Schweiz verpasst Impfziel - Bundesrat muss Rückkehr zur Normalität wohl verschieben
Publiziert

Schweiz verpasst ImpfzielBundesrat muss Rückkehr zur Normalität wohl verschieben

Eine Herdenimmunität mit 85 Prozent Geimpften wird die Schweiz wohl nicht erreichen, so ein Taskforce-Mitglied. Bereits jetzt lässt der Bund durchblicken, dass gewisse Massnahmen wohl noch länger nötig sein werden.

von
Daniel Graf
Pascal Michel
1 / 9
Am 11. August fällt der Bundesrat die nächsten Entscheide zur Coronakrise. 

Am 11. August fällt der Bundesrat die nächsten Entscheide zur Coronakrise.

20min/Simon Glauser
Bereits jetzt lässt das BAG durchblicken, dass der Übergang zur Normalisierungsphase noch einmal verschoben werden könnte. 

Bereits jetzt lässt das BAG durchblicken, dass der Übergang zur Normalisierungsphase noch einmal verschoben werden könnte.

REUTERS
Denn viele Termine in den Impfzentren bleiben derzeit leer. 

Denn viele Termine in den Impfzentren bleiben derzeit leer.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Am 11. August entscheidet der Bundesrat, ob wir in die «Normalisierungsphase» übergehen, in der es kaum mehr Massnahmen geben würde.

  • Knapp 47 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind derzeit doppelt geimpft.

  • Manfred Kopf von der Corona-Taskforce rechnet derzeit damit, dass die Impfquote nicht weit über 60 Prozent hinaus steigen wird. «Dass wir bei einer solchen Quote alle Massnahmen fallen lassen können, ist Wunschdenken», sagt er.

  • Auch das Bundesamt für Gesundheit deutet an, dass die Rückkehr zur Normalität möglicherweise noch etwas warten muss.

«So wie es im Moment aussieht, befürchte ich, dass wir mit der Impfquote nicht gross über 60 Prozent hinauskommen werden.» Das sagt Manfred Kopf, Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes und Immunologe an der ETH Zürich. Derzeit sind 53,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung einmal geimpft, 46,8 Prozent haben auch die zweite Dosis schon bekommen. Dazu kommen rund 115’000 Genesene, die je nach Schwere der Infektion unterschiedlich gut immunisiert sind.

Das könnte den Öffnungsplan des Bundesrats ins Wanken bringen. Dieser sieht in der «Normalisierungsphase» vor, den Grossteil der Beschränkungen spätestens dann fallen zu lassen, wenn alle die Möglichkeit bekommen haben, sich impfen zu lassen. Schon jetzt bleiben viele Impftermine frei: Wurden am 9. Juni noch 91’906 Impfdosen an einem Tag verabreicht, waren es am 25. Juli nur noch 41’429.

«Überlastung des Gesundheitswesens ist nach wie vor realistisch»

Der Bundesrat entscheidet am 11. August über das weitere Vorgehen. «Angesichts der tiefen Impfquote ist es aber Wunschdenken, dass dann sämtliche Massnahmen fallengelassen werden können», sagt Kopf. Dies lässt auch der Bund durchblicken (siehe Box).

Kopf rechnet vor: «Bei rund zwei Millionen über 60-Jährigen wären das bei der momentanen Impfquote in dieser Altersgruppe von rund 80 Prozent 400’000 Ungeimpfte. Bei den 60- bis 80-Jährigen beträgt das Risiko, mit dem Coronavirus infiziert zu werden und daran zu versterben, zwischen 0,2 und 1 Prozent. Alleine in dieser Altersgruppe wäre also mit mehr als 2000 weiteren Todesfällen zu rechnen.»

Viele weitere kämen laut Kopf teils für lange Zeit ins Spital. Die Taskforce hatte aufgrund der dominanten Delta-Variante eine Herdenimmunität von 85 Prozent vorgeschlagen. «Berücksichtigt man alle Altersgruppen, wird klar, dass eine erneute starke Belastung des Gesundheitswesens ein realistisches Szenario ist. Das zeigen auch Berechnungen der Taskforce.»

Ältere in persönlichen Gesprächen überzeugen

Kopf plädiert dafür, gerade bei den über 60-Jährigen mehr Anstrengungen zu unternehmen, um sie von der Impfung zu überzeugen. «Bei 80-jährigen Geimpften ist das Risiko, an Corona zu versterben, etwa genau so hoch wie bei einem 50-jährigen Ungeimpften. Je älter jemand ist, der sich impfen lässt, desto grösser ist also sein Beitrag, um eine Überlastung der Spitäler zu verhindern», sagt der Immunologe.

«Wenn wir 95 Prozent der über 60-Jährigen und der sonstigen Risikopersonen impfen könnten, wäre die Herdenimmunität gar nicht mehr entscheidend. Dann könnten wir eine Überlastung des Gesundheitswesens mit grosser Wahrscheinlichkeit ausschliessen und allen ihre Freiheiten zurückgeben.» Um das zu erreichen, schlägt Kopf persönliche Gespräche mit der älteren Bevölkerung vor: «Das BAG könnte Menschen schulen, die zu den älteren Personen nach Hause gehen und sie über den Nutzen und die Risiken einer Impfung aufklären.» Derzeit sieht die Altersverteilung der Impfungen wie folgt aus:

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle geht in seinem Modell nicht davon aus, dass mit der aktuellen Impfnachfrage neue Massnahmen im Herbst abgewendet werden können. Den aktuellen Trend müsse man jetzt brechen, ansonsten könne es «im Oktober oder auch schon früher ins Auge gehen». Er schlägt vor, die Impfoffensive mit «Anreizen» voranzutreiben, etwa den Zutritt zu Innenräumen auf Personen mit Covid-Pass zu beschränken.

Ungeimpfte 20-Minuten-Leser finden, sie wollten nicht weiter durch Massnahmen geschützt werden. Das Risiko, zu erkranken, nehme man in Kauf, so Leser Patrik. «Jeder kann sich impfen lassen, Maske tragen und so weiter. Aber es ist nicht richtig, das ganze Volk zu Freiheitseinschränkungen zu verdammen.» Leser Sandro, ebenfalls ungeimpft, sagt: «Junge gesunde Menschen muss man nicht schützen wollen.»

«Es ist Zeit, in die Normalität zurückzukehren»

Fabio Regazzi, Mitte-Nationalrat und Präsident des Gewerbeverbands, fordert: «Jetzt müssen wir zur Normalisierungsphase übergehen und die Massnahmen aufheben. Das wurde uns vom Bundesrat mehrfach versprochen, sobald alle sich haben impfen lassen können.» Schutzkonzepte, Impfen und Tests bleiben laut Regazzi wichtig. «Doch es ist an der Zeit, dass wir lernen, mit diesem Virus umzugehen.»

Andernfalls befürchtet Regazzi einen Teufelskreis mit immer neuen Lockdown-Drohungen. «Das kann nicht die Lösung sein. Die Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft wurden in dieser Krise stark in ihren Freiheiten eingeschränkt. Beide haben die Normalität jetzt dringend nötig.»

Massnahmen könnten doch länger andauern

Laut dem Drei-Phasen-Modell des Bundesrats wird die Regierung die Massnahmen aufheben, sobald alle Impfwilligen sich immunisieren konnten. Gesundheitsminister Alain Berset setzte dafür den Zeitpunkt auf Ende Juli an. An der nächsten Bundesratssitzung am 11. August müsste demnach der Schritt in die Normalisierungsphase erfolgen, zumal Hospitalisierungs- und Todeszahlen vergleichsweise tief bleiben.

Auf Anfrage sagt BAG-Sprecherin Katrin Holenstein zum ursprünglichen Ziel, bis Ende Juli alle Willigen zu impfen: «Die Impfungen in den Kantonen laufen immer noch intensiv und werden wohl auch nach den Sommerferien noch andauern. Es sind somit noch nicht alle Impfwilligen geimpft.» Deshalb könnte sich der Schritt hin zur «Normalisierungsphase» nochmals verschieben: «Die Festlegung des Übergangs von der Stabilisierungs- zur Normalisierungsphase ist aufgrund der unsicheren Vorhersage der Impfbereitschaft zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich. Je mehr Personen sich impfen lassen möchten, desto länger dauert die Phase 2», heisse es dazu im Modell des Bundesrats.

Das BAG geht aber davon aus, dass sich weitere impfbereite Menschen bis im Herbst impfen lassen. «Wir stellen aktuell fest, dass die verschiedenen spontanen Impfgelegenheiten in den Kantonen wie Impfbusse oder Walk-ins auf grosses Interesse stossen.»

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

39 Kommentare