Aktualisiert 02.11.2011 14:28

Altersvorsorge

BVG-Zins sinkt erstmals unter zwei Prozent

Spätestens jetzt wird klar, dass die Turbulenzen auf den Finanzmärkten auch uns treffen. Das Altersguthaben der Pensionskassen wird so tief verzinst wie noch nie.

Tieferer Zins gleich weniger Altersguthaben gleich weniger Rente.

Tieferer Zins gleich weniger Altersguthaben gleich weniger Rente.

Die Versicherten der zweiten Säule erhalten ab nächstem Jahr auf ihren Altersguthaben so wenig Zins wie noch nie: Der Bundesrat hat angesichts der schwächelnden Börsen den Mindestzinssatz erstmals auf unter 2 Prozent gesenkt. Er beträgt neu 1,5 Prozent, wie das Departement des Innern am Mittwoch mitteilte.

Der Mindestzinssatz legt fest, wie viel Zinsen das Alterskapital in einem Jahr im Minimum abwerfen muss. Je tiefer der Satz, desto schwächer wachsen die Altersguthaben der Versicherten.

Der Bundesrat folgt mit seinem Entscheid der Empfehlung der Kommission für berufliche Vorsorge, die sich Anfang September mit zwölf zu fünf Stimmen für die Senkung des Mindestzinses ausgesprochen hatte.

SMI verlor seit Anfang Jahr 14 Prozent

Die Regierung stützte sich bei ihrem Entscheid auf die von der Kommission empfohlene Berechnungsmethode. Dabei wird einerseits der Zinssatz der durchschnittlichen Rendite von 7-jährigen Bundesobligationen berücksichtigt. Diese Rendite kann fast ohne Risiko erreicht werden.

Anderseits werden der Pictet BVG Index 93 sowie der IPD Wüest & Partner Index herangezogen. Diese widerspiegeln die Entwicklungen bei anderen Anlagekategorien wie Aktien und Liegenschaften.

Aufgrund dieser Formel wurde ein Wert von 1,5 Prozent errechnet. Berücksichtigt wurde dabei insbesondere, dass sich die Aktienmärkte in diesem Jahr negativ entwickelten und hohen Schwankungen ausgesetzt waren. So verlor der Swiss Market Index (SMI) bis Ende Oktober rund 11 Prozent. Wegen der erneuten Einbussen der letzten Tage sind es mittlerweile schon mehr als 14 Prozent.

Börsenbaissen Rechnung getragen

Die Senkung des Mindestzinssatzes auf 1,5 Prozent sei damit gerechtfertigt, schreibt das Innendepartement in einem Communiqué. Den negativen Entwicklungen und Schwankungen der Finanzmärkte sei angemessen Rechnung getragen worden.

Es ist das erste Mal in der Geschichte der zweiten Säule, dass der Mindestzinssatz unter 2 Prozent fällt. Von 1985 bis 2002 lag der Satz noch bei 4 Prozent. Seit dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrtausends wird er regelmässig der Börsenentwicklung angepasst.

Nach Ausbruch der Finanzkrise senkte der Bundesrat den Satz im Oktober 2008 wegen der - aufgrund der expansiven Geldpolitik der Nationalbank - rückläufigen Obligationenrenditen und den Unsicherheiten auf den Aktienmärkten von 2,75 auf 2 Prozent.

Kommission gespalten

Obwohl vor allem die Versicherer wiederholt auf einen tieferen Satz drängten, entschied der Bundesrat in den Jahren 2009 und 2010, den Satz bei 2 Prozent zu belassen. Damit folgte er beide Male dem Vorschlag der BVG-Kommission.

In der BVG-Kommission sind die Empfehlungen jeweils nicht unumstritten. Während die Gewerkschaftsvertreter einen Zinssatz von 2 bis 2,25 Prozent verlangten, sprachen sich die Arbeitgeberverbände für einen Satz von 1,25 bis 1,75 Prozent aus. Der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) verlangte gar eine Senkung auf nur noch 1 Prozent.

Gilt für BVG-Obligatorium

Der Mindestzinssatz betrifft nur die Lohnbestandteile, die dem BVG-Obligatorium unterstehen (derzeit 20'880 bis 83'520 Franken). Auf Lohnbestandteilen, die darüber liegen, können die Pensionskassen einen anderen - auch einen tieferen - Zinssatz festlegen.

Wie hoch eine BVG-Rente ausfällt, hängt auch vom Umwandlungssatz ab. Dieser liegt derzeit bei 6.95 Prozent für Männer und bei 6.90 Prozent für Frauen.

Aufgrund einer seit 2005 geltenden Revision des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG) wird er schrittweise auf 6,8 Prozent gesenkt. Dieser Satz gilt ab 2013 für die Frauen und ab 2014 für die Männer. Eine weitere Senkung lehnte das Stimmvolk im März mit 72,7 Prozent Nein-Stimmen ab.

(sda)

Verhärtete Fronten zwischen Versicherern und Gewerkschaft

Der neue Mindestzinssatz kommt nicht überall gut an: Während die Versicherungsbranche die Senkung auf 1,5 Prozent begrüsst, kritisieren die Arbeitnehmervertreter die Massnahme. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund spricht von einem «Geschenk an die Versicherungswirtschaft».

Die Senkung von 2 auf 1,5 Prozent erfolge ohne Not, teilte der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) am Mittwoch mit. Seine Interpretation der Geschehnisse ist eindeutig: «Der Bundesrat ist dem Jammern der Versicherungsbranche nachgekommen, die ihre fetten Gewinne im BVG-Geschäft wegen der aktuellen Finanzturbulenzen gefährdet glaubte.»

Der Schweizerische Pensionskassenverband (ASIP) bezeichnet die Senkung des Mindestzinssatzes dagegen als «notwendig». «Ein zu hoch angesetzter Mindestzinssatz würde die Pensionskassen in Ertragszwang treiben», schreibt der ASIP in seiner Stellungnahme. Das schade auch den Versicherten.

Noch einen Schritt weiter geht der Schweizerische Versicherungsverband (SVV). Er nutzte die Gunst der Stunde, um einen noch tieferen Mindestzinssatz von 1 Prozent zu fordern. Nur so könne der Bundesrat ein «klares Zeichen für die finanzielle Sicherheit der beruflichen Vorsorge setzen».

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