Aktualisiert 26.12.2018 15:10

Regisseurin im Interview«Bus meiner Eltern ist eine rollende Pflegestation»

Ein Basler hat für seine gelähmte Frau einen Camper gebaut, mit dem sie um die Welt reisen. Die Tochter der beiden erzählt ihre Geschichte im Dokumentarfilm «Immer und Ewig».

von
lb

Trailer zum Film «Immer und Ewig». (Video: Freneticfilms)

Annette Bräuning (70) ist an multipler Sklerose erkrankt und vom Hals abwärts gelähmt. Seit 20 Jahren ist sie rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen. Trotzdem bereisen sie und ihr Mann Niggi Bräuning (71) in einem Camper die Welt. «Meine Frau in ein Heim bringen?» Das kommt für Niggi nicht in Frage.

Die Tochter der beiden und Regisseurin des Films «Immer und Ewig», Fanny Bräuning (43), erzählt im Interview mit 20 Minuten, wie der Dokumentarfilm entstand.

Sie haben einen Film aus der Geschichte Ihrer Eltern gemacht. Wie kam die Idee zustande?

Das ist langsam gekommen. Als meine Mutter vor 20 Jahren aus dem Koma erwacht ist, habe ich bereits im Rahmen eines Projekts an der Filmschule Zürich einen Kurzfilm über ihre Gedanken und ihre Zukunftsängste gemacht. Der neue Film ist eine Art Fortsetzung davon.

Als Tochter sieht man irgendwann gar nicht mehr, wie besonders die beiden eigentlich sind. Ich wohne in Berlin, und wenn meine Eltern mich besuchen, dann reagieren immer sehr viele Leute darauf, wenn sie vor unserem Haus campen. Irgendwann wurde mir dann bewusst, dass das tatsächlich eine sehr besondere Geschichte ist.

Sie beschreiben den Camper als rollende Pflegestation. Was für eine Bedeutung hat er für Ihre Eltern?

Als meine Mutter im Koma lag, war mein Vater der Einzige, der daran geglaubt hat, dass es nicht vorbei ist. Ich hatte mich quasi schon von ihr verabschiedet. Kurz nachdem sie wieder erwacht war, hat er angefangen, den Bus auszubauen. Er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie irgendwann wieder zusammen verreisen könnten.

Der Bus macht das Leben meiner Eltern überhaupt erst möglich. Sie können nicht in ein Hotel gehen, auch nicht in eines für Behinderte. Zuerst wollten sie ihn nur nutzen, um Familie und Freunde zu besuchen. Aber jetzt machen sie ein- bis zweimonatige Reisen damit.

Ist das nicht sehr anstrengend für Ihren Vater?

Er liebt es. Obwohl manches sicher auch körperliche Schwerarbeit ist. Er sagt manchmal, dass er nicht mehr so viel Kraft habe wie früher. Er klagt auch über Schmerzen in der Hand und Schulter. Trotzdem sind sie dieses Jahr extrem viel gereist. Mein Vater sagt, er habe Torschlusspanik.

Sie sind erst im Oktober aus Griechenland zurückgekommen, das ist ihr Lieblingsziel. Sie waren aber auch schon in Marokko und Skandinavien. Das am weitesten entfernte Ziel war vermutlich Island. Mein Vater hat einmal nachgezählt und es waren schon über 1000 Nächte, die sie so, wie es jetzt ist, im Camper verbracht haben.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie ihnen von der Idee erzählt haben, einen Film über sie zu machen?

Sie haben sehr schnell Ja gesagt. Wahrscheinlich, weil sie mich gut kennen. Ihnen war bewusst, dass wir sehr sensibel mit den Aufnahmen umgehen werden.

Was möchten Sie mit dem Film erreichen?

Behinderungen sind mit grossen Tabus behaftet. Viele sagen: So würde ich gar nicht mehr leben wollen. Für meine Eltern ist das nicht so. In Filmen geht es meist um die Behinderung oder die Krankheit selbst. Meine Dokumentation soll Mut machen.

Sie zeigt auch die Suche nach dem Sinn im Leben, die alle Menschen betrifft. Es ist eine Geschichte, die Grenzen verschiebt. Die Ärzte haben zu meinem Vater gesagt: «Das geht nicht mehr. Sie muss in ein Heim.» Für meinen Vater kam das nicht in Frage. Die beiden zeigen, dass Grenzen ausgehebelt werden können.

«Immer und Ewig»

Der Dokumentarfilm «Immer und Ewig» der Regisseurin Fanny Bräuning kommt am 31. Januar 2019 in die Kinos. Anfang November 2018 feierte der Film seine Weltpremiere beim Filmfestival in Leipzig (D). Gezeigt wird die Reise der beiden Basler Annette und Niggi Bräuning durch Südeuropa. Der Film ist für den Prix de Soleure, der bei den Solothurner Filmtagen verliehen wird, nominiert.

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