den Einsatz hätten ausländische Jets übernehmen müssen, und diese hätten die israelische Passagiermaschine im Notfall nicht abschiessen dürfen. Einen solchen Fall gab es zuletzt, als im Februar 2014 eine entführte äthiopische Maschine bei ihrer Notlandung in Genf von französischen Mirages eskortiert werden musste.

Seitdem wird im Rahmen des Projekts Ilana des VBS die Bereitschaft der Luftwaffe schrittweise erhöht. Gab es bis letztes Jahr noch eine Mittagspause von 12 bis 13 Uhr 30 und Feierabend um 17 Uhr, sind die Kampfjets nun 10 Stunden am Stück startklar – an Wochentagen, während 50 Wochen im Jahr. 2017 wird diese Präsenz dann auf 365 Tage im Jahr ausgeweitet. Ab 2019 werden die Jets von 6 bis 22 Uhr bereitstehen, und Ende 2020 erfolgt dann der Ausbau auf 24 Stunden. Kostenpunkt: 30 Millionen Franken pro Jahr.

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