Calvin kam nur bis Oppenheim
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Calvin kam nur bis Oppenheim

Evangelisch, lutherisch oder uniert? Die meisten Protestanten in Deutschland sind sich ihrer genauen konfessionellen Heimat nicht ganz sicher - ganz im Unterschied zum festgefügten Standort der katholischen Kirche.

von
Peter Zschunke (AP)

Die Ursachen dafür liegen in den Wirrungen der Konfessionsgeschichte vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert und nicht zuletzt im Einfluss von Johannes Calvin, dessen Geburtstag sich am 10. Juli zum 500. Mal jährt.

Der erbitterte Streit zwischen den verschiedenen Richtungen der Reformation ist heute kaum noch nachvollziehbar. Im Zentrum stand das Abendmahl. Der Genfer Calvin und der Zürcher Ulrich Zwingli warfen Martin Luther vor, sich nicht deutlich genug vom katholischen Verständnis gelöst zu haben. Luther hielt an der «Realpräsenz» von Leib und Blut Christi in Brot und Wein des Abendmahls fest, worin die Calvinisten eine «vermaledeite Abgötterei», einen Götzendienst sahen.

Welche Folgen dieser Streit hatte, zeigte sich 1565 auf drastische Weise in der Kleinstadt Oppenheim zwischen Mainz und Worms. Die auf einer Anhöhe über dem Rhein gelegene Katharinenkirche, heute als schönstes gotisches Bauwerk zwischen Strassburg und Köln gerühmt, war damals Schauplatz eines beispiellosen Bildersturms. Die ehemalige freie Reichsstadt gehörte da längst zur Kurpfalz. Kurfürst Friedrich III. war fest entschlossen, in allen seinen Landen die von den Lehren Calvins geprägte Kirchenordnung einzuführen, zusammen mit dem Heidelberger Katechismus von 1563, der wichtigsten Schrift des reformierten Bekenntnisses, wie die calvinistische Richtung in Deutschland genannt wurde.

Am 13. Mai 1565 erschien Friedrich III. mit einer sechsköpfigen Delegation in der Katharinenkirche und entliess alle lutherischen Pfarrer und Kirchendiener nach einer kurzen Befragung, weil sie «nicht rechtgläubig» seien. Ausserdem ordnete er an, alles aus der Kirche zu entfernen, was als sichtbarer Ausdruck des Glaubens diente: «Bilder, Gemälde, Altäre und was sonst an Kleidung oder anderem der äusserlichen Abgötterei gedient hat». Begründet wurde die Zerstörung mit dem Gebot aus dem 2. Buch Mose: «Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen.» Bis heute gilt ein besonders sparsam eingerichteter Kirchenraum als Hinweis auf calvinistische Einflüsse.

Damals wurden die Wurzeln gelegt für mehr als 250 Jahre erbitterter Streitigkeiten zwischen den beiden protestantischen Konfessionen, den Lutheranern und den Reformierten. Weiter verschärft wurde der Konflikt im Dreissigjährigen Krieg, als der schwedische König «Gustav» Adolf bei seinem Kriegszug durch Deutschland alles tat, um seine Lutheraner zu fördern.

Erst mit der Union endete der Streit zwischen Lutheranern und Reformierten

Die Reformierten in der Tradition Calvins waren stets in Bedrängnis, was wohl einen Teil ihrer fundamentalistischen Neigungen erklärt. Auch in der Kurpfalz ging die Landesherrschaft 1685 wieder an die katholische Kirche. Viel weiter als bis Oppenheim ist Calvin nicht gekommen, gleich danach begannen die katholischen Herrschaftsgebiete von Mainz und Köln. Aber auch im Hunsrück war stellenweise kurpfälzisches Gebiet. Ausserdem waren reformierte Christen im Siegerland, im Bergischen Land, am Niederrhein, in Ostfriesland, in der Umgebung von Bremen und in Teilen von Berlin und Brandenburg verbreitet.

Wie beim Abendmahl, so gab es auch andere Formen der Religionsausübung, bei denen die Lutheraner den Katholiken näher standen als den Reformierten. So hatten sie ein ähnliches Taufverständnis wie die Katholiken und fast doppelt so viele Feiertage wie die Reformierten. Im Alltagsleben arrangierten sich die Menschen ungeachtet ihrer jeweiligen Konfession. Die Pfarrer betrieben bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Abgrenzung.

König ordnete Union in Preussen an

Aber unter dem Einfluss der Aufklärung kam das Prinzip der Toleranz auch unter den geistlichen Streithähnen mehr und mehr zur Geltung. In Oppenheim schrieben die reformierten Pfarrer 1797 an ihre lutherischen Amtsbrüder und riefen im Interesse der bürgerlichen Ruhe und des Religionsfriedens zur Versöhnung auf. Der lutherische Kirchenvorstand wies die dargebotene Hand damals noch zurück. Aber die Haltung der Reformierten legte bereits den Grundstein für die Union der pfälzisch-reformierten und lutherischen Kirche, die in Rheinhessen im Jahr 1822 vollzogen wurde.

In anderen Regionen ging die Union von Lutheranern und Reformierten eher vom Staat aus. So ordnete in Preussen König Friedrich Wilhelm III. 1817 die Union der lutherischen und reformierten Gemeinden an.

Heute noch zwei reformierte Landeskirchen in der EKD

Die meisten der 22 Landeskirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind heute solche unierten Kirchen, auch wenn dies ihren Mitgliedern kaum bewusst ist. Acht Landeskirchen verstehen sich als dezidiert lutherisch, etwa die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens.

Den Geburtstag Calvins feiern in diesem Jahr besonders die beiden reformierten Landeskirchen der EKD: die Evangelisch-Reformierte Kirche mit ihrem Schwerpunkt im nordwestlichen Niedersachsen und die Lippische Landeskirche in Detmold.

Die Erinnerung an Calvin sollte den Protestantismus in Deutschland veranlassen, sich seine Grundlagen neu anzuschauen und für die Gegenwart zu überprüfen. Nicht zuletzt die Ökumene verlangt zunächst ein klares Bekenntnis. Der Kurienkardinal Walter Kasper kritisierte daher kürzlich: «Das spezifisch lutherische und reformierte Profil verschwimmt immer mehr zugunsten eines gemeinsamen, aber oft unscharfen protestantischen Selbstverständnisses.»

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