Made in Germany: «Bundestrojaner» in die Schweiz verkauft
Aktualisiert

Made in Germany«Bundestrojaner» in die Schweiz verkauft

Das umstrittene Software-Tool zum Ausspionieren von Kriminellen sei auch an Schweizer Behörden geliefert worden. Dies sagt ein Sprecher der deutschen Herstellerfirma.

von
Daniel Schurter
Der Bundestrojaner soll Medienberichten zufolge aus Hessen stammen und von der in Haiger ansässigen Firma DigiTask programmiert worden sein.

Der Bundestrojaner soll Medienberichten zufolge aus Hessen stammen und von der in Haiger ansässigen Firma DigiTask programmiert worden sein.

Der vom deutschen Chaos Computer Club (CCC) entschlüsselte Trojaner sorgt weiter für Aufregung. Die Computerexperten gehen davon aus, dass die Spionage-Software weitaus mehr kann, als in Deutschland rechtlich zulässig ist. Zum Beispiel könnte das Schnüffel-Tool auch höchst intime Daten ausspionieren. Zudem enthalte es erhebliche Sicherheitslücken.

Die in Hessen angesiedelte Software-Firma DigiTask ist ins Visier der deutschen Medien geraten. Am Dienstag hat ein Sprecher bestätigt, dass man ein entsprechendes Schnüffel-Tool entwickelt und an Ermittlungsbehörden verkauft habe. Das als «Bundestrojaner» in Verruf geratene Programm stamme mit grösster Wahrscheinlich von DigiTask, zitierte die «Deutsche Welle» den besagten Firmensprecher.

In die Schweiz verkauft

Damit nicht genug, erklärte der Firmensprecher gegenüber der «Deutschen Welle» online, dass ein gleichartiges Produkt auch ins nahe Ausland verkauft worden sei. Die Software sei an staatliche Stellen in Österreich, Holland und der Schweiz gegangen.

Gemäss seiner Aussage könnte das Schnüffel-Tool an (mehrere) kantonale Ermittlungsbehörden und/oder an Organisationen des Bundes verkauft worden sein. Welche Schweizer Organisationen das Tool tatsächlich gekauft haben, wollte der DigiTask-Sprecher nicht verraten.

20 Minuten Online hat beim Schweizer Bundesamt für Polizei (Fedpol) und beim Bundesamt für Justiz nachgefragt. Insbesondere interessiert auch die Frage, ob jemand die Übersicht hat über die Beschaffung und allfällige Verwendung solcher Schnüffel-Programme. Die Stellungnahmen blieben aus.

Umstrittene Revision

Der Bundestrojaner ist hierzulande seit längerem ein heisses Eisen (20 Minuten Online berichtete). Der Bund plante die Einführung einer solchen Überwachungsmöglichkeit und stellte im Mai 2010 eine entsprechende Gesetzesrevision vor. Die Reaktionen auf den Entwurf fielen heftig aus. Es hagelte Proteste - nicht nur von der auf Datenschutz spezialisierten Piratenpartei, sondern von links bis rechts.

Seit der Vernehmlassung liegt die umstrittene Gesetzesrevision auf Eis, wie die NZZ Anfang August berichtete. Ein Bericht sei nie veröffentlicht worden. Dafür hat das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement eine Ebene tiefer angesetzt: Nun versucht man die gewünschten Änderungen über den Verordnungsweg durchzuboxen.

Am Flughafen infiziert

Computer-Sicherheitsfirmen warnen derweil davor, dass staatliche Trojaner wie viele andere kriminelle Schadsoftware auch ein Hintertürchen beim infizierten Rechner offenlassen. Durch diese Lücke könnten böswillige Dritte Schädlinge und andere Spionage-Software einschleusen.

Ein deutscher Anwalt hat verraten, wie der Computer seines Mandanten mit dem Bundestrojaner infiziert wurde. Dies soll im Zuge einer angeblichen Routinekontrolle am Flughafen München passiert sein. Der Zoll habe das Schnüffel-Tool bei einer Sicherheitskontrolle aufgespielt, berichtete die FAZ.

60 000 Screenshots

Die Spezialisten des Chaos Computer Clubs hatten festgestellt, dass das Programm nicht nur das Abhören von Skype-Gesprächen erlaubt. Vielmehr sind die Ermittler dank dem Trojaner auch in der Lage, beliebige Funktionen nachzuladen. So könne man eine Person komplett bis hin zur akustischen und optischen Wohnraumüberwachung hin ausforschen, schreibt der «Telepolis-Blog». In Bayern sei die Software in Fällen eingesetzt worden, in denen es um die unerlaubte Ausfuhr von Medikamenten oder Online-Betrügereien mit Elektrogeräten ging. Dabei seien unter anderem mehr als 60 000 Screenshots angefertigt worden, heisst es.

Mit Material der Nachrichtenagentur ap.

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