Aktualisiert 16.03.2016 14:22

Stadt und LandBunter Roadtrip durchs Baltikum

Estland und Lettland bieten einen kontrastreichen Mix aus lebhaften Städten und fast unberührter Natur.

von
Marlies Seifert
16.3.2016

«Wir wollen den nördlichsten Pinot noir der Welt produzieren», platzt es aus Peke Eloranta heraus. Der Finne führt mit ansteckendem Enthusiasmus durch die Weinhandlung, die vor rund 100 Jahren vom Schweizer Arnold Lüscher und dem Esten Paul Matiesen gegründet wurde. Noch erinnert sein Tropfen von der Ostseeinsel Muhu eher an Essig.

Elorantas Pläne zeigen jedoch den in Tallinn allgegenwärtigen Innovationsgeist, mit dem die Sowjetvergangenheit überwunden wird: In den mittelalterlichen Gemäuern haben sich hippe Bars eingenistet, die Pale Ale aus lokalen Mikrobrauereien servieren. Eine vom KGB rege genutzte Kommunikationszentrale wurde zum Luxushotel Telegraaf. Kostenloses Internet ist in Estland ein Grundrecht, die Start-up-Szene blüht.

Frittiertes Neunauge versus Szene-Restaurant

Im Gegensatz zu den wuselnden Gassen der Hauptstadt verströmt das Viru-Hochmoor eine beinahe meditative Ruhe. Holzstege führen an üppigem Grün und tiefblauen Wasserflächen vorbei. Wir befinden uns im Lahemaa-Nationalpark, in dessen Weiten sich neben Bären, Luchsen und Elchen auch seltene Wölfe und Adler tummeln. Dank speziellen Moorschuhen, die ähnlich wie Schneeschuhe funktionieren, kann man auch abseits der vorgegebenen Wege über den saftigen Untergrund schreiten, ohne einzusacken.

Auf der von dichten Nadelwäldern gesäumten Strasse geht es Richtung Lettland. Im Küstenort Salacgriva, nahe der Grenze liefert Aleksandrs Rozensteins Einblicke in sein Handwerk. Der russischstämmige Lette fischt Neunaugen. Dazu baut er jeden Frühling einen 150 Meter langen Fangzaun. Die 70 Reusen leert er von Hand. Ein Knochenjob. Von September bis November erntet Rozensteins mit Unterstützung von Helfern bis zu einer Tonne Neunaugen pro Nacht und verkauft sie an Grosskunden, welche sie weiterverarbeiten. In Gelee eingelegt, gelten die Parasiten als Delikatesse. Vor Ort werden die aalähnlichen Wirbeltiere frittiert und von den Besuchern mit einem kräftigen Schluck Wodka runtergespült.

«Alles bio und unbehandelt»

Erlebnisgastronomie der anderen Art bietet Rigas Top-Restaurant 3 Pavaru, in dem sorgfältig angerichtete Saucen direkt von der Tischplatte getunkt werden. Koch Martins Sirmais führt durch den in riesigen Luftschiffhallen beheimateten Zentralmarkt. «Alles bio und unbehandelt», sagt er mit schelmischem Blick auf das Gemüse. «Wir lassen die Pflanzen unkontrolliert wachsen. Denn wir Letten sind faul.» Gut, hat das der Fischer nicht gehört.

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